Musical Revolution – »Ich bin mir sicher, all diese Stücke werden über kurz oder lang auch ihren Weg auf eine deutsche Bühne finden«

Im Gespräch mit offMUSICAL-Produzent Stephan Huber

Am 17. November 2019 feiert in der Jahrhunderthalle Frankfurt in Zeilsheim/Frankfurt-Höchst, einem Vorort von Frankfurt am Main, das Konzertformat »Musical Revolution« Uraufführung. Wir sprachen mit Produzent Stephan Huber über das ambitionierte Projekt.

United Musicals: Lassen Sie mich mit einer etwas provokanten Frage beginnen: Die Bewerbung für das Konzert enthält etwas von dem Gigantismus, den Sie und wir sonst in der Branche gerne bei großen Firmen kritisieren. Was rechtfertigt diesen Ihrer Meinung nach?

Stephan HuberFoto: privat

Stephan Huber vor der Kulisse der Mainmetropole Frankfurt
Foto: privat

Stephan Huber: »Das größte Musical-Event Deutschlands« ist natürlich sehr offensiv formuliert, aber hieraus spricht unsere Ambition und unser Verständnis dieser Kunstform und vor allem des Sub-Genres der Contemporary Musicals. »Gigantismus« finde ich hierfür aber grundsätzlich das falsche Wort. Wir müssen innerhalb der Branche dringend damit aufhören, diese modernen Musicals unter Wert zu verkaufen. Sicherlich, »Dear Evan Hansen« oder »Finding Neverland« sind hierzulande erst einmal große kommerzielle Wagnisse für Produzenten, aber die Antwort auf diese Problematik darf nicht sein, diese großartigen Stücke künstlich klein zu halten. Ein Understatement ist immer sympathisch, aber Understatement wird einem »Hamilton« oder »Fun Home« nicht gerecht, weil diese Stücke zum Besten gehören, was in dieser Kunstform in den letzten Jahrzehnten geschaffen wurde. Wir werden viele der größten Broadway-Erfolge der letzten Jahre zum allerersten Mal hierzulande auf einer großen Bühne präsentieren. Stars wie Sabrina Weckerlin, Philipp Büttner, Mathias Edenborn, Lisa Antoni werden von einem großen Live-Orchester begleitet, das Publikum erwartet eine für solche Formate ungewöhnliche Light-Show. Abgerundet wird das Erlebnis durch eine Autogrammstunde nach der Show. Darüber hinaus ist im Ticketpreis ein umfangreiches Merch-Paket samt Live-Aufnahme enthalten. Die Zuschauer sollen nicht nur die Show genießen. Dieser Abend soll in jedem, aber auch in der ganzen Branche nachwirken. Daher: Ja, es ist ein offensiv formulierter Anspruch, aber unserem Verständnis dieser Kunstform folgend ist unser Ziel, unserem Publikum das größte und schönste Musical-Event Deutschlands zu bieten.

UM: Welches sind die Ansprüche, die Sie an »Musical Revolution« haben? Was ist das Besondere?

SH: Mein Anspruch ist in erster Linie, Stücken und Songs, an die hierzulande häufig nicht einmal zu denken ist, eine angemessene Bühne zu bereiten. Und das bedeutet vor allem, den Songs musikalisch aber auch szenisch gerecht zu werden! Wenn am 17.11.2019 Zuschauer aus der Show gehen und sagen: »Ich habe noch nie etwas von ›If/Then‹ gehört, aber die Songs aus dem Musical haben mich so begeistert, dass ich mir jetzt zuhause erstmals das Broadway-Album anhöre«, dann bin ich der glücklichste Mensch der Welt. Wir wollen die Leute berühren, überraschen und für das Contemporary Musical begeistern!

UM: Wie lange planen Sie »Musical Revolution« bereits?

Charakteristische Instrumente im OrchesterFoto: offMUSICAL

Charakteristische Instrumente wie die Wasserfallrassel bei den Percussion-Instrumenten im Orchester
Foto: offMUSICAL

Die ersten Ideen für »Musical Revolution« entstanden bereits vor der Deutschlandpremiere von »Green Day’s American Idiot« im Herbst 2017. Auf diese Zeit geht auch der erste Entwurf der Setlist zurück.

Ich bin ganz ehrlich: Wir haben lange Zeit nicht das richtige Setup für dieses Format gefunden, eben weil wir anfangs auch in dem Understatement-Gedanken gefangen waren und an kleinere Locations und intimere Rahmen gedacht haben, was wiederum Einsparungen bei der Cast- und Orchester-Größe zur Folge gehabt hätten.

Erst als wir das Konzert größer gedacht und so einen Weg gefunden haben, den Stücken wirklich gerecht werden zu können, wurde das Vorhaben rund und konkret.

 

 

UM: Sie kündigen ein großes Orchester an. Wie viele Musiker werden auf der Bühne sein?

Nicolai Benner bei der Arbeit (Orchester der Musical Inc. Mainz)Foto: privat

Nicolai Benner (r.) bei der Arbeit (Orchester der Musical Inc. Mainz)
Foto: privat

SH: Grundsätzlich werden ja die Stücke, die wir spielen, selbst in London oder New York mit kleineren einstelligen Band-Besetzungen gespielt – Die modernen Pop/Rock-Partituren machen das möglich. Wir werden »Musical Revolution« mit insgesamt 13 Musikern spielen. Unser Musikalischer Leiter Nicolai Benner hat die Songs gemeinsam mit Arrangeur Luis Richter auf unsere Orchester-Größe arrangiert, und die Partituren werden teilweise noch opulenter klingen als im West End oder am Broadway! Hier wird es sicherlich die eine oder andere Überraschung geben.

UM: Angekündigt sind Song-Blöcke, die einen Eindruck der für den Großteil des Publikums unbekannteren Musicals geben. Es gibt andere Veranstalter, die hier schon Probleme hatten. Wie sichern Sie sich rechtlich ab?

Judith Caspari und Andreas Bongard bei der ProbeFoto: offMUSICAL

Judith Caspari und Andreas Bongard bei der Probe
Foto: offMUSICAL

SH: Probleme anderer Veranstalter mit unbekannten Stücken haben uns ja bislang weder bei »Hedwig and the Angry Inch«, noch bei »Green Day’s American Idiot« und auch zukünftig bei »Memphis« abgehalten. Wir sind mit offMUSICAL vor zwei Jahren angetreten mit dem Ziel, den unbekannten, aber großartigen modernen Musicals eine Plattform in Deutschland zu bereiten. Wir wissen, dass wir hier Pionierarbeit leisten und nicht auf ein seit Jahrzehnten etabliertes Publikum zurückgreifen können. »Dear Evan Hansen« und »Hamilton« sind die Zukunft des Genres, auch hierzulande. Das ist unsere Überzeugung. Aber es hilft nichts, den Leuten immer nur zu erzählen, wie großartig diese Stücke sind. Die Leute müssen diese Stücke hören und sehen. Daher »Musical Revolution« und daher auch die Weiterverwertung als Aufnahme per Downloadlink. Rechtlich ist der Abend unproblematisch, aber das Setup ist diesbezüglich natürlich entsprechend gebaut.

UM: Sie kündigen für alle Besucher ein »Best-of Live-Album« an mit den Highlights der Show. Welchen Umfang wird es haben? Und wie ist es hier mit den Rechten?

SH: Den Umfang des Albums werden wir erst nach der Show final abschätzen können. Aber klar ist natürlich, dass unser Publikum am Ende nicht eine Maxi-CD mit 3 Songs in die Hand bekommt, sondern dass wir so viele Songs wie möglich zur Verfügung stellen möchten. Wir werden die Highlight-Aufnahme auch Nicht-Konzert-Besuchern für einen wirklich kleinen Betrag über digitale Musik-Download- oder Streaming-Plattformen zur Verfügung stellen. Auch hier ist es uns primär wichtig, ein Statement zu setzen, diesen Abend zu konservieren und die von uns ausgewählten Musicals einem breiten Publikum bekannt zu machen.

UM: Angekündigt sind viele Musicalsongs aus Stücken, die teilweise eher unwahrscheinlich in den deutschsprachigen Raum kommen werden: »Hamilton« wurde abgesagt, was verständlich scheint, da es ein uramerikanisches Thema ist. Auch in London läuft es lange nicht so gut wie am Broadway. Was ist mit »Everybody’s Talking About Jamie«, »Once«, »Waitress«, »If/Then«, »Come From Away«, »Fun Home« oder »Dear Evan Hansen«?

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Raphael Groß beim Proben
Foto: offMUSICAL

Lisa Antoni beim ProbenFoto: offMUSICAL

Lisa Antoni beim Proben
Foto: offMUSICAL

SH: Ich bin mir sicher, all diese Stücke werden über kurz oder lang auch ihren Weg auf eine deutsche Bühne finden. Hier kommt es eben vor allem auf den Mut der Produzenten und Stadttheater an. Darüber hinaus sollte aber auch bei den Lizenzgebern ein Umdenken stattfinden. Ob Longruns hierzulande die große Zukunft haben, ist nach den vielen Theater-Schließungen der letzten Jahre zumindest fragwürdig, was aber nur eine Seite der Herausforderung abbildet. Denn Longruns oder Large-Scale-Tourneen sind für viele der oben genannten Stücke sicherlich nicht (mehr) die passende Spielform. Andererseits sind Replica-Produktionen im Small-Scale-Bereich aus Kostengründen nicht umsetzbar. Hier müsste auf Seiten der Lizenzgeber definitiv mehr Offenheit bezüglich den Kreativen und Produzenten hierzulande herrschen. In der richtigen Spielform, mit dem entsprechenden Commitment aller Beteiligter und mit dem passenden Kostenapparat im Hintergrund sind dann sicherlich auch Stücke wie »Once« oder »Waitress« hierzulande möglich – Aber das geht nicht von jetzt auf gleich. Denn am Ende entscheidet das Publikum, was es sehen möchte. Und wenn generell Skepsis dem Genre Musical gegenüber vorherrscht, ist es unsere Aufgabe, dieser Skepsis mit guten Stücken zu begegnen. »Green Day’s American Idiot«, »Memphis«, »Musical Revolution« sind hier nur der Anfang.

UM: Das Konzert ist bisher nicht ausverkauft. Liegt das daran, dass der Standort nicht so zentral ist wie das Ruhrgebiet, wo eine große Firma gerade alle Musical-Häuser schließt und auch andere Theater Probleme haben? Ich persönlich habe mich sehr gefreut, als OffMUSICAL ins Rhein-Main-Gebiet kam. Was meinen Sie, ist der Grund?

SH: Wir sind vom Standort weiterhin komplett überzeugt und sind stolz darauf, hier in Rhein-Main zu produzieren. Aber wir haben natürlich auch gemerkt, dass die Zuschauer heute nur noch bereit sind, für absolute Ausnahme-Musicals wie beispielsweise »Der König der Löwen« lange Reisen auf sich zu nehmen. Daher haben wir uns auch dazu entschieden, mit unseren Produktionen auf Tour zu gehen und die Stücke näher zu den Leuten zu bringen. »Musical Revolution« werden wir aber als jährlich wiederkehrendes Event hier in Frankfurt/Main etablieren. Wir sind sehr zufrieden mit dem Verkauf und wenn am Ende 1.500 Zuschauer wegen Stücken wie »Everybody#s Talking About Jamie« oder »Waitress« kommen, ist das ein toller Erfolg für uns, den wir bei Vorverkaufsstart nicht ansatzweise erwartet hätten.

UM: Als jemand, der 10 Minuten von der Jahrhunderthalle Frankfurt entfernt wohnt und mehrfach dort war, kenne ich Akustik und Bestuhlung. Die Bestuhlung in diesem Raum ist nicht günstig. Wenn jemand die Personen auf der Bühne nah sehen will, muss er vorne sitzen. Ab dem Absatz ist man schon recht weit weg. Wie wird hier bei »Musical Revolution« gegengesteuert?

SH: Da bin ich tatsächlich anderer Meinung. Ich kenne keine Halle, wo die Sicht auf die Bühne von allen Plätzen so gut ist. Ab der achten Reihe ist jede Reihe signifikant erhöht. Es gibt auf keinem Platz Sichteinschränkungen. Was den Ton betrifft, sind wir Gott sei Dank in einer anderen Situation als die vielen One-Nighter-Tourneen, die versuchen, mit ihrem häufig unzureichend gewählten Equipment der Hallengröße gerecht zu werden. Da wir das Event nur für die Jahrhunderthalle planen, können wir hier natürlich auch mit entsprechender Ausstattung auf die Besonderheiten des Hauses reagieren. Sowohl von der Bühnengröße als auch vom Ambiente des Kuppelsaals her könnten wir uns derzeit keinen passenderen Spielort für dieses Format vorstellen.

Erste Proben von Interpreten und Orchester auf der Bühne der JahrhunderthalleFoto: offMusical

Erste Proben von Interpreten und Orchester auf der Bühne der Jahrhunderthalle
Foto: offMUSICAL

UM: Weshalb reagieren die mitwirkenden Musicaldarsteller so begeistert? Ist es nur, weil sie mal etwas anderes singen dürfen als das gängige Programm? Versucht mit anderen Songprogrammen haben es auch schon andere Musicalgrößen und das Bekannte wurde vermisst. Sind wir schon so weit in Deutschland?

SH: Die Solisten identifizieren sich voll und ganz mit unserer Vision, dem modernen Musical in Deutschland eine Bühne zu bereiten. Das ist für uns wirklich ein Geschenk und alles andere als selbstverständlich. Natürlich – das behaupte ich jetzt einfach mal – ist da auch die Vorfreude, Songs live zu präsentieren, an die bei anderen Konzerten nicht einmal zu denken ist. Ich denke aber, es ist mehr noch dieses Projekt in seiner kompletten Form, das Team auf und hinter der Bühne, die großartige Band und das Feeling, ein Statement für die Zukunft dieser Kunstform zu setzen. Hier ist niemand dabei, der Musical nur als Mittel zum Zweck oder reine Arbeit sieht. Alle sind mit Leidenschaft dabei. Und ganz klar: Wer das Altbekannte sucht, ist bei uns falsch. Für diejenigen gibt es aber auch genug andere Konzert-Formate. Diese Kunstform ist so divers. Das Musical bietet etwas für jeden Geschmack. Mit »Musical Revolution« und allem, was wir bei offMUSICAL tun, versuchen wir das Genre in Deutschland um eine weitere Facette zu bereichern.

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