Auf Weill! 25 Jahre »Kurt Weill Fest« in Dessau

4. Kurt Weill Fest Fahne

Fahnen markieren das Kurt Weill Fest in Dessau. Foto: Sabine Schereck

Es darf gefeiert werden. Nicht nur um Kurt Weill selbst willen, sondern auch weil das »Kurt Weill Fest« in Dessau auf sein 25-jähriges Jubiläum anstoßen durfte.

Am 25. Februar 2017 stand die Fahrt nach Dessau zum »Kurt Weill Fest« an. Weills heutige Präsenz und Beliebtheit war bereits am Abend zuvor auch in Berlin zu vermerken. Das Kabarett der Namenlosen gab das sehnsüchtig-melancholische ›Youkali‹ aus »Marie Galante«, und beim ›Alabama Song‹ sah man, wie sich zahlreiche Lippen im Publikum parallel zu denen des Sängers bewegten – ein Beweis dafür, dass Weill auch heutzutage eine große Anhängerschaft besitzt.

Hierzulande ist Kurt Weill als Komponist von »Die Dreigroschenoper« bekannt, oder der Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny«, aus der auch der ›Alabama Song‹ stammt, zu dem Bertolt Brecht den Text schrieb. Nachdem Weill 1933 zunächst nach Paris, und 1935 nach Amerika, emigrierte, schrieb er auch für den Broadway. Darunter die Stücke »One Touch of Venus« und »Lady in the Dark«.

Dessau ehrt den 1900 in der Stadt geborenen Komponisten Kurt Weill. Foto: Sabine Schereck

Dessau ehrt den 1900 in der Stadt geborenen Komponisten Kurt Weill. Foto: Sabine Schereck

Wie vielseitig Weills Werk ist, zeigt das »Kurt Weill Fest« immer wieder, insbesondere durch die Themenschwerpunkte vergangener Jahre wie »Berlin im Licht«, »Hommage à Paris«, »New York, New York!«, »Aufbruch! – Weill und die Medien«, »Vom Lied zum Song« und »Krenek, Weill & Die Moderne«.

Dieses Jahr stand es im Zeichen von »Luther, Weill & Mendelssohn«, vom 24. Februar bis 12. März gab es fast 60 Veranstaltungen. Neben Konzerten wurde auch ein umfangreiches Rahmenprogramm mit Filmen, Ausstellungen, Tagungen und Führungen geboten. Dabei waren Veranstaltungen nicht nur in Dessau, sondern auch in Magdeburg, Halle, Wittenberg und Wörlitz zu finden.

Ausstellung zum Kurt Weill Fest im Anhaltischen Theater. Foto: Sabine Schereck

Ausstellung zum Kurt Weill Fest im Anhaltischen Theater. Foto: Sabine Schereck

Aufgrund Weills Vielseitigkeit sind beim »Kurt Weill Fest«, neben den klassischen Konzerten, auch viel Jazz-, Chanson-, Song- und Kabarett-Programme vertreten – und natürlich welche, die sich dem Musical widmen.

Seine Arbeit für die Bühne ist maßgebend und zieht sich durch sein Schaffen von seinen Anfängen bis zum letzten Stück »Huckleberry Finn«, das nicht mehr fertig gestellt wurde. Aber auch innerhalb des Musiktheaters ließ er kein Genre aus: Oper, Operette, Ballett, Stücke mit Musik und Musical. Dabei war er auch an der Kreation der Zeitoper der 20er Jahre beteiligt und in Amerika schuf er in den 1940er Jahren die Broadway Opera.

Anlässlich seines 25-jährigen Jubiläums wartete das »Kurt Weill Fest« mit Höhepunkten vergangener Jahre auf. Dazu gehörten einerseits die oratorische Aufführung »Die Verheißung« nach Weill und Werfels »Der Weg der Verheißung« von 1935 oder »Braver Soldat Johnny« von 1936 basierend auf »Johnny Johnson«, für das Paul Green den Text verfasste.

Dirigent und Arrangeur James Holmes. Foto: Kurt Weill Fest

Dirigent und Arrangeur James Holmes. Foto: Kurt Weill Fest

Größen wie die Dirigenten HK Gruber und James Holmes und die Sängerin Ute Gfrerer waren auch wieder dabei. Sie boten beispielsweise »Of Lovers and Strangers« und »Bereuen? – Ich Niemals!« am Theater Magdeburg, wo Ute Gfrerer Songs von Weill, Bernstein, Blitzstein, Sondheim und Kander gab. Zusammen mit Nils Landgren, Markus L. Frank, dem »Ensemble Modern« und der Anhaltischen Philharmonie Dessau hatten sie auch die Ehre, in Dessau das Galakonzert zum 25-jährigen Jubiläum des Festes zu präsentieren.

Auch George Gershwin steht immer weit oben auf der Liste. Am Anfang des Festes spielte das »Alliage Quintett«, bestehend aus Klavier und vier Saxophonen, »An American in Paris« als Teil ihres Konzertes »I Got Rhythm!«. Dieser Rhythmus erfüllte die gesamte Marienkirche, sodass man sich ins pulsierende Leben der 1930er Jahre versetzt fühlte. Am Ende des Festes, zwei Wochen später, am gleichen Ort führten uns HK Gruber und das »Ensemble Modern« deren Interpretation von »Rhapsody in Blue« vor, eine mit ein wenig pianissimo und viel forte. Es wurde kräftig in die Tasten gehauen und sich auch sonst nicht zurückgehalten.

Ute Gfrerer nachdem sie aus »Marie Galante« sang. Foto: Sabine Schereck

Ute Gfrerer nachdem sie aus »Marie Galante« sang. Foto: Sabine Schereck

Das Konzert hieß »Weill & Gershwin« und es war ein ganz besonderer Weill, der hier zu hören war: eine Premiere der Konzertsuite ›Chanson de Quais‹ aus »Marie Galante«, die von der Kurt Weill Foundation in New York in Auftrag gegeben und von Kim Kowalke zusammengestellt wurde, sowie Weills »2. Sinfonie«.

»Marie Galante« ging 1934 aus Weills Pariser Zeit hervor und hier glänzten Ute Gfrerer und das Männerquartett des »Ensemble Modern« mit ihrem Gesang. Im Libretto von Jacques Deval geht es um ein leichtes Mädchen, das in Bordeaux entführt wird und sich auf einem Schiff nach Südamerika befindet. Als man sie sich dort selbst überlässt, versucht sie, nach Frankreich zurückzukehren. In der Musik steckt viel Sehnsucht, man hört die Streicher mit wiegenden Meereswellen und später, wie sich die Geigen und Bläser beim Tango aneinanderschmiegen. Es ist ein Wechsel von kräftigen Auftakten wie beim ›Kanonensong‹ aus »Die Dreigroschenoper« und leichtfüßigen Melodien. Man ist beeindruckt, wie auch die temporeichen Passagen gemeistert werden. Gruber dirigiert mit leichter, aber bestimmter Hand.

Der Dirigent HK Gruber mit den Noten zu Kurt Weills 2. Sinfonie nach der Vorstellung desselben. Foto: Sabine Schereck

Der Dirigent HK Gruber mit den Noten zu Kurt Weills 2. Sinfonie nach der Vorstellung desselben. Foto: Sabine Schereck

Die »2. Sinfonie« wird nur selten gespielt, aber in ihr wird Zeit in Musik umgesetzt und diese ist eine Zeit des Tumultes. Weills »2. Sinfonie« wurde 1933 nach seiner Flucht von Berlin nach Paris geschrieben und man hört die Hast, die Nervosität, die Anspannung, die Aufregung sowie die Gefahr. Es gibt nur wenige Passagen, die etwas ruhiger sind, in denen man verschnaufen kann, wo Ruhe und Hoffnung zu spüren sind. Bei den später anschwellenden und imposanten Melodien lässt sich sogar schon der Ozeandampfer, der Triumph und der Ruf Amerikas erahnen, auch wenn dies noch zwei Jahre entfernt ist. Auch ein Hauch von Melancholie schimmert durch. Es ist ein sehr berührendes Stück, wenn auch kein leicht verdauliches.

Das Anhaltische Theater während des Kurt Weill Festes. Foto: Kurt Weill Fest

Das Anhaltische Theater während des Kurt Weill Festes. Foto: Kurt Weill Fest

Für leichtere Töne sorgte am Nachmittag am Anhaltischen Theater »Braver Soldat Johnny«, basierend auf »Johnny Johnson«. Selbst Teil des 5-köpfigen Ensembles, skizzierte Bernhard Bettermann Paul Greens Text, wobei die angedeuteten Szenen auf Deutsch gespielt und die Lieder in Englisch gesungen wurden – was gut funktionierte. Die Bearbeitung der Musik stammt von Gene Pritsker, Dirigent Kristjan Järvi übernahm dabei die Leitung des MDR Sinfonieorchesters. Auch wenn das Stück eine Satire ist, in der Johnny im Krieg für den Frieden kämpft, scheint es an Aktualität nichts verloren zu haben. Allerdings hätte die Satire schärfer herausgearbeitet werden können.

Die Aufführung gibt einen Einblick in das Stück, zeigt aber auch, womit sich Liebhaber von Kurt-Weill- Musicals größtenteils begnügen müssen: der Mangel an szenischen, kompletten Inszenierungen seiner Bühnenwerke. Dies ist auch eine Kritik, der das »Kurt Weill Fest« seit längerem ausgesetzt ist. Nächstes Jahr lautet das Motto übrigens »Weill auf die Bühne!«, was Hoffnungen weckt, zumal eine Inszenierung von »Love Life« angekündigt ist.

Ausstellung im Rathaus Center Dessau. Foto: Sabine Schereck

Ausstellung im Rathaus Center Dessau. Foto: Sabine Schereck

2018 dürfte ein spannendes Jahr werden, da hinter den Kulissen ein anderes Team aktiv ist. Der Intendant des »Kurt Weill Festes« Michael Kaufmann, der es erfolgreich seit 2009 geleitet hat, kündigte im Februar seinen Vertrag ein Jahr vor Ablauf, um anderen Verpflichtungen nachzukommen. Erst für das Jahr 2019 wird eine neue Intendanz ausgeschrieben.

Für die Übergangszeit wurde ein vierköpfiges Team berufen: bestehend aus dem Generalmusikdirektor Markus L. Frank und Generalintendanten Johannes Weigand, beide am Anhaltischen Theater Dessau tätig, sowie Kulturmanager Gerhard Kämpfe und Musikhistoriker Jürgen Schebera. Beides sind Namen der Berliner Kulturlandschaft. Gerhard Kämpfe leitet das Classic Open Air sowie die Jüdischen Kulturtage in Berlin und Jürgen Schebera ist der Kurt-Weill-Experte schlechthin – zumindest diesseits des großen Teiches. In Amerika dürfte Kim Kowalke als dieser gelten.

Eine weitere Ikone, das Bauhaus in Dessau. Foto: Sabine Schereck

Eine weitere Ikone, das Bauhaus in Dessau. Foto: Sabine Schereck

In einer Pressekonferenz verrieten die vier, wie es zum Motto »Weill auf die Bühne!« kam: Eine Seite des Festspielmagazins dient jeweils der Ankündigung des Folgejahres. Das diesjährige Heft musste in den Druck, aber das Motto fehlte noch. Robert Unger vom Presseteam gab dem Team einen Fotovorschlag für die entsprechende Seite in die Hand. Schebera erklärte, dass das Bild 1926 am Bühneneingang der Semperoper entstand, wo Weills »Der Protagonist« gespielt wurde.

Daraus entwickelte sich der Themenschwerpunkt, der Weills Einfluss auf die Entwicklung des Musiktheaters in Deutschland und den USA in den Blick nimmt. Die Zeit vom 22. Februar bis 18. März 2018 ist dafür bereits markiert.

Das Kantorhaus in Dessau. Foto: Sabine Schereck

Das Kantorhaus in Dessau. Foto: Sabine Schereck

Es lohnt sich zu kommen, denn es gibt nicht nur viel Weill und seine musikalischen Kreise zu entdecken. Aufgrund der verschiedene Spielorte, kann man gleichzeitig auch Dessau erkunden: die Marienkirche, das Anhaltische Theater sowie eine weitere »Ikone« Dessaus, nämlich das Bauhaus. Zudem reihen sich noch viele andere Veranstaltungsorte ein.

Es liegt nahe, sich auf die Spuren Kurt Weills zu begeben, doch leider ist vom jüdischen Dessau nicht mehr viel zu finden. Am Kantorhaus erinnert eine Tafel an den berühmten Sohn der Stadt.

Die Kurt-Weill-Str. in Dessau. Foto: Sabine Schereck

Die Kurt-Weill-Str. in Dessau. Foto: Sabine Schereck

Der Wechsel der Zeiten, bei dem viele Straßenzüge verschwunden sind, ist an der Architektur Dessaus leicht abzulesen. Wohnhäuser aus der Zeit um 1900 in der Stadtmitte, hohe sozialistische Plattenbauten mit viel Freifläche drum herum etwas weiter außerhalb und moderne Bauten, die in den letzten 20 Jahren entstanden, ebenfalls mittendrin. 

Dabei zeugen gerade die Bauten der Jahrhundertwende von der wechselhaften Vergangenheit. Während ganze Straßenzüge in frischen, pastellfarbenem Anstrich strahlen, gibt es doch das eine oder andere Haus am Ende der Straße, das völlig verwahrlost wirkt und daran erinnert, wie die DDR mit solchen Häusern umgegangen ist. 

Es gibt natürlich auch Siedlungen, in der die Bauhausarchitektur zu bewundern ist. In einem der Meisterhäuser, dem Lyonel Feiningers nämlich, ist das Kurt Weill Zentrum untergebracht, das man besuchen kann. Dort sitzt auch die Kurt-Weill-Gesellschaft, die das Fest organisiert und man ist gespannt, welche Schätze sie nächstes Jahr im Rahmen des »Kurt Weill Festes« mit dem Publikum teilt.

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