Geschichten, die das Leben schreib(en)
Die Europäische Erstaufführung von »Big Fish« als Gastspiel am Theater Heilbronn

Edward Bloom (Benjamin Oeser) und Junger Will (Miles Benson)Foto: Lioba Schöneck

Edward Bloom (Benjamin Oeser) und Junger Will (Miles Benson) und Ensemble. Foto: Lioba Schöneck

Wenn Ihr Vater ein nicht versiegender Quell spannender Geschichten wäre, würden Sie ihn nicht vergöttern? Will hat das Gefühl, seinen Vater Edward Bloom gar nicht zu kennen. Er ist für ihn ein ›Fremder / Stranger‹. Wenn er überhaupt zuhause war, gab es nur die Geschichten von grandiosen, unglaublichen Abenteuern. Als der Vater ihn dann noch enttäuscht, weil er sich auf der Verlobung seines Sohnes in den Vordergrund drängt und verrät, dass Josephine schwanger ist, reagiert Will zutiefst verletzt und beginnt, alles zu hinterfragen … Erst nach Missverständnissen und einem schweren Schicksalsschlag begreift Will, was sein Vater meinte, wenn er sagte: »Sei der Held Deiner Geschichte«.

Edward Bloom (Benjamin Oeser) und Junger Will (Miles Benson)Foto: Lioba Schöneck

Edward Bloom (Benjamin Oeser) und Junger Will (Miles Benson)
Foto: Lioba Schöneck

Die Münchner Produktion der deutschsprachigen Erstaufführung des fantasiereichen Musicals von Andrew Lippa (Musik und Liedtexte) und John August (Buch) mit Studenten der Theater Akademie August Everding erlebte Ende Januar ein kurzes, sehenswertes Gastspiel im Theater Heilbronn. Die gelungene deutschsprachige Adaption der bildhaften Erzählweise lieferte Nico Rabenald.

Vertreter Edward Bloom lehnt es ab, seinem Sohn Will Bücher vorzulesen, und er schenkt ihm auch kein Geld, damit er sich kaufen kann, was ihm gefällt, sondern er überschüttet ihn mit seinen Abenteuergeschichten. Anfangs ist er für Will der große Held, der ihm zeigt, wie man mit dem ›Alabama Stomp‹ Fische fängt und seine märchenhaften Abenteuer erzählt: von der Hexe, die ihm gezeigt hat, wie sein Tod aussehen wird – nach dem Motto: »Hab Mut, denn du weißt, wie du stirbst!«. Von dem einsamen, gebildeten Riesen Karl (Robert Lankester komödiantisch berührend in einer seiner zahlreichen Rollen), der sein bester Freund wurde und beim Zirkus ein neues Zuhause fand. Und davon, wie er wider Willen ein Kriegsheld im Korea-Krieg wurde.
Als er jedoch älter wird, erkennt er, dass sein Vater kaum zu Hause ist und seine Mutter vergeblich auf ihren gutaussehenden, mutigen Mann hofft, der das tropfende Waschbecken und das leckende Dach repariert.

Edward Bloom (Benjamin Oeser) und Sandra (Theresa Weber). Foto: Lioba Schöneck

Edward Bloom (Benjamin Oeser) und Sandra (Theresa Weber). Foto: Lioba Schöneck

Die Projektion von Wills Regenbogen (Licht: Georg Boeshenz), der bei dem Kind noch farbig war, besteht jetzt aus Grauabstufungen. Sandra liebt trotz allem ihren Mann, dessen Geschichten sein Leben schreiben, in dem sich Wahrheit und Fantasie vermischen. Immerhin hat er drei Jahre – wie Jakob in der Bibel für seinen Schwiegervater Laban – für die Information, wer sie ist, für den Zirkusdirektor gearbeitet. Dann hat er ihr Herz durch seine hartnäckige Werbung um sie mit den gelben Narzissen, die sie so liebt, gewonnen. Doch genauso liebt sie auch ihren Sohn, das sind die beiden Menschen, die einzig für sie zählen.

Will dagegen fängt zunehmend an, an der Wahrheit der Geschichten zu zweifeln. Nachdem der Vater ihn auf seiner eigenen Verlobung enttäuscht, vorgeführt und durch seinen Charme ausgestochen hat, kommt es zum Bruch. Will versucht Licht in Edwards Vergangenheit zu bringen, obwohl seine Verlobte Josephine, die Sandra und Edward sehr mag, ihn davor warnt. Während Will seinem Vater vorwirft, dass er vor der Wirklichkeit davon gelaufen ist, erkennt Josephine, dass Edwards Geschichten etwas lehren.

Doch Wills Misstrauen wird erst recht geweckt, als er bei seinem Wühlen in der Vergangenheit in einer der Kisten auf dem Dachboden, auf den Kaufvertrag eines Hauses in Edwards Heimatstadt Ashton stößt. Dieser nennt den Namen einer anderen Frau als seiner Mutter, mit der sein Vater einst ein Haus gekauft hat. Auch als dieser an Krebs erkrankt und ins Krankenhaus kommt, macht Will weiter. Er reist quer durch das Land nach Ashton und sucht Jenny Hill auf.

Josephine (Wiebke Isabella) mit Will (Matias Lavall)Foto: Lioba Schöneck

Josephine (Wiebke Isabella) mit Will (Matias Lavall). Foto: Lioba Schöneck

Jenny (Julia Elena Heinrich) und Edward Bloom (Benjamin Oeser)Lioba Schöneck

Jenny (Julia Elena Heinrich) und Edward Bloom (Benjamin Oeser). Foto: Lioba Schöneck

Von ihr erfährt er, dass sein Vater hier als Held gilt, denn ohne ihn gäbe es diese Stadt gar nicht. Als eine Überflutung drohte, hatte er die Bewohner der Stadt dazu gebracht, die alte Stadt aufzugeben, um ›Noch einmal‹ neu anzufangen. Damals hatte er sich und Jenny das Haus gekauft, war jedoch schließlich zu Sandra und ihm zurückgekehrt. Davon hatte Edward seinem Sohn nie erzählt. Als Will an das Krankenbett seines Vaters kommt, liegt dieser im Sterben. Sein letzter Wunsch ist, dass Will das Schlusskapitel seines Lebens erzählt – so wie er einst ihm … Beim Erzählen werden die Figuren aus Edwards Geschichte und die ihm einprägsamen Erinnerungen lebendig. Beide kehren an den Fluss zurück mit der Nixe und den springenden Fischen. Will erkennt, dass es die Kraft des Erzählens ist, die seinen Vater ausgemacht hat und schließt Frieden. Am Ende sehen wir ihn, wie er seinen Kindern selbst Geschichten erzählt.

Andreas Gergens liebevolle, ideenreiche Inszenierung dieser fantasievollen Geschichte, in der die Möglichkeiten des Lebens in Dingsymbol-artig auftauchenden Kisten stecken, ist schon allein im ersten Akt reich an schönen Details. Einzig die Verbrennung des hasenartigen Lamms in der Alabama Lamb-Zauber-Nummer hinterlässt ein Kopfschütteln ob seines Sinnes.

Sinnvolle Projektionen (Sam Madwar) unterstreichen die Wechsel der Spielorte und Erzählebenen. Sie verlängern das intelligente nach vorne gezogene Bühnenbild (Sam Madwar), in das man wie unter das Dach eines Farmhauses oder einer Höhle hineinschaut.

Edward Bloom (Benjamin Oeser) und Junger Will (Miles Benson)Foto: Lioba Schöneck

Edward Bloom (Benjamin Oeser) und Junger Will (Miles Benson). Foto: Lioba Schöneck

Geschickt werden die kleine Welt von Alabama und die Großstadt New Yorks im Hintergrund, in der Will mit Josephine lebt, kontrastiert. Eine der schönsten Projektionen bildet sicher der Flug nach Alabama, nachdem Will vom schlechten Zustand seines Vaters erfährt. Wie nahe Leben und Tod beieinanderliegen, wird durch die Narzissen deutlich: mit denen Edward um seine große Liebe wirbt, die auf das glückliche junge Paar, das allen Widerständen zum Trotz zusammenkommt, herabregnen, die aber auch die schwarzgekleideten Besucher der Beerdigung in den Händen tragen. Im Text heißt es, Narzissen sind ein »Sinnbild für Gemeinsamkeit«. Sie stehen aber auch für die Hoffnung auf Wiederauferstehung und wurden im Alten Ägypten und Griechenland den Toten mitgegeben.

Edwards Sandra (Theresa Weber) taucht immer wieder auf, hier als eine Miss USAFoto: Lioba Schöneck

Edwards Sandra (Theresa Weber) taucht immer wieder auf, hier als eine Miss USA
Foto: Lioba Schöneck

Tanz im SeilFoto: Lioba Schöneck

Tanz im Seil (Ensemble). Foto: Lioba Schöneck

Danny Costellos jederzeit passende Choreographien, vom an das Original angelehnten ›Alabama Stomp‹, über den Büchertanz des Ensembles, bis zum Reisetanzschritt von Edward mit dem Riesen Karl. Dass das Stück aus den USA zu uns kommt, wird in der patriotischen Stepp-Nummer mit Fahnenschwingern deutlich, die dem Original nahe kommt und den Studenten der August Everding Akademie einiges abverlangt. Beeindruckend ist auch die Lasso-Nummer von Edward und Will, die sich an einen Line Dance in dem Western-Albtraum des kranken Edward anschließt. Hierhin gehört auch die Seilsprung-Nummer. Ist er auch der Urheber der Jackie-Chan-Choreographie in Edwards Kampf gegen den Giftmörder? Das stimmige Bild vervollständigen Ulli Kremers fantasievolle, nicht überladenen Kostüme, die wunderbar die einzelnen Personen, Rollenbilder – ob Hexe, Riesen, Zirkusdirektor oder die Bewohner von Ashton und auch Situationen charakterisieren.

Ensemble von »Big Fish«. Foto: Lioba Schöneck

Ensemble von »Big Fish«. Foto: Lioba Schöneck

Vom plätschernden ›Be a Hero / Alabama Stomp‹, dem spielerischen Country-Song ›Little Lamb from Alabama‹ über die rockige, Percussion-betonte ›Hexen Sequenz‹ (ein mitreißender Rocksong, dem Lisa Rothhardt sich mit ihrer Röhre gewachsen zeigt), Zirkusmusik, bis hin zu Sandras melancholischer Ballade mit Cello-Akzenten ›I Don’t Need a Roof‹ (Theresa Weber mit schöner Tiefe), Wills ›Fremder / Stranger‹ (Matias Lavalls berührendes Solo mit Reprise) oder dem vom wunderbaren Benjamin Oeser (erfahrener Schauspieler, der seit 2015 eine Zusatzausbildung an der Münchner Ausbildungsstätte absolviert) vorgetragenen ›Es endet hier / How It Ends‹ hat Andrew Lippa ein Kaleidoskop an Musiknummern komponiert, die doch ein harmonisches Ganzes ergeben, wie die Geschichten, die Edward Bloom erzählt. Unter Leitung von Tom Bitterlich am Keyboard 1 spielt das »Big Fish«-Orchester die Stile und besonderen Akzente klar heraus.

Das Stück von John August hat vielleicht kleine Längen, die ein oder andere Szene könnte etwas kürzer sein, aber insgesamt ist die abenteuerliche, Mut-machende Geschichte in Gergens Inszenierung absolut mitreißend und dürfte Jung und Alt gefallen.

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