Für mich ist Luther vor allen Dingen aus menschlicher Sicht spannend – Frank Winkels im Interview

Foto: Gregory B. Waldis

Foto: Gregory B. Waldis

United Musicals: Das große Luther-Jubiläumsjahr mit 500 Jahren Reformation ist erst 2017. Trotzdem verwundert es, dass die Uraufführung des Luther-Oratoriums am 31. Oktober 2015 nicht mehr beworben wurde.

Frank Winkels: Ich denke, für die Creative Kirche beginnt mit der Uraufführung in der Dortmunder Westfalenhalle das Projekt erst so richtig. Da kann man zeigen, was für das Luther-Jahr auf die Beine gestellt worden ist, bevor das Stück ab Januar 2017 in acht Großstädten auf die Bühne kommt. Am 31. werden auch zwei DVDs produziert, zum einen wird es eine DVD von der Show geben, aber auch eine DVD »Hinter den Kulissen« soll herauskommen. Ich denke, dann wird man erst anfangen, das Ganze nach vorne zu bringen und die Pläne für die Tour offenzulegen. Danach wird es sicher auch einige Promotion-Termine geben, ich denke und hoffe, auch im Medium Fernsehen. Dass sie jetzt schon mit der Uraufführung starten, auch wenn die meisten Aufführungen erst ab Januar 2017 sind, finde ich sehr clever.

UM: Kommen wir zum Stück selbst. Auch wenn hier der Begriff »Oratorium« verwendet wird, handelt es sich doch um ein Musical, wenn ich das richtig sehe?

FW: Absolut, und es wird auch sehr facettenreich inszeniert. Doris Marlis ist eine ganz tolle Choreographin und auch Regisseurin, aber dadurch, dass man Andreas Gergen als Regisseur noch mit ins Boot geholt hat, hat das Ganze doch noch einmal eine andere Ebene bekommen. Er sprüht nur so vor Ideen für die Umsetzung. Zudem kann er sich als jemand, der selbst mal auf der Bühne gestanden hat – auch wenn er darüber eher zurückhaltend spricht – sehr gut in die Darsteller hineinversetzen und hat einen ganz anderen Umgang mit ihnen. Das sieht sicher jeder anders, aber ich persönlich mag es, wenn ein Regisseur ein bisschen neben einem steht und Auge in Augen mit einem über den jeweiligen Charakter spricht – wenn er ganz aktiv dabei ist. Das ist etwas anderes, als wenn er hinten am Tisch sitzt und sagt: »Probier doch mal das oder das«, und das Ganze eher intellektuell angeht. Ich bin auch ein aktiver und durchaus auch emotionaler Typ und da kommt mir Andreas‘ Vorgehensweise sehr entgegen. Es ist die dritte Produktion, die wir zusammen machen und es macht großen Spaß, mit ihm zu arbeiten.

UM: Ausgangspunkt des Stückes ist der Wormser Reichstag 1521, die Situation, in der Luther entscheidet, ob er seine Schriften widerruft oder nicht. Von diesem aus werden wichtige Stationen und Mächte, denen Luther ein Dorn im Auge war, und auch die Veränderungen, die er gesellschaftlich anstößt, beleuchtet. Wer ist dieser Luther für Sie?

Darsteller und Figur. Foto: Thomas Brand

Darsteller und Figur. Foto: Thomas Brand

FW: Ich unterscheide zwischen der historischen Person und meiner Darstellung. Zu dem historischen Luther einen Zugang zu finden, ist schwer. Man kann Biographien lesen und Bücher, die einem die damalige Zeit näher bringen, doch man hat nicht in dieser Epoche gelebt. Wenn Luther aufgrund von Teufel, Bestrafung und Scheiterhaufen – das jetzt nur mal als Schlagworte – beeinflusst wurde, kann man das aus der heutigen Zeit schwer nachvollziehen, weil es das so nicht mehr gibt. Ich kann nur versuchen, mich in seine Epoche hineinzudenken, oder Bezüge zur heutigen Zeit zu finden – nicht direkt vergleichbare, aber auf der gleichen emotionalen Ebene. Für mich ist Luther deshalb vor allen Dingen aus menschlicher Sicht spannend. Ich muss mich fragen: »Warum hat er so gehandelt? Was hat ihn getrieben, was ihn bewegt und inwiefern finde ich das in der heutigen Zeit wieder?« Beispielsweise hatte er große Zweifel, ja sogar Todesängste gehabt. Er war keiner, der glaubte, er hätte die Weisheit mit Löffeln gefressen und würde den richtigen Weg kennen. Er hat vieles infrage gestellt und ist mit der Kirche nicht konform gegangen. Ich selbst bin katholisch erzogen und mir ging das ähnlich. Ich habe auch nicht zu allem Ja und Amen gesagt und viele Dinge hinterfragt. Dann habe ich ein Stück weit versucht, meinen eigenen Weg zu finden. In »Luther« gibt es den Song ›Selber denken‹, was es für mich sehr gut zum Ausdruck bringt: Jede Glaubensrichtung kann eine Stütze oder ein Anker sein auf dem Weg, aber in letzter Konsequenz geht es darum, selbstständig zu denken und für sich selbst eine Antwort zu finden auf die Fragen: Wie lebe ich meinen Glauben und wie lebe ich als Mensch? Was habe ich für ein ästhetisches Empfinden? Was habe ich für eine Meinung? Wie möchte ich mit den Menschen um mich herum umgehen? Dazu regt Luther an, wenn er die Leute auffordert, sich nicht einfach von der Kirche sagen zu lassen, was sie tun sollen, sondern selbst zu denken. Nur dann kann man aus voller Überzeugung sagen – und jetzt verwende ich wieder ein Luther-Zitat: »Hier stehe ich«. Ich habe meinen eigenen Weg, meinen eigenen Glauben gefunden. Das bin ich, so lebe ich. Luther meinte das in keinem bekehrenden Sinn. Er wollte nicht, dass die Menschen genauso leben sollten wie er. Wenn überhaupt sah er sich als Beispiel für einen, der seinen Weg gefunden hat und der nur in dieser Weise ein Vorbild ist.

UM: Durch seine Flucht auf die Wartburg und sein Leben in Einsamkeit dort hat er ja auch spät geheiratet und ein »normales« Leben geführt.

FW: Dass er ein, um es mal salopp zu sagen, »Spätstarter« war, ist auch etwas, worin ich mich mit ihm verbunden fühle. Bei mir hat es auch immer Zeit gebraucht, bis eine Entscheidung gereift ist. Manchmal ist es gut, auch mal in sich zu gehen. Wie Luther bin ich überzeugt, dass es für alles im Leben die richtige Zeit gibt. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man nichts forcieren sollte, sondern sich der richtige Ort und Zeitpunkt dafür findet.

UM: Luther hatte nie die Absicht, eine neue Kirche gründen, als er Einrichtungen wie den Ablasshandel hinterfragt hat.

FW: Ganz genau, er hat die Kirchenspaltung nicht gewollt. Er war auch gegen »Heldenverehrung«, doch man machte ihn natürlich ganz schnell zum Helden und Vorbild. Wir hatten in Berlin eine Gesprächsrunde, in der auch Prof. Dr. Margot Käßmann (Botschafterin des Rates der Evangelischen Kirche Deutschland) saß. Es geht nicht darum, in Luther einen Menschen zu verehren, sondern zu fragen: »Für welche Gedanken steht dieser Mensch?«

UM: Michael Kunze betont in der Geschichte von Luther das Allgemeinmenschliche. Nicht nur bei Luther, sondern auch bei den anderen Figuren: Der junge Kaiser, der in der Situation ist, den Papst zu brauchen, um seine Macht zu festigen, ist in einer schwierigen Situation, als er mit der Anklage gegen Luther als Ketzer konfrontiert wird.

FW: Vielleicht ist es gerade das, was Luther letztendlich das Überleben gesichert hat. Jeder aus seiner Position paktierte, musste schauen, wie er Vorzüge aus der Situation zieht. Deshalb hat der Kaiser Luther nach dem Reichstag sozusagen das freie Geleit gewährt, statt ihn als Ketzer zu verurteilen und auf den Scheiterhaufen zu bringen. Sonst wäre es mit Luther und seinem weiteren Schaffen vorbei gewesen. Er hätte all das gar nicht erreicht, was er dann mit Werken wie der Übersetzung der Bibel bewirkt hat.
Was das Allgemeinmenschliche angeht: Ich hatte während meiner ganzen Arbeit an »Luther« nie das Gefühl, dass dies ein Stück der protestantischen Kirche ist. Es ist sehr einladend und offen für alle Menschen gehalten. In den Chören ist auch ein ganz großer Anteil an Katholiken vertreten. Mein Eindruck ist, dass keine Glaubensrichtung ausgeschlossen werden soll. Ich finde, so sollte mit Glauben oder allgemein mit einem religiösen Thema umgegangen werden. Man kann religiöse Denkimpulse geben, muss aber den Menschen die Freiheit lassen, zu entscheiden, das nehme ich an, aber auch zu sagen: »Das ist nicht mein Weg«.
Wenn man die Texte von Michael Kunze liest, so haben sie Tiefgang. Durch die Gospelmusik von Dieter Falk und die lebendige Inszenierung von Andreas Gergen gewinnt das Ganze eine besondere Leichtigkeit. In dieser Form erscheint mir Musical als gutes Medium, den Menschen ein religiöses Thema näher zu bringen.

UM: Herzlichen Dank für das offene Gespräch. Wir wünschen viel Freude und Erfolg bei der Uraufführung am 31. Oktober 2015 in Dortmund und allen weiteren Spielterminen.

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