»Titanic« in der Bad Hersfelder Stiftsruine – erneut grandioser Stapellauf

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›Gute Fahrt‹ – Leinen los für »Die Stadt im Wasser« Foto: Sandra Reichel

2017 war die Nachfrage des Publikums nach »Titanic« so groß, dass die Produktion bei den 69. Bad Hersfelder Festspielen am Freitag, den 13. Juli 2018 Wiederaufnahme-Premiere feierte. Noch vor dem letzten Ton stand das Publikum auf der Tribüne der ausverkauften Stiftsruine und applaudierte zurecht dem 37-köpfigen Ensemble und insbesondere den 25 Musikern unter der Leitung von Christoph Wohlleben. Wo ist heute noch ein Live-Orchester dieser Größenordnung inklusive Becken, Fagott und Querflöte zu erleben? Dieses sorgt dafür, dass Maury Yestons anspruchsvolle Musik mal melodisch bombastisch, mal leise schmeichelnd und dann drohend stampfend – wenn sich in der Musik das Unglück ankündigt – die Stiftsruine erfüllt.

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›Lebe wohl (Stolz der See / Das Schiff wird beladen / Das gewaltigste, bewegliche Objekt) ‹ – Choreographie für ein Gesamtbild. Foto: Sandra Reichel

Ergänzen sich  im Stück bereits Musik und Dramaturgie auf faszinierende Art und Weise, so ist es Stefan Huber und seinem Team in Perfektion gelungen, die Inszenierung in der Stiftsruine damit zu verbinden: Gigantische, fahrende Gerüste (Bühnenbild: Timo Dentler und Okarina Peter) fügen sich in einer Chorographie zu einem Gänsehaut erzeugenden Gesamtbild der T-I-T-A-N-I-C zusammen, das sich organisch mit dem gotischen Bau verbindet. Susanne Hubrichs jederzeit stimmigen Kostüme setzen die Klassengesellschaft ins Bild: Weiß-Creme für die 1. Klasse, Weiß-Grau für die 2. und Grau-Schwarzkombinationen für die 3. Klasse. Das Konzept setzt sich in den Bediensteten der verschiedenen Decks, bis hinunter in den Maschinenraum fort. Diese Einteilung erleichtert dem Zuschauer die Zuordnung und lässt ihn in liebevoll gearbeiteten Details schwelgen – vor allem natürlich bei der 1. Klasse.

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Mrs DaMico (Samantha Turton) und Partner (Jurriaan Bles)
Foto: Sandra Reichel

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Wallace Hartley (Alexander von Hugo)
Foto: Sandra Reichel

Melissa King hat das Werk minutiös bis in die Gänge über die Bühne – inklusive der Treppentürme – sowie die Abgänge von derselben choreographiert und hält das Ensemble immer in Bewegung: Einen Höhepunkt bildet die Tanzteeszene der ersten Klasse ›Beim Klang der Ragtime-Band‹ mit dem Vorzeige-Tanzpaar Samantha Turton (auch Dance Captain) als Mrs DaMico und Jurriaan Bles als ihrem Partner. Diese Szene mit den tanzenden 1. Klasse Passagieren ist auch Aufbau mit dem Auftritt der Musiker unter Leitung des Bandleaders und Pianisten Wallace Hartley ein Genuss – nicht zuletzt durch Alexanders von Hugo in Gesang (›Herbstwind‹) und Tanz ungeheuer präsente Darstellung.

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3x Kate – Kate Mullins (Lina Gerlitz), Kate Murphey (Veronika Hörmann) und Kate McGowen (Gabriela Ryffel) gehen mit großen Zukunftsplänen an Bord. Foto: Sandra Reichel

Lebendige Tableaus der »Stadt im Wasser« aus Maschinenraum, Panoramadeck oder Brücke werden in Hubers Inszenierung abgelöst von erfrischend, auflockernden tragikomischen, komödiantischen oder emotional bewegenden Fenstern in die persönlichen Geschichten der Menschen aus der ersten, zweiten und dritten Klasse.

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Jim Farrell (Rupert Markthaler) ist ein Mann und hätte gern selbst das Ruder in Hand, doch seine Kate McGowen (Gabriela Ryffel) weiß, was sie will. Foto: Sandra Reichel

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Caroline Neville (Anja Backus) erwartet viel von ihrem Charles Clarke (Konstantin Zander) Foto: Sandra Reichel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vor allem in der dritten Klasse bestimmt die Hoffnung auf ein neues Leben von Enthusiasmus geprägte Szenen, beispielsweise der drei irischen Auswanderinnen, die alle den Vornamen Kate tragen (Gabriela Ryffel, Lina Gerlitz und Veronika Hörmann) und sich als Zofe, Lehrerin und Schneiderin ›In Amerika‹ sehen. Insbesondere Gabriela Ryffel als Kate McGowen umgarnt mit ihrer vor Energie sprühenden Darstellung nicht nur Jim Farrell (Rupert Markthaler), der zurecht schmunzelt und sich überrumpelt fühlt, da die resolute junge Frau ihn zum Ehemann und Ziehvater des Kindes, das sie unter dem Herzen trägt, auserkoren hat. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass in der schauspielerischen Leistung noch einmal eins draufgelegt worden ist. Das gilt auch für das Ausreißerpaar aus der 2. Klasse Caroline Neville (Anja Backus), die mit Charles Clarke (Konstantin Zander) in wilder Ehe ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten reist.

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›Ich will mehr‹ – Alice Bean (Kristin Hölck) will etwas Besseres sein, doch ihr Mann Edgar (Rolf Sommer) macht ihr klar, dass sie auf dem Deck der 1. Klasse nicht erwünscht sind
Foto: Sandra Reichel

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Der 1. Klasse Stewart Henry Etches (Mathias Schlung) und Edgar Bean (Rolf Sommer, r.) verstehen einander
Foto: Sandra Reichel

 

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Im Rettungsboot zählen Klassengegensätze nicht mehr. Alice Bean (Kristin Hölck, Mite) ist eine der Frauen, die gerettet wird Foto: Sandra Reichel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Neben der grandiosen Leistung von Kristin Hölck in der Rolle der liebenswert, verrückten und ihren Mann um den Verstand bringenden Alice Beane hat es Rolf Sommer als Edgar Beane sicher nicht leicht. Doch Sommer gelingt es, zu verdeutlichen, dass dieser Mann seine Alice trotz ihrer peinlichen Auftritte liebt und vergöttert. Hinreißend das Gespräch zwischen Beane und dem wunderbaren Mathias Schlung als distinguierter 1. Klasse Steward Henry Etches, der auch hinter seine Fassade blicken lässt, und die Pointen auf den Punkt setzt.

Kristin Hölck, die überdies gesanglich brilliert (›Ich will mehr‹), zeigt im Verlauf des Stücks, wie sehr Alice ihrem Mann doch zugetan ist, sodass sie am Ende fast lieber mit ihm sterben würde, als ihn zu verlassen. Mit Nachdruck muss er sie auffordern ins Rettungsboot zu steigen. Dort erfüllt sich erstmals ihre Sehnsucht: Sie sitzt mit der 1. Klasse buchstäblich in einem Boot.

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Henry Etches (Mathias Schlung, r.) hat Ida und Isidor Straus (Christine Rothacker und Uwe Dreves) gerne gedient und kredenzt ihnen den teuersten Champagner. Foto: Sandra Reichel

Im zweiten Akt ist es die Szene mit dem Ehepaar Straus, dem Etches angesichts des bevorstehenden Untergangs der »Titanic« eine der letzten Flaschen des teuersten Champagners kredenzt – wenn nicht jetzt, wann dann? Christine Rothacker bezaubert als alte Lady, die lieber mit ihrem Mann (Uwe Dreves) in den Tod geht, als ins Rettungsboot zu steigen.

Neu im Cast von »Titanic« auf sich aufmerksam macht Ansgar Schäfer als Reeder J. Bruce Ismay. Er gibt der Figur eine beißende Schärfe und macht deutlich, dass der schon fast emeritierte Captain Smith der Unverschämtheit und dem Druck, den Ismay aufbaut, nicht gewachsen ist.

Foto: Sandra Reichel

Captain Smith (Michael Floth, l.), Thomas Andrews (Alen Hodzovic) und 1. Offizier William Murdoch (Jörg Neubauer) sind fassungslos wegen dem unverschämten Benehmen von Bruce J. Ismay (Ansgar Schäfer, r.) Foto: Sandra Reichel

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Erwarten sich viel von der Fahrt (v.l.): Captain Smith (Michael Floth), Bruce J. Ismay (Ansgar Schäfer) und Thomas Andrews (Alen Hodzovic)
Foto: Sandra Reichel

Michael Flöth stand bereits bei der deutschsprachigen Erstaufführung vor 16 Jahren in Hamburg auf der Brücke und verkörpert mit der Erfahrung der Jahre erneut (schon in der »Titanic«-Premiere 2017) den alternden Kapitän. Dieser ignoriert mit einer Mischung aus Hybris, Skepsis gegenüber dem neuen Funk und Nachgiebigkeit gegenüber der Erwartungshaltung von Reeder und Passagieren die Eisbergwarnungen. Zudem überlässt er im kritischen Augenblick seinem 1. Offizier William Murdoch die Brücke, obwohl er als erfahrener Chef erkennen müsste, dass dieser die Verantwortung nicht tragen will und kann. Jörg Neubauer überzeugt und berührt in der Darstellung dieses Mannes, der in seiner Angst, zu versagen, die falsche Entscheidung trifft: ›Die Last des Kapitäns‹.

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›Der Heiratsantrag/Die Nacht hallte wieder‹ – Heizer Frederick Barrett (David Arnsperger) Foto: Sandra Reichel

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Funker Harold Bride (Markus Fetter)
Foto: Sandra Reichel

 

 

 

 

 

 

 

 

David Arnsberger und der »neue« Funker, Markus Fetter, in der Rolle von Harold Bride bewegen mit einem der schönsten Männer-Duette im Musical: ›Der Heiratsantrag/Die Nacht hallte wieder‹ auch diesmal. David Arnsperger beweist während der Wiederaufnahme-Premiere mit der Liebeserklärung des Heizers (»Werde mein!«), dass er auch die leisen Töne beherrscht. In diesem Song wird das »GMOM« des Funkcodes den Zuschauern jetzt mit »Good Morning Old Man« erklärt. Auch an anderen Stellen im Stück wurden die deutschsprachigen Texte von Wolfgang Adenberg gegenüber der Hamburger Fassung angepasst bzw. – vermutlich zur besseren Verständlichkeit.

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Captain Smith (Michael Flöth) gibt den Befehl: »Rette sich, wer kann!«, das Ehepaar Straus (Christine Rothacker und Uwe Dreves) kann sich kaum auf der schrägen Gangway halten. Doch Thomas Andrews interessiert nur, den Fehler in seinen Plänen zu finden … Foto: Sandra Reichel

Alen Hodzovic spielt erneut den unglücklichen Schiffskronstruktur Thomas Andrews, der am Anfang seine »Stadt im Wasser« noch wie den Bau der Pyramiden preist (›Zu allen Zeiten‹) und dann erleben muss, wie der Rumpf durch den gerammten Eisberg aufgeschnitten wird. Er fahndet fieberhaft nach der Ursache, bis er – wie es das Stück erzählt – kurz vor dem endgültigen Sinken herausfindet, wo der Konstruktionsfehler lag, der es dem Wassereinbruch ermöglichte das »unsinkbare Schiff« zu fluten: ›Andrews Vision‹. Wie er die Planungszeichnungen manisch korrigiert – als ob er das Schicksal korrigieren könnte –, während die Menschen über die schräge Gangway ins Wasser rutschen, gehört zu den dramaturgischen Highlights. In der Rolle von Thomas Andrews hat Hodzovic zugleich den einzigen Sprechtext, der nicht mit Maury Yestons Score unterlegt ist, wenn er das Schicksal des Schiffes mit den tonlosen Worten: »Wir werden sinken, Mr Ismay.« ausspricht.

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Alles, was von der »Titanic« übrig ist … und die Überlebenden Foto: Sandra Reichel

Am Ende stehen nur noch die (historischen) Überlebenden am Bühnenrand. Sie tragen als Accessoire jeder eine Decke, die ihnen nach der Rettung umgelegt wurde und singen vom Ende derer, die trotz freier Plätze in den Rettungsbooten nicht überlebt haben und von der gespenstischen Stille, nachdem die Letzten ertrunken sind.

Im Finale ist die schräge Bühnenebene in der Apsis der Stiftsruine ein Meer von Stühlen und Körpern, das ist alles, was von dem technischen Wunderwerk nach menschlichem Versagen auf verschiedenen Ebenen geblieben ist. Doch der Mythos der »Titanic« inspirierte Peter Stone zu dem Buch für das Musical, für das Maury Yeston die Musik schuf – noch vor dem legendären »Titanic«-Film von 1997.

Für die bleibenden Termine der absolut sehenswerten Bad Hersfelder Produktion gibt es nur noch wenige Karten. Lassen Sie sich auf ein monumentales, begeisterndes Musicalerlebnis ein!

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