Jeder liebt für sich allein
»The Last Five Years« am St. James Theatre in London

›The Next Ten Minutes‹ fasst die Heirat von Cathy (Samantha Barks) Jamie (Jonathan Bailey) zusammenFoto: Scott Rylander

›The Next Ten Minutes‹ fasst die Heirat von Cathy (Samantha Barks) Jamie (Jonathan Bailey) zusammen
Foto: Scott Rylander

Jason Robert Browns »The Last Five Years«, das er in Personalunion von Autor, Komponist und Liedtexter schuf, ist seit seiner Eröffnung in Chicago 2001 auf den Bühnen verschiedener Länder zu sehen. Da ist es besonders spannend, eine Produktion zu erleben, bei der Jason Robert Brown selbst Regie führte. Diese war 2013 am Off-Broadway entstanden und wird nun mit einer britischen Besetzung mit Samantha Barks als Cathy und Jonathan Bailey als Jamie am St. James Theatre gezeigt.

In 14 Songs erzählen beide von ihrer 5-jährigen Beziehung. Während seine Erinnerungen mit ›Shicksa Goddess‹ mit der ersten Verliebtheit beginnen, rollt sie die Geschichte mit
›Still Hurting‹ von hinten auf. Auf einem Hocker liegen ein Abschiedsbrief und ein Ring. Er hat sie gerade verlassen und sie steht dem emotionalen Scherbenhaufen allein gegenüber. Derek McLanes Bühnenbild ist minimalistisch. Ein Bootsteg, Garderobentisch, Weihnachtsbaum, Mikrophon oder Bett genügen aber, um den Spielort zu skizzieren.

Dabei spielen Samantha Barks und Jonathan Bailey hervorragend und beeindrucken mit kräftigen Stimmen. Obwohl ihre Lieder meist an ihre verflossene Liebe oder den Zuschauer gerichtet sind, bleiben es Monologe und eine Interaktion zwischen den beiden Figuren wird schmerzlich vermisst. Sie leben in Paralleluniversen und ohne Momente, in denen beide tatsächlich etwas miteinander teilen, ist ihre Beziehung gar nicht nachvollziehbar. Jeder liebt für sich allein.

Jamie (Jonathan Bailey) bei seiner BuchvorstellungFoto: Scott Rylander

Jamie (Jonathan Bailey) bei seiner Buchvorstellung
Foto: Scott Rylander

Da ist Jamie, der in seinen energetischen Songs viele Worte findet, um uns zu erzählen, wie hingerissen er von ihr ist, aber man sieht und spürt es nicht. Und nach der Hochzeit geht es gleich bergab. Jamie ist, und zweifellos in Baileys Interpretation, die treibende Kraft. Er möchte sie für sich gewinnen, was ihm gelingt, aber dann kann er nicht auf sie eingehen, wenn ihre Karriere als Schauspielerin kriselt. Sein Durchbruch als Buchautor ist da wichtiger.

Cathy ist die passive Figur. Sie lässt sich zunächst auf ihn ein, möchte dann für ihn da sein, akzeptiert ihn, wie er ist und muss am Ende hinnehmen, dass er geht. Es fehlt nicht nur eine Spannung in der Geschichte, sondern auch zwischen den Figuren. Die Struktur bildet zwar Kontrapunkte durch den Wechsel der Perspektiven, aber wirksame Momente entstehen gerade mal, wenn die Songs aufbrechen, die Position des anderen kurzfristig ins Blickfeld gerät, und auch Wendungen stattfinden.

Cathy (Samantha Barks) ruft ihren Agenten an, um nach Schauspielengagements zu fragenFoto: Scott Rylander

Cathy (Samantha Barks) ruft ihren Agenten an, um nach Schauspielengagements zu fragen
Foto: Scott Rylander

Ein gutes Beispiel hierfür ist Cathys ›Climbing Uphill‹, für das Samantha Barks viel Beifall erhält. Darin befindet sie sich bei einem Vorsingen am Theater und erzählt, wie schwer es in dem Job ist: »I’m up every morning at six / And standing in line / With two hundred girls / Who are younger and thinner than me / Who have already been to the gym.«

Bittersüß und ironisch gehören zu dem Song, den sie in der Situation vorträgt, auch die Zeilen »When you come home to me.« Zwischen den Strophen rückt Jamies Situation in den Blick. Zu solchen wirkungsvollen Momente gehört auch die schlichte Präsenz der anderen Figur im Hintergrund, die ansatzweise eine Verbindung zwischen den beiden herstellt.

Eine Nummer, mit der Jonathan Bailey hervorsticht, ist ›The Schmuel Song‹. Im Grunde eine witzige Kombination: Der Weihnachtsbaum ist geschmückt, die Geschenke liegen bereit und sein Märchen erzählt mit Klezmerklängen von einem jüdischen Schneidermeister in Osteuropa, der sich Zeit wünscht, um das perfekte Kleid herzustellen. Ein Choreograph ist im Programmheft nicht verzeichnet, aber die Szene ist mit viel Liebe, Leidenschaft und Spaß umgesetzt, sodass man tatsächlich darin eintaucht.

Cathys (Samantha Barks) erste Erinnerungen der Beziehungen ausgedrückt mit ›Goodbye Until Tomorrow‹Foto: Scott Rylander

Cathys (Samantha Barks) erste Erinnerungen der Beziehungen ausgedrückt mit ›Goodbye Until Tomorrow‹
Foto: Scott Rylander

Dazu trägt auch Jeff Suggs Video Design bei, das auf drei Bildschirmen in Zeichentrick Winter, Tag und Nacht verdeutlicht. Zur Ausstattung gehören auch Gabriella Slades Kostüme, die die Produktion in den 1990er Jahren behalten.

Es ist interessant, mit dieser Inszenierung die Vorstellungen des Autors zu sehen. Bedauerlicherweise wird dabei nicht deutlich, warum das Stück so vielfach aufgegriffen wurde. Denn trotz des Leides beider Hauptfiguren, litt ich als Zuschauer darunter, dass mich deren Leid völlig unberührt ließ.

Es ist ein Abend, an dem die Schauspieler und die Kunst des Songschreibens im Rampenlicht stehen.

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