Wenn es Luther nicht gegeben hätte, sähe die Weltgeschichte vermutlich anders aus –
Regisseur Andreas Gergen im Interview

Foto: Thomas Brand

Andreas Gergen
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United Musicals: Sie haben zahlreiche Stücke inszeniert, im kleinen sowie großen Rahmen, mit Opernchor und zahlreichen Kindern auf der Bühne und auch auf großen Open-Air-Bühnen. Doch diese Arbeit für »Luther« ist auch für Sie etwas Neues.

Andreas Gergen: Mit 3000 Chorsängern zu arbeiten, wäre wohl für jeden neu. (lacht) Das ist wirklich einzigartig. Dieter Falk und Michael Kunze haben hier zusammen mit der Creativen Kirche etwas ganz Neues aus der Taufe gehoben.

UM: Wir hatten das Vergnügen, bei dem ersten Projekt dieser Art, »Die 10 Gebote« dabei zu sein, das bereits choreographiert und halbszenisch auf die Bühne kam. Darf man, da man Sie als Regisseur ins Boot geholt hat, noch mehr ein Musical-Erlebnis erwarten?

AG: Das Stück ist aufgebaut wie ein Musical, wird aber mit dem Anspruch, etwas Neues zu machen und in der Form, wie es jetzt aufgeführt wird, als Pop-Oratorium bezeichnet. Aber wer weiß, vielleicht entsteht daraus doch noch mal eine Ausarbeitung in der Art von »Moses – Die 10 Gebote«, welche dann auch als Musical bezeichnet werden kann.

UM: Was heißt bei dieser Form der Aufführung Regie?

AG: Das weiß ich nach dieser Woche sehr wohl. (lacht) Natürlich gibt es die 12 Solisten. Mit ihnen habe ich nach der Manier, wie sie bei den halbszenischen Aufführungen in Wien (»Love Never Dies« oder »Das Phantom der Oper«) funktionierte, gearbeitet. Gewissermaßen wie bei Workshops habe ich mit wenig Aufwand auf der Bühne versucht, die Situationen und Orte zu erzeugen. Dann haben wir die jeweiligen Charaktere so genau wie möglich herausgearbeitet.

UM: Wenn der Chor musikalisch sozusagen die Hauptrolle spielt, welche Aufgabe haben die Solisten?

AG: Sie erzählen und zeigen die Geschichte, während die 3000 Sänger wie der griechische Chor das Geschehen aus heutiger Sichtweise kommentiert.

UM: Welche Geschichte erzählt Michael Kunze?

AG: Interessant ist, dass es sich nicht um ein biographisches Werk handelt, bei dem die einzelnen Lebensstationen von der Geburt über die Kindheit bis zum Tod abgearbeitet werden – das wäre auch viel zu vorhersehbar –, sondern dass Luthers Wirken von den drei Tagen, die er auf dem Wormser Reichstag verbracht hat, aufgefächert wird. Man blickt auch in die Kindheit zurück – aber ausgehend von diesem einen Ereignis. Das finde ich von Michael sehr clever und auch spannend gemacht.

UM: Wenn man sich die Stationen der Handlung, wie sie Michael Kunze selbst aufgeschrieben hat, einmal anschaut, wirkt das Stück historisch bedingt sehr männerbezogen. Als Gegengewicht hat er die Figur der Lara eingeführt. Welche ist ihre Funktion?

AG: Diese Figur haben wir in der Rollenarbeit auch noch weiter ausgearbeitet. Dabei gingen wir davon aus, dass Lara heute eine Bettlerin wäre. In der Geschichte muss sie sich als Marketenderin verdingen, d. h. sie war eine Frau, die die Soldaten versorgt hat, aber auch für gelegentliche sexuelle Dienste zur Verfügung stand. Der Grund dafür, dass sie arm ist, liegt darin, dass die Kirche ihren Hof abgebrannt hat, weil sie dem Herrn, in diesem Fall ist das der Klosterherr, den Zehnten nicht mehr zahlen konnte. Sie lebt wegen der Kirche auf der Straße und ist vom Glauben abgefallen. Doch dadurch, dass sie Luther aus der Kindheit kennt und seinen Werdegang verfolgt, findet sie auch wieder zum Glauben zurück. Das haben wir zusätzlich zu dem, was Michael Kunze schon konzipiert hat, der Sophie (Berner) als Subtext für ihre Rolle mitgegeben.
In dieser Art haben wir versucht, jeder Figur eine Entwicklung oder eine Situation zu geben, in der sie steht – als Futter für die Rolle. Damit so tolle Darsteller auch etwas zu spielen haben: Angefangen von Frank Winkels als Luther, der bereits mein Aaron war, und Sophie Berner, mit der ich schon bei »Der Graf von Monte Christo« gearbeitet habe, dann Léon van Leeuwenberg oder Andreas Wolfram, der in »Schrek« dabei war. Das ist Teil der Rollenarbeit – zu schauen: Wo steht die Figur? Wo geht sie hin? Was ist wichtig an ihr? Was für eine Entwicklung macht sie durch? Das sind die Fragen, die wir uns in der Probenarbeit stellen. Wir haben wirklich von morgens bis abends intensive und harte Proben gehabt. Ich bewundere das Ensemble für die Konzentration, die diese Truppe die ganze Woche hindurch hundertprozentig gehalten hat. Trotzdem blieb uns hier und da noch Zeit, um in Ruhe über die Rollen zu sprechen, damit das Ganze auch inhaltlich gefüllt wird. Sodass wir nicht nur von der Seite des Stagings schöne Bilder stellen, sondern damit die Darsteller auch jederzeit wissen, welche Haltung sie psychologisch haben.

UM: Sonst ist ein Stück mit wenig Ausstattung auch nicht zu tragen. Es muss starke Figuren haben.

AG: Starke Szenen und starke Figuren – ganz richtig. Wir spielen mit 11 Stühlen – alle haben einen Stuhl, außer Martin Luther. Dieser hat noch keinen Platz. Mit diesen Stühlen versuchen wir verschiedene Situationen zu erzeugen.

UM: Woher kommt dieses Spiel mit Stühlen, dass ja jetzt beispielsweise auch bei der Inszenierung von »Mozart!« in Wien eine Rolle spielt?

Andreas Gergen und Luther-Darsteller Frank Winkels bei der Kick-Off-Probe in Dortmund<br>Foto: Thomas Brand

Andreas Gergen und Luther-Darsteller Frank Winkels bei der Kick-Off-Probe in Dortmund
Foto: Thomas Brand

AG: (schmunzelt) Das ist ein zufälliges Zusammentreffen. Als ich vor etwas einem Jahr mit dem Auftrag für »Luther« betraut wurde, hatte ich die Idee mit den Stühlen und erfuhr ein halbes Jahr später, dass diese auch bei »Mozart!« eine wichtige Rolle spielen. Doch die Idee ist ja nicht neu, sondern leitet sich von dem amerikanischen Workshop-Prinzip her. Unter anderem ist auch die Inszenierung von »Chicago« so entstanden. Sie ergab sich spannenderweise aus einem Workshop, in dem man das Stück in einer neuen Fassung ausprobieren wollte. Das gefiel so gut, dass man die Situation eines leeren Raums nur mit Stühlen und dem Orchester auf der Bühne aus dem Workshop in die Originalproduktion übernahm. Auf diese Weise entstand aus der Workshop-Tradition eine Inszenierung.
Letztendlich machen wir es auch so: Orchester und Band sind auf der Bühne. Dazu kommen die Stühle, die mal im Spiel sind – etwa als großer Scheiterhaufen, auf dem Luther als Ketzer verbrannt werden soll oder als Verkaufsstand des Verlegers Froben, bei dem sich das Ensemble in eine große Druckmaschine verwandelt. Auf der einen Seite gibt Froben ein Buch hinein und auf der anderen Seite kommt es vervielfältigt heraus. So entstehen mit einfachen Mitteln und mit dem Ensemble im Vordergrund ganz viele assoziative Bilder.

UM: Was ist Ihnen an der Geschichte besonders wichtig?

AG: Wichtig ist mir, das Ganze aus einer sehr weltlichen Sicht darzustellen. Ich möchte niemanden zu Luther bekehren und hebe auch keinen moralischen Zeigefinger, sondern mir ist es wichtig, zu zeigen: Schau mal, das hat er geleistet, er hat seinen Mann und zu seinem Wort gestanden. »Hier steh‘ ich. Amen«. Ich möchte deutlich machen, was für ein starker Charakter, was für eine starke Figur er war. Zudem geht es darum verständlich zu machen, was er in der Weltgeschichte ausgelöst hat. Wenn es Luther nicht gegeben hätte, sähe die Weltgeschichte vermutlich anders aus. Sein Denken und Handeln hat sich sehr auf die Weltpolitik ausgewirkt.

UM: Wenn man sich die Stationen im Stück anschaut, wird einem deutlich, dass er durch seine religiöse Revolution Veränderungen in der Politik, der Gesellschaft ja sogar in der Wirtschaft angestoßen hat. Das war mir in dem Ausmaß nicht klar.

AG: Mir war auch nicht bewusst, wie sehr Kirche, Kaiser und Handel – und damit die Wirtschaft – einander bedingt haben. Dass sie letztendlich unter einer Decke steckten und miteinander Absprachen getroffen haben. Leidtragender war das Volk, aus dem heraus Luther trat und mit dem Ablasshandel aufräumte – diesem Handel, an dem sich nicht nur die Kirche bereichert hat, sondern auch die Fugger. Der Kaiser musste mitspielen, war so etwas wie ein Spielball. Eine sehr spannende Konstellation. Deshalb war es im Interesse von allen dreien – Kaiser, Kirche und Fuggern –, dass Luther aus dem Weg geschafft wird. Im Grunde handelt es sich um eine Art Politthriller. Dass Luther vor diesen drei Mächten nicht in die Knie gegangen ist, ist eine bemerkenswerte Leistung. Er stand zu seinen Aussagen und übernahm Verantwortung. Damit sprechen wir mit dem Stück zeitlose Themen an.

UM: Demnach geht es darum, die Relevanz von Luthers Denken für die Menschen von heute zu zeigen.

AG: Deshalb spielen wir auch in heutigen Kostümen. Die Herren tragen Anzüge, die farblich symbolisch zugeordnet sind: Der junge Kaiser, den bei uns der 18-jährige Paul Falk spielt, war damals erst 16 Jahre alt. Er trägt einen weißen Anzug, eine goldene Basecap, Ketten und eine goldene Uhr sowie goldene Turnschuhe. Luther wurde als »Der schwarze Mönch« bezeichnet, weshalb er ein schwarzes Shirt mit Kapuze in Anlehnung an die Kapuze der Mönchskutte zu einer schwarze Armeehose und darüber ein Jackett trägt. Die Kostüme sind ganz modern, aber charakteristisch. Das macht es noch direkter und lässt es nicht wie eine Geschichte aus dem Mittelalter wirken, sondern als ob das Ganze heute passieren könnte, wenn sich jemand gegen die Großmächte auflehnen würde. Jeder – egal ob katholisch, evangelisch oder ob jemand, der sich gar nicht für Religion interessiert, findet einen Zugang zu »Luther«, weil das Stück allgemeinmenschliche Themen anspricht.

UM: Auf diese Weise Interesse an Luther zu wecken, ist auch mutig von der Kirche.

AG: Für ein Werk, das im Rahmen von Kirche gezeigt wird, gibt es auch die ein oder andere mutige Szene: In der Fugger-Szene legt eine unserer Damen einen kleinen Strip hin und steht dann nur in Dessous und Strapsen da. Sie stellt den Mammon dar und die Banker liegen vor ihr auf dem Boden und suhlen sich im Geld. Sie verfallen dem Geld wie einer Prostituierten. Wenn diese sich am Ende dem Fugger an den Hals wirft, sieht man, dass ihr Rücken wie verfault aussieht und Spinnen darauf sitzen. Damit entspricht sie einer Allegorie, die sich am Wormser Dom findet. Dort gibt es auch eine Figur, die von vorne schön aussieht, doch wenn man dann um sie herum geht, kriechen auf dem Rücken Schlangen, Spinnen und Maden umher und er verwest.

UM: Luther war auch Komponist. Wir kennen alle die Hymne ›Ein feste Burg‹ und das Weihnachtslied ›Vom Himmel hoch, da komm ich her‹, doch dass Luther u. a. diese komponiert hat, werden vielleicht nur wenige wissen.

Zusammentreffen der Chorsänger und des Regisseurs in der Grugahalle in Essen.Foto: Thomas Brand

Erstes Zusammentreffen der 3023 Chorsänger und des Regisseurs in der Grugahalle in Essen.
Foto: Thomas Brand

AG: Dieter Falk hat ›Ein feste Burg‹ auch in seiner Komposition zitiert. Es gibt eine Nummer am Anfang vom zweiten Akt, ›Hammerschläge‹, die auf Luthers Anschlag der 95 Thesen zurückblickt, in der das Ensemble am Ende mit nach oben gestreckten Fäusten wie auf Schalke zum Zuschauerraum gewandt dasteht und mit den Zuschauern zusammen ›Ein feste Burg‹ schmettert.

UM: Was erwartet den Zuschauer von »Luther« weiterhin für Musik?

AG: Sie klingt mit Pop-Rock sehr heutig, ist aber auch theatral. Dieter und Michael haben eine sehr schöne musikalische Sprache gefunden, um die Figuren zu charakterisieren und auch Einflüsse der Zeit aufzunehmen. Hier und da sind deshalb auch ein paar mittelalterliche Klänge zu hören, aber der Grundton ist sehr modern, an die heutigen Hörer gerichtet. Die Musik ist ansteckend und trägt mit ihrer Kraft in den Zuschauerraum. Da bleibt, glaube ich, niemand sitzen, wenn wir an einigen Stellen auffordern, zu klatschen und mitzusingen. Die Texte werden auf großen Projektionsflächen übertragen, und ich bin sicher, der Zuschauer weiß, wenn die Zeit da ist, sich an der Show zu beteiligen.

UM: Die Form des Oratoriums ist ja auch ein Rahmen, der diese Einbindung des Publikums ermöglicht.

AG: Apropos Oratorium – ich glaube, dieses Woche waren alle überrascht, dass wir doch vieles sehr szenisch ausgearbeitet haben und wie viel wir in den 6 Tagen Probenzeit tatsächlich geschafft haben. Da war sehr viel Organisation dabei, um das Programm durchzuziehen, doch wir haben es jeden Tag geschafft, bis zu der Stelle zu kommen, die ich zu Hause im Wohnzimmer disponiert und an die Kollegen weitergegeben hatte; alles hat gepasst. Ich finde es toll, dass wir trotz des offenen Spielkonzepts eine richtig kleine Produktion auf die Beine gestellt haben, in der es viel zu sehen gibt. Wir haben kein Stehtheater, sondern es geht richtig zur Sache.

UM: Vielen Dank für diese lebendigen Einblicke in die Entwicklung von »Luther« auf der Bühne.

Die Uraufführung am 31. Oktober 2015 in der Dortmunder Westfalenhalle bildete zugleich den Auftakt für eine Tour, die im Vorfeld von 500 Jahre Reformation ab Januar 2017 stattfinden und in einer Aufführung am 31. Oktober 2017 in Berlin gipfeln wird.

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