»Rent« auf Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz in Neu-Isenburg

Es gibt nur jetzt

›Das Ende der Liebe‹ (oben v.l.): Vasilios Manis (Ensemble), Gerrit Hericks (Ensemble), Denis Edelmann (Tom Collins), der um Angels Tod trauert, Benjamin Beckmann (Mark Cohen); (unten v.l.): Martin Markert (Benjamin Coffin III.) mit Marina La Torraca (Mimi Marquéz), Michaela Khom (Ensemble), Anna Hofbauer (Maureen Johnson) mit Ruud van Overdijk (Roger Davis) und Denise Obedekah (Joanne Jefferson) EdelmannFoto: Kohei Hirotsu Photography

›Das Ende der Liebe‹ (oben v.l.): Vasilios Manis (Ensemble), Gerrit Hericks (Ensemble), Denis Edelmann (Tom Collins, der um Angels Tod trauert, in der besuchten Vorstellung spielte diese Rolle Vasilios Manis), Benjamin Beckmann (Mark Cohen); (unten v.l.): Martin Markert (Benjamin Coffin III.) mit Marina La Torraca (Mimi Marquéz), Michaela Khom (Ensemble), Anna Hofbauer (Maureen Johnson) mit Ruud van Overdijk (Roger Davis) und Denise Obedekah (Joanne Jefferson)
Foto: Kohei Hirotsu Photography

Komponist und Autor Jonathan Larson erlebte die Uraufführung seines Stückes »Rent« 1996 am Off-Broadway und im gleichen Jahr noch am Broadway nicht mehr. Er starb in der Nacht vor der ersten Preview und diese wurde in Form einer konzertanten Aufführung zur Gedenkfeier für Familie und Freunde. 1999 kam »Rent« im Düsseldorfer Capitol zur deutschsprachigen Erstaufführung, wurde 2007 von Wolfgang Adenberg neu übersetzt und danach vor allem im semiprofessionellen Bereich und Open Air gespielt.

Feiern ›La Vie Bohème‹ (v.l.): Joanne (Denise Obedekah), Maureen (Anna Hofbauer), Vasilios Manis (Ensemble), Gerrit Hericks (Ensemble), Angel (Manuel Dengler), Mimi (Marina La Tarroca), Michaela Khom (Ensemble) Kohei Hirotsu Photography

Feiern ›La Vie Bohème‹ (v.l.): Joanne (Denise Obedekah), Maureen (Anna Hofbauer), Vasilios Manis (Ensemble), Gerrit Hericks (Ensemble), Angel (Manuel Dengler), Mimi (Marina La Torraca), Michaela Khom (Ensemble)
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Seit dem 9. November 2017 ist das Stück, produziert von Boris Hilbert (Hilbert Productions) auf Tour durch Österreich, die Schweiz und Deutschland. Die jungen, teils auch schon erfahreneren Darsteller tragen die Produktion mit guten Stimmen, die auch in den Ensemblestücken harmonisch zusammen-klingen, und teils sehr starkem Schauspiel.

Nach der ersten deutschen Fassung von Heinz-Rudolf Kunze übertrug Wolfgang Adenberg die ebenso poetischen wie direkten Texte 2007 für das Junge Staatsmusical Wiesbaden noch einmal ins Deutsche und schuf eine Fassung, die nicht sklavisch am Original klebt. Zweifellos ist es für die Darsteller immer noch leichter, die Original-Songs zu singen, zumal einige Teile in einem schnellen rhythmischen Sprechgesang bestehen. Doch gerade wegen des wichtigen Verständnisses der inhaltlich dichten Texte ist die komplett deutsche Fassung empfehlenswert.

Larson selbst wollte seinen in den späten 1980er und frühen 1990er Jahren an Aids verstorbenen Freunden mit »Rent«, das sich an die Puccini-Oper »La Bohème« anlehnt, ein Denkmal setzen. Doch ihm gelang weit mehr: Das Musical lief von 1996 bis 2008 als eines der Stücke mit der längsten Laufzeit am Broadway und wurde mit zahlreichen Preisen, darunter auch dem Pulitzerpreis ausgezeichnet und sogar verfilmt. Auch wenn das Stück szenisch nach wie vor nicht ganz rund ist, sondern eher einen Song- und Themenreigen darstellt, bewegt es mit der zeitlosen Botschaft, dass wir im Hier und Jetzt leben und daraus das Beste machen sollten. Dabei sind diejenigen, die diese Message vermitteln, Menschen, die auf des Messers Schneide leben, denen nicht mehr viel Zeit bleibt oder die nicht wissen, was der nächste Tag ihnen bringt: Obdachlose, Aids-Kranke, Drogenabhängige.

Maureen Johnson (Anna Hofbauer)Kohei Hirotsu Photography

Maureen Johnson (Anna Hofbauer)
Kohei Hirotsu Photography

Maureen (Anna Hofbauer) besänftigt und ihre Geliebte Joanne (Denise Obdekah)Foto: Kohei Hirotsu Photography

Maureen (Anna Hofbauer) besänftigt und ihre Geliebte Joanne (Denise Obdekah)
Foto: Kohei Hirotsu Photography

Sie leben in und um eine New Yorker Künstlerkolonie, teils als illegale Hausbesetzer eines Gebäudes, das demnächst durch Sanierung eine Wertsteigerung erfahren soll. Der Vertreter des neuen Besitzers und Vermieter Benjamin Coffin III. (Martin Markert) soll die Demo der wohlhabenden Aktionskünstlerin Maureen Johnson (Anna Hofbauer) verhindern, damit kein schlechtes Licht auf den neuen Besitzer fällt. Anna Hofbauer (Kaiserin Elisabeth in »Ludwig²«) zeigt hier eine neue Facette ihres Könnens in der Darstellung der exzentrisch toughen und zugleich verletzliche Maureen und kann sich tänzerisch auch sehr sexy bewegen. Sie tanzt im Rahmen der Möglichkeiten auf der zweiten Ebene des skelettartigen Bühnenbildes von Dorota Karolczak (Ausstattung) mit Mark Cohen (Benjamin Beckmann) einen ausdrucksvollen ›Tango Maureen‹ und zieht Denise Obdekah als Joanne Jefferson in ihren Bann, die sich ihrem Sexappeal nicht entziehen kann. Das Frauen-Duett zweier starker Stimmen ›Lass mich oder verlass mich‹ ist intensiv und ein starker und zugleich intimer Auftritt. Mut zeigt Hofbauer auch mit ihrer Kuh-Aktionsnummer (›Alles klar?‹), eingepackt einzig in Frischhaltefolie, die sie sich am Ende selbst nach und nach vom Körper zieht. Die Kostüme von Dorota Karolczak wirken auf den ersten Blick bunt zusammengewürfelt, passen aber zu den Charakteren und ihrem Status. Manches könnte man auch heute noch tragen, da aber die Mode der 80er und 90er wiederkehrt, passt das ins Bild. Die farbigen Telefone mit Schnur und eines der ersten schnurlosen Telefone, das Benjamin benutzt (seit 1984) verorten »Rent« ganz klar in seiner Entstehungszeit.

Auch Benjamin (Martin Markert, 2.v.r.) war einmal mit Maureen (Anna Hofbauer, r.) zusammenFoto: Kohei Hirotsu Photography

Auch Benjamin (Martin Markert, 2.v.r.) war einmal mit Maureen (Anna Hofbauer, r.) zusammen
Foto: Kohei Hirotsu Photography

Mark Cohen (Benjamin Beckmann) zeichnet das Leben seiner Freunde auf (vorne): Roger (Ruud van Overdijk) mit Mimi (Marina La Torraca)Foto: Kohei Hirotsu Photography.

Mark Cohen (Benjamin Beckmann) zeichnet das Leben seiner Freunde auf (vorne): Roger (Ruud van Overdijk) mit Mimi (Marina La Torraca)
Foto: Kohei Hirotsu Photography.

Martin Markert spielt den ehemaligen Mitbewohner von Mark und Roger Davies (Ruud van Overdijk), Benjamin Coffin III., der sich etwas Besseres dünkt. Mit allen Tricks versucht er, seinen Auftrag für die Haussanierung zu erfüllen und schreckt dabei auch nicht davor zurück, die ehemaligen Freunde einzuschüchtern. Markert spielt präsent den arroganten Unsympathischen, lässt aber immer wieder durchblicken, dass Benjamin sich ausgeschlossen fühlt und gerne weiterhin Teil der Bohemiens sein würde.

Der Titel »Rent« meint nicht nur plakativ die »Miete«, die die Bewohner des Hauses nicht zahlen können, sondern der Begriff ist doppeldeutig zu verstehen, wie so vieles in Jonathan Larsons Stück. »rent« bedeutet auch »Zerrissenheit«, ein Kennzeichen fast aller Figuren im Stück. Mark Cohen, der als Erzähler und Kommentator durch die Handlung führt, ist zerrissen zwischen dem Wunsch, ein besseres Leben zu führen und dem künstlerischen Anspruch seiner dokumentarischen Kurzfilme, mit denen er das Leben seiner Freunde aufzeichnet. Benjamin Beckmann gelingt es mit seinem starken Schauspiel, Mark nicht nur als Zuschauer am Rande erscheinen zu lassen. Er gibt ihm Profil und überzeugt auch gesanglich.

Angel Dumott Schnunard (Manuel Dengler)Foto: Kohei Hirotsu Photography

Angel Dumott Schnunard (Manuel Dengler)
Foto: Kohei Hirotsu Photography

Mimi Marquéz (Marina La Tarroca)Foto: Kohei Hirotsu Photography

Mimi Marquéz (Marina La Tarroca)
Foto: Kohei Hirotsu Photography

›Find ein Lied‹ - Roger DaviesFoto: Kohei Hirotsu Photography

›Find ein Lied‹ – Roger Davies (Ruud van Overdijk)
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Vasilios Manis (Ensemble / Cover Tom Collins), der in der besuchten Vorstellung am 23. November in Neu-Isenburg mit einem warmen Bariton besticht, wird als Tom Collins von seinen Gefühlen für Angel aus der Bahn gerissen. Der engagierte Psychologieprofessor, den seine Offenheit zum Obdachlosen machte, erfährt eine spontane, unbedingte Zuneigung von dem sympathischen, quirligen, grazilen Paradiesvogel Angel Dumott Schnunard, wunderbar gespielt von Manuel Dengler. Angel scheint der einzig nicht Zerrissene in Larsons Stück. Im Wissen um seinen baldigen Tod kostet er das Leben aus und beschenkt Tom nicht nur mit schönen Dingen, sondern mit seiner ganzen Liebe (›Mit Liebe bedeck ich dich‹ als bewegendes Duett). Auf Angel trifft ›Lass dein Maß die Liebe sein‹, so der deutsche Titel von ›Seasons of Love‹ mehr als auf alle anderen zu. Es ist sein Lebensmotto.

Etwas mangelt es der Inszenierung von Walter Sutcliffe an Personenregie, sodass aus Figurenkonstellationen wie Roger und Mimi Márquez noch mehr herauszuholen wäre. Doch die gebürtige Brasilianerin Marina La Torraca gibt in ihrer Rolle alles und begeistert sowohl gesanglich (u. a. in dem souligen ›Feuer für meine Kerze‹) mit einprägsamer Stimme als auch mit einer vielfältigen Darstellung der HIV-positiven Tänzerin, die Roger von Anfang an auf spielerische Weise für sich zu gewinnen versucht. Doch ihre Sucht gefährdet diese Beziehung auf Zeit – auch Roger ist HIV-positiv – immer wieder, bis sie fast in seinen Armen stirbt. Während Mimi zerrissen ist zwischen ihrer Liebe und der Sucht, ist Rogers ganzes Trachten darauf gerichtet, das eine große Lied zu schreiben, bevor ihn die Krankheit Aids niederwirft. Dann trifft ihn die Zuneigung für Mimi, die er sich anfangs gar nicht eingestehen möchte, weil ihn doch nichts ablenken soll von seinem Ziel. Für die Rolle des Roger Davies ist Ruud van Overdijk vor allem gesanglich ein Gewinn. Der Darsteller hat seine Rolle bereits am Del Mar Theater in den Niederlanden gespielt und besticht durch seine rauchige, doch weiche Rockstimme nicht nur in ›Find ein Lied‹. Leider kommt seine Sprechstimme an dem Abend in Neu-Isenburg sehr leise herüber. Roger und Mimi trennen sich, weil der unsichere Roger glaubt, Mimi wäre wieder zu Benjamin zurückgekehrt, der – so wird angedeutet – einmal etwas mit ihr hatte. Ausgemalt wird das Fremdgehen in einer irritierenden, sexuell aufgeheizten Choreographie von Mario Mariano. Diese wirkt vielleicht auch deshalb so irritierend, weil kurz zuvor Angels Kampf mit dem Tod und Rückschau auf sein Leben in einer ganz ähnlichen »heißen« Tanzszene verdeutlicht worden sind, in der Bunny- und Höllenmotivik eine Verbindung eingehen.

Roger (Ruud van Overdijk) hält die fast erfrorene Mimi (Marina La Torraca) im ArmFoto: Kohei Hirotsu Photography

Roger (Ruud van Overdijk) hält die fast erfrorene Mimi (Marina La Torraca) im Arm
Foto: Kohei Hirotsu Photography

Letztendlich hält es Roger nicht lange in dem erträumten Exil ›Santa Fe‹, wohin er geflüchtet war, sondern er kehrt zurück und löst seine Gitarre im Pfandhaus aus – gerade als Mimi nach Abbruch des Entzugs halb erfroren auf einer Parkbank gefunden wird. Während Mimi in der Opern-Vorlage stirbt, lässt das Musical das Ende – wenn auch nicht den Ausgang der Geschichte – offen. Mimi kehrt aus einer Nahtoderfahrung zurück, um vorerst für Roger am Leben zu bleiben und sein fertiges Lied zu hören. Wie es im Finale als Fazit des ganzen Stückes heißt: ›Es zählt nur jetzt‹.

Das Bühnenbild der »Rent«-Produktion besteht in einem Hausfassadengerüst mit Öffnungen wie Fenstern, die Einblick in das Leben im Haus geben. Je nach Situation und Stimmung sind die Light Bars, welche die Öffnungen umgeben, unterschiedlich eingefärbt. Die zweite Ebene des Gerüsts mit einer Galerie ist über zwei rückwärtige Treppen zugänglich. Diese beiden Aufgänge umrahmen den Platz für die 4-köpfige klassische Rockband unter Leitung von Roun Zieverink am Keyboard, vervollständigt durch Leonard Kunstmann (Gitarre), Philipp Steen (Bass) und Jérôme Lellouche (Drums), die ihren Platz auf Bühne hat und nicht selten für ein Solo den hautnahen Hintergrund bildet – so bei Rogers gespieltem ›Find ein Lied‹.

Sie sorgen für einen adäquaten umrahmenden Rocksound und übertönen – auch dank der guten Tontechnik in Neu-Isenburg die Darsteller nicht. Zudem spielen sie in der anspruchsvollen Partitur die feinen Rhythmus- und Stilwechsel zwischen Rock, Tango, Soul und Zitaten aus der Puccini-Oper »La Bohème« erkennbar heraus. Verdientermaßen erhalten sie für ihre musikalische Solo-Zugabe am Ende des Abends, bei der sie ihr Können noch einmal zeigen, einen Extraapplaus.

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