Märchenhaftes Guckkastentheater in großer Halle

Rezension zur Tourpremiere von »Die 13 ½ Leben des Käpt’n Blaubär«

Märchenhaftes aus dem Abenteuerland Zamonien. Blaubären haben 27 Leben! Und von seinen ersten 13 ½ Leben erzählt der im Ohrensessel sitzende, alte, namenlose Käpt’n Blaubär.

»Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär« Tourpremiere in Berlin. Foto: Frank Wesner

Blaubär erzählt, Foto: Frank Wesner

Die Premiere der Minitournee fand am 26. Dezember 2008 im Velodrom Berlin statt. In 16 Vorstellungen in 8 Städten – vornehmlich in viel zu großen Stadt- und Sporthallen – ist die Neuinszenierung von Andreas Gergen und Christian Struppeck zu sehen. Der Konzertveranstalter FKP Skorpio produziert zum zweiten Mal das als „Musical“ bezeichnete Stück von Martin Lingnau (Musik) und Heiko Wohlgemuth (Buch und Gesangstexte). Dadurch ergab sich der Synergieeffekt, dass, neben dem kompletten Musikplayback, Spracheinspielungen sowie Bühnenprojektionen, auch auf alle Kostüme und Puppen der Uraufführung zurück gegriffen werden konnte. Die erste Produktion hatte ihre Premiere am 26. Oktober 2006 im eigenen Zelttheater am Kölner Südstadion und spielte dort mit Verlängerung mehrere Wochen. Leider reichte die Auslastung damals nicht aus und eine ursprünglich groß angelegte, mehrwöchige Städtetour mit zahlreichen Stationen wurde abgesagt.

Alte Schwächen und neue Fehler

Die jetzige Tour ist kürzer angelegt – dafür ist eine Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

»Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär« Tourpremiere in Berlin. Foto: Frank Wesner

Blaubär (Lars Redlich) schaut Holwurm an, Foto: Frank Wesner

»Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär« Tourpremiere in Berlin. Foto: Frank Wesner

Blaubär (Lars Redlich) und die schlechte Idee 16 U (Janine Tippl). Foto: Frank Wesner

Das neue Regieteam übernahm zusammen mit dem Choreografen Simon Eichenberger die Aufgabe, der musikalischen Revue neues Leben einzuhauchen. Leider wurde die lockere Szenenfolge nicht zu einem wirklichen Musical verdichtet. Weiterhin werden die Spielszenen extrem durch die Kostüme dominiert. Das Hauptthema der Lüge wird nicht durchgängig behandelt, und warum der Käpt’n ein Kapitän ist, bleibt rätselhaft. Auch eine Lüge? Wie das ganze Werk?

Martin Lingnau und Heiko Wohlgemuth schrieben ein großes, abwechslungsreiches Potpourri von schönen Liedern und großen Ensemblenummern mit musikdramatischem Aufbau. Spannende Verbindungen zum Komponisten Alan Menken sind beim Hören zu entdecken. Das macht Laune und der Rhythmus geht direkt in die Beine. Die witzigen und augenzwinkernden Texte begeistern junge und ältere Zuschauer. Alle guten und sogar die weniger positiven Figuren werden sympathisch. Dazu kommt noch chorischer Backgroundgesang für die zarten Momente. Doch warum spricht zu Beginn und am Ende per Toneinspielung Wolfgang Völz, der auch in der Fernsehsendung der ARD den Blaubären gesprochen hat? Haben wir das einer Auflage zu verdanken.

Vieles ist auf großes Ereignis, ohne viel Theater, angelegt. Walter Moers´ Buch bildet die bestimmende Grundlage: Aus seinen Zeichnungen schuf Carsten Sommer die Puppen und das Muster seiner Lügengeschichte in mehreren Abteilungen ist schnell zu durchschauen und überrascht dann nicht mehr.

Das Stück hat sich in den letzten zwei Jahren nicht wirklich weiter entwickelt. Auch wenn das erfahrene Regieteam solide bis witzige Charakterarbeit macht, ist diese unter den Kostümen kaum zu sehen. Auch verpufft das Ganze wie bei der Premiere in den riesigen Räumen, da die Inszenierung auf Guckkastenbühne angelegt ist und das Stück von den kleinen, wenige Personen umfassenden Szenen dominiert wird. Zwar sind die Choreografien für die unterschiedlichen Stationen abwechslungsreich angelegt, doch der tänzerische Aufwand überträgt sich nicht in dem Umfang in die Halle. Wäre simpler mehr gewesen?

Oft sehen sich im Dialog die Darsteller an, doch die Augenlinien ihrer Wesen treffen sich nicht. Auch spielen die eher erkennbaren Sänger nicht den Kopf ihrer Dialogpuppen an. Da können die Darsteller noch so ausdrucksvoll spielen. Ein Teil der Wirkung der Puppen und Masken geht dadurch verloren, dass die Puppen einander nicht auf Augenhöhe begegnen.

Exzellente Besetzung

»Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär« Tourpremiere in Berlin. Foto: Frank Wesner

»Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär« Tourpremiere in Berlin. Foto: Frank Wesner

Lars Redlich ist als ständig anwesender ‚Blaubär‘ zu erleben. Charmant und mit sanft geführter Musicalstimme lässt  er seine Rolle immer nah und liebenswert erscheinen. In dieser Inszenierung hat er anders als in der Uraufführung sein Zeichentrickgesicht wie eine Baseballmütze beständig auf dem Kopf, die ihm leider Schatten spendet. Auch spielt er diesen Kopf nicht mit, denn seine Augen allein blicken die Spielpartner an. Die Blaubäraugen oben drüber sehen ins Leere. Da entsteht kaum Spielfaszination.

Boris Freytag hat es als ‚Professor Dr. Nachtigaller‘ einfacher, er stattet seinen Lehrer mit Strenge, Wissen und Lockerheit aus. Warum er in allen unmöglichen Situationen dann plötzlich auftaucht, um die Handlung weiter zu führen, konnte er dennoch nicht vermitteln. Und als ‚Smeik‘ spielt das Kostüm eher ihn, als dass er Gestaltungsmöglichkeiten hätte.

Als ständig lügender ‚Stollentroll‘ gestaltet Eric Rentmeister eine der schönsten Szenen bei einem Cha-Cha-Cha der Stollenwände. Das Buch schenkte ihm eine der interessantesten Rollen, was er zu nutzen wusste. Leider behindert ihn sein Kostüm an der Gestaltung, vor allem das starre Gesicht macht den Verlust an mimischer Ausdrucksmöglichkeit deutlich.

Marc Seitz hat es als Pizzaverkäufer und Schlitzohr ‚Chemluth Havanna‘ einfacher und versteht es, dies ausgezeichnet zu nutzen.

»Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär« Tourpremiere in Berlin. Foto: Frank Wesner

Fredda (Lucy Diakowska), Foto: Frank Wesner

Während Marc Seitz in jeder Ensembleszene auf der Bühne war, hatte man dies Lucy Diakowka erspart. Die Musical-erfahrene Sängerin, mit der auch so geworben wurde, weil sie zu der populären Band ‚No Angels‘ gehört, spielt die Rolle der überaus haarigen Berghutze ‚Fredda‘. Sie gestaltet die Figur mit klarer Stimme und lebenslustiger Spielfreude.

Auf Weg durch den Bollogg-Schädel trifft der Blaubär auf die zauberhaft singende Janine Tippl als schlechte Idee ’16U‘ und den engagierten Arthur Büscher als ‚Wahnsinn‘. Mit Maja Pihler als ‚Blaubärmädchen‘ gibt es ein großes Musicalduett und die Tratschwellen Nini Stadlmann und Dorothea Breil erweitern die illustre Wesenwelt. Ein bis in die kleinste Rollen exzellent besetztes 14-köpfiges Ensemble, in dem auch Jörn Linnenbröker als Blaubär und Daniel Pabst als Stollentroll alternieren.

Die Szene mit dem kurzsichtigen Rettungsflugsaurier ‚Mac‘ macht es deutlich: Ein schöne Situation, in der unser

»Die 13½ Leben des Käpt'n Blaubär« Tourpremiere in Berlin. Foto: Frank Wesner

Blaubär (Lars Redlich) auf dem Flugsaurier Mac. Foto: Frank Wesner

Blaubär auf Macs Kopf sitzt, während der Rumpf des Sauriers eine Illusion auf der Leinwand ist. Über Einspielung spricht Karl Dall das sympathische Wesen. Doch verbessert hat sich im Grunde nichts zur Uraufführung, und die Szene steht einzeln in einer unübersichtlichen Menge von verwirrenden Handlungsorten, bietet viel zu viel Playback und wirkt trotz großer Flügel ziemlich klein in der riesigen Arena. Es wäre wünschenswert, wenn das Stück bei zukünftigen Aufführungen die Chance erhielte, in kleinerem Rahmen stärker und dichter zu werden. Das Potential hat es und unterhaltsam ist es allemal.

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