Wiederaufnahme von »Der Ring« in Füssen

Rezension und beschriftete Galerie

Seit der Uraufführung von »Der Ring« am Opernhaus Bonn (2007) hat das Musical von Frank Nimsgern (Konzept und Musik) und Daniel Call (Buch) über Saarbrücken bis hin zur Hofer Fassung (2016) einige Überarbeitungen erfahren.  Zuletzt wurde die erfolgreich aufgeführte Hofer Inszenierung von Reinhardt Friese für Ludwigs Festspielhaus in Füssen adaptiert, wo sie am 5. Oktober 2018 erstaufgeführt wurde. Die szenische Einstudierung übernahmen Christopher Brose, der selbst als Siegfried auf der Bühne steht, gemeinsam mit Benjamin Sahler, der auch die Adaption des Originalbühnenbilds von Herbert Buckmiller verantwortet. Die Inszenierung wurde auf die große Drehbühne (Durchmesser: 28 m) mit dem Ludwig-Wasserbassin abgestimmt, das 90.000 Liter fasst. Die Kostüme von Annette Mahlendorf geben jeder zentralen Figur etwas Charakteristisches – ob Kapitän Alberich, Wotan, der proletenhafte Dekadenz und Eleganz  in seinem Kostüm vereint, oder die engelhafte Kämpferin Brunhild. Die Maske (Maja Storbeck) insbesondere von Eisenmann Siegfried ist eindrucksvoll. Dazu wurden anspruchsvolle, neue Choreographien von Marvin A. Smith erstellt, die den Tänzern einiges an Können und Belastbarkeit abverlangen. Am 12. Oktober 2019 feierte das Nibelungen-Musical nach weiteren kleinen szenischen Änderungen Wiederaufnahme im nahezu ausverkauften Festspielhaus, das knapp 1.400 Gästen Platz bietet.

In Füssen gewinnt die Inszenierung epische Ausmaße, was zu dem mythischen Musical über den Ring der Macht sehr gut passt: Auch der Drachenkampf, bei dem Siegfrieds Gegner durch Tänzer mit umgeschnallten Körperteilen des Drachen lebendig wird, gewinnt hier eine zusätzliche Dynamik. Insbesondere Alberichs Schmiede, in der er aus Eisen und Stahl in Anlehnung an Mary Shelleys »Frankenstein«, aber auch an nordische Mythen, in denen der Schmied als Schöpfer verstanden wird, eine Kreatur erschafft, erscheint hier durch die abgehängten Deckenteile (Plafond) in der Optik von Metallblechen wahrhaft in der Unterwelt angesiedelt. Dadurch, dass Alberichs glutvolle Unterwelt die gesamte Bühnenbreite einnimmt, wirkt sie besonders präsent und stellt in jeder Hinsicht mit ihrer Raumeinteilung, die an ein U-Boot erinnert, das Gegenbild zur »Ober-Oberwelt« (wie die Rheinamazonen sagen) der Götter dar. Das drückt sich auch in der Musikalität aus. Parallel zu den Hammerschlägen sind mit Alberich die besonders rockigen und symphonisch rockigen Parts wie ›Nie mehr geschlagen‹ verbunden. Das beginnt bereits mit der Interpretation von ›Macht‹, die Alberich noch im Bassin zeigt: Bei der Wiederaufnahme-Premiere ging Chris Murray nach Alberichs Spiel mit den bezaubernden Rheintöchtern zu ›Dreifach die Triebe‹ im Bassin unter, verletzte sich am Bein und auch sein Mikroport ging im wahrsten Sinn des Wortes baden. Doch Chris Murray ließ sich davon kaum beirren – weder in seinem kraftvollen Gesang zwischen dramatischem ›Blut ist die Glut‹ und zauberhaft sanftem Schlaflied-artigem ›Kleiner Mann, steig hinab‹ noch in seinem schlitzohrigen, komödiantischen oder dramatischen Spiel. Gleiches gilt für Jan Ammann, der sich durch einen verstauchten Fuß nicht daran hindern ließ, Alberich auf dem Dach der Schmiede zu jagen sowie gegen ihn und später Christopher Brose als Siegfried mit der Lanze zu kämpfen. Wie sagte Chris Murray: »Adrenalin ist ein herrlicher Stoff«.

Wotans musikalische Welt besteht aus eher getragenen Musicalballaden (›Göttin von den Augen‹), die mit ihrer Melodik im Gegensatz zu Wotans intrigantem oder anmaßenden, grausamem Verhalten stehen. Spannend klingt Jan Ammanns voller Bariton mit seinem großen Range auch im Wechselgesang mit Chris Murray in ›Was ich nur will‹ und im Duett mit Anke Fiedler als Brunhild in dem tragischen ›Lass uns Erinnerung sein‹. Anke Fiedler beherrscht die Bandbreite zwischen klarer Sopran-Kopfstimme und souligem Mezzo-Belt. Ihre Brunhild ist die mutige, kämpferische Tochter, die ohne Rücksicht auf Konsequenzen ihrem Vater sein Fehlverhalten aufzeigt und dafür von Wotan in einen ewigen Dornröschen-Schlaf versetzt wird: wie schon in Hof wird der Feuerkreis dargestellt durch einen riesigen Kronleuchter, in dem sie ruht. Aus ihm wird sie durch Siegfried, der fast komplett unverwundbar ist, erweckt und gerettet. Geschaffen von Alberich als gefühllose Waffe gegen die Götter und gestählt durch das Bad in Drachenblut, kennt Siegfried ursprünglich nur Hass und Rache, aber Brunhilds Liebe und der Fall des Gottes Wotan lassen ihn erkennen, wie vergänglich die Macht ist. Christopher Brose überzeugt stimmlich und das nicht nur in poppig-funky Songs wie ›Brenn mir den Tag‹. Er spielt die Entwicklung vom gefühllosen Krieger über den unbedarften, frisch verliebten Jungen Mann (›Lass es Liebe sein‹) bis zum Mann an Brunhilds Seite eindrucksvoll und gibt den Facetten seiner Figur auch stimmlich unterschiedlich Ausdruck. Die drei Rheinamazonen (Kathy Savannah Krause, Stefanie Gröning und Kristin Backes) lockern die mythisch tragische Handlung auf, nicht zuletzt durch ihren amüsanten Fisch-Rapp, bei dem sie selbst schmunzeln müssen.
Noch immer liest Christian von Boch die Zeilen des eingeblendeten Erzählerkommentars, der so manche der kleinen Verständnislücken in der Handlung füllt. Letztere sind seit der Uraufführung deutlich weniger geworden und die Rezitationen passen überdies ins Nibelungen-Stück, in dem Wagner-Kenner Frank Nimsgern unterschwellig immer mal wieder mit Motiven oder Motivanklängen aus Richard Wagners »Ring der Nibelungen« spielt. Von der vierköpfigen Band (Frank Nimsgern, Marcel Jahn, Stefan Engelmann, Stephan Schuchard) unter Leitung des Komponisten umgesetzt, erfüllten diese,  kombiniert mit elektronisch-symphonischen Rockkompositionen –, auch dank des guten Sounds – am Premierenabend Ludwigs Festspielhaus und begeisterten einmal mehr das Publikum.
Das Musical vermittelt zudem durch seine Ring-Thematik, die nicht nur das Nibelungenlied bemüht, sondern auch Elemente aus J.R.R. Tolkiens »Der Herr der Ringe«, ja sogar Lessings Ringparabel aus »Nathan der Weise« streift, eine zeitlos erschreckende Wahrheit darüber, »was die Macht aus den Menschen macht« …

 

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