You Can’t Stop the Beat!

»Hairspray jr.« als Showcase 2014 auf Kampnagel in Hamburg

Wie jedes Jahr im Sommer verabschiedet auch in diesem Jahr die Stage School Hamburg einen Studien-Jahrgang mit einem Abschlussprojekt ins Berufsleben. Dafür erwarb die Stage School die die Rechte für »Hairspray jr.«, das die 22 Absolventen in der ehemaligen Kampnagel-Fabrik an respektablen 15 Abenden in leicht gekürzter Version aufführen und dabei präsentieren, was sie in den vergangenen drei Jahren ihrer Ausbildung gelernt haben.

Tracy Turnblad (Maria Kristina Nissen) träumt davon »Miss Hairspray« zu werden

Tracy Turnblad (Maria Kristina Nissen) träumt davon »Miss Hairspray« zu werden

Allen Absolventen merkt man deutlich an, dass sie geradezu darauf brennen, endlich auf der Bühne zu stehen und vor Publikum ihr Können zu zeigen. Die unglaubliche Spielfreude ist bis in den letzten Winkel des Raumes zu spüren und überträgt sich auch auf die Zuschauer. Vor allem die gelungene Choreographie (Jacqueline Dunnley-Wendt) ist energiegeladen und es macht Spaß, der Umsetzung zuzuschauen.

Corny Collins (Simon Horvath 2. v. l.) und Link Larkin (Julian Fernandez, Mitte) und Ensemble, Foto: Sven Grünberg

Corny Collins (Simon Horvath 2. v. l.) und Link Larkin (Julian Fernandez, Mitte) und Ensemble, Foto: Sven Grünberg

Den Protagonisten, allen voran Maria Kristina Nissen als brummkreiselnde Tracy Turnblad, Regine Lange als blond-naive und oberflächliche Amber von Tussle und Marlou Düster als schräg verpeilte und von der Mutter bevormundete Penny Pingelton, nimmt man ihre Rollen zu jeder Zeit ab. Mimik, Gesang, Körperspannung und Timing lassen überwiegend nicht darauf schließen, dass hier Youngsters durch die Geschichte führen.
Umso mehr ersichtlich wird es dann an einigen Stellen, dass doch nicht alle Darsteller das Gespür für das richtige Timing haben, was gelegentlich den Schwung aus dem normalerweise doch sehr temporeichen Stück nimmt und Textpausen zu dem macht, was sie eigentlich nicht sein sollen: unangenehme Handlungspausen.

Amber von Tussle (Regine Lange), Foto: Sven Grünberg

Amber von Tussle (Regine Lange), Foto: Sven Grünberg

Die zumeist tadellos funktionierende Bühnentechnik unterstützt die Absolventen, sie können sich jederzeit auf Licht, Ton und Musik (vom Band) verlassen. Das auf ein Minimum reduzierte Bühnenbild ist mit Gegenständen des täglichen Gebrauches realisiert – das sonst in vielen Aufführungen bekannte, hochkant gestellte Bett wich einem schlichten, auf dem Boden stehenden Bett, die obligatorische »Show-Treppe« im Hintergrund, oder einfache Bauzäune als Gefängniszelle, statische Beamerprojektionen und ein paar handgemalte Plakate – mehr braucht es nicht, um den Fokus auf die Leistungen der Darsteller zu lenken. Und ehrlich, viel mehr braucht das Stück auch eigentlich nicht. Wobei Auswertungsgrafiken bei der Wahl zur »Miss Teenage Hairspray 1962« durch schräg aneinander geklebte Klebezettel schon etwas hemdsärmelig wirken. Wirklich gut und in jeder Situation passend sind die Kostüme und das Make-up.

Es ist fraglos ein spannendes Projekt, ein komplettes Musical auf die Bühne zu bringen, anstatt wie noch vor 2 Jahren einzelne Szenen in einer Art Potpourri zu präsentieren. Gerade auch weil es sich nicht nur um einen einmaligen Abend, sondern gleich um 15 Aufführungen handelt, sodass für die Darsteller gleich das Gefühl eines ersten »richtigen« Engagements aufkommen soll. Andererseits ist es natürlich schwierig, alle Absolventen in die vorhandenen Rollenprofile zu »quetschen«, was naturgemäß nicht immer passend sein kann – insbesondere bei einem Musical, welches geschickt verpackt das Thema Rassentrennung der frühen 1960er Jahre in Amerika thematisiert.

Wilbur und Edna Turnblad (Sascha Theis und Timon Brandenberg) schehen zusammen mit Penny Pingelton (Marlou Düster) Tracy im Fernsehen, Foto: Sven Grünberg

Wilbur und Edna Turnblad (Sascha Theis und Timon Brandenberg) schehen zusammen mit Penny Pingelton (Marlou Düster) Tracy im Fernsehen, Foto: Sven Grünberg

Ein Musical mit Soul und Funk und afroamerikanischen Rollen bleibt bei einer Jahrgangsbesetzung ohne farbige Darsteller naturgemäß »farblos«.
Auch können sich bei durchbesetzten Stücken nur eine Hand voll Darsteller gut präsentieren, während andere kaum überzeugen, was aber nicht unbedingt an der mangelnden Leistung, sondern eher am nicht passenden Rollenprofil oder schlicht am falschen Alter liegt. Wenn die eigenen Eltern genau so alt wie ihre Kinder sind, ist dies auch mit Kostüm und Maske eine Herausforderung, der nur wenige erfahrene Schauspieler gewachsen sind. Wieder andere kommen nicht aus dem Ensemble heraus und haben so keine Chance, alle Facetten ihres Könnens zu zeigen.
Ersichtlich wird das unter anderem an der Rolle Edna Turnblad – ein passender Darsteller für diese doch eher melancholisch-komödiantische und klassisch durch einen Mann besetzte Rolle ist sicherlich in kaum einem Jahrgang vorhanden. Und sofern sich doch jemand findet, der mit Fatsuit und viel Schminke zumindest optisch glaubwürdig erscheint, kann sich der Darsteller nicht mit Gesang und Tanz profilieren, sondern eher mit punktgenauem Humor und dieser schrägen Aura eines Menschen, der vor Peinlichkeit nicht zurückschreckt, gepaart mit einer unbeschreiblichen Herzlichkeit und dem Hang von Seelenexhibitionismus. All dies ist kaum glaubwürdig für einen Berufseinsteiger zu schaffen. Von daher höchsten Respekt vor Timon Brandenberg, der sich an diese Rolle herantraute und dafür auch noch mit 15 Vorstellungen in Frauenkleidern belohnt wird, die ihm sichtlich Unbehagen bereiteten – obwohl Brandenberg gerade nach dem Shopping-Queen-Erlebnis bei Mrs Pinky ein völlig neues Lebensgefühl ausstrahlen soll. Das gelingt leider nur bedingt.

Edna Turnblads (Timon Brandenberg) Auftritt aus der Spraydose mit Ensemble, Foto: Sven Grünberg

Edna Turnblads (Timon Brandenberg) Auftritt aus der Spraydose mit Ensemble, Foto: Sven Grünberg

Trotz hausgemachter Schwächen ist die Messlatte für zukünftige Projekte hoch und wir sind sehr gespannt, was der nächste Jahrgang zeigen wird! Natürlich sind wir auch neugierig, was die Absolventen des aktuellen Jahrgangs zukünftig für Spuren auf den Brettern dieser Welt hinterlassen werden. Potential und Begabung haben wir an diesem Abend auf jeden Fall erleben dürfen und wünschen allen Jahrgangsabsolventen für die Zukunft toi-toi-toi!

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