»Weihnachten in Notre Dame« im Apollo Theater Stuttgart: Ein Theater tut Gutes mit einem stimm(ungs)vollen Abend

Weihnachten in Notre Dame Stuttgart c SE_Jan Potente

Weihnachten in Notre Dame – Schlussbild. Foto: Stage / Jan Potente

200 Menschen aus 28 Ländern und aus allen Sparten einer großen Musicalproduktion arbeiteten einen Abend lang für den guten Zweck – so oder ähnlich könnte eine Schlagzeile für die Aktion lauten, der sich auch der Musicalproduzent Stage Entertainment als Betreiber des Apollo Theaters Stuttgart anschloss. Von der Einlasskontrolle, über Vorderhaus, Licht- und Tontechnik, Backstage, bis hin zu Darstellern und Musikern verzichtete jeder auf seine Gage bzw. seinen Lohn. So konnte Theaterleiterin Constanze Müller am Ende des 3. Dezembers 2018 einen symbolischen Spendenscheck von 45.500 Euro überreichen.

Constanze Müller (Rotes Kleid, Leitung Stage Apollo Theater), Marion Ebach (5. v.r., Fundraising Hospiz), Christina Semrau (3. v.r., Botschafterin), Saskia Osterndorf (2. v.r., Heilerziehungspflegerin) und die Hauptdarsteller von »Der Glöckner von Notre Dame«: mit (v.l.) Felix Martin, Maximilian Mann, Jonas Hein und Mercedesz CzampaiFoto: Stage / Jan Potente

Constanze Müller (Rotes Kleid, Leitung Stage Apollo Theater), Marion Ebach (5. v.r., Fundraising Hospiz), Christina Semrau (3. v.r., Botschafterin), Saskia Osterndorf (2. v.r., Heilerziehungspflegerin) und die Hauptdarsteller von »Der Glöckner von Notre Dame«: mit (v.l.) Felix Martin, Maximilian Mann, Jonas Hein und Mercedesz Czampai
Foto: Stage / Jan Potente

Zugute kam dieses nahezu unglaubliche Engagement der Arbeit des »Hospiz‘ Stuttgart: Für Kinder, Jugendliche & Erwachsene«. Initiiert hatte das Projekt der Musicaldarsteller Maximilian Mann (zuletzt Phoebus in »Der Glöckner von Notre Dame«), der auch die künstlerische Leitung von »Weihnachten in Notre Dame« übernahm.

Dabei machte sich Mann auf sympathische Weise über den inflationären Gebrauch des Begriffs »Star« und »Superstar« lustig, welcher auch im Musicalgenre Fuß gefasst hat. Die wahren »Stars«, das sind für ihn die Menschen, die im Kinder- und Jugendhospiz Stuttgart den Sterbenskranken mit ihrer positiven Einstellung angenehme Momente bereiten und diese mit ihrer liebevollen Pflege bis in den Tod begleiten.

Wie das Publikum von den drei Vertretern des Hospiz‘ − Heilerziehungspflegerin Saskia Osterndorf, Marion Ebach (Fundraising Hospiz) und Christina Semrau (Botschafterin) − erfuhr, sind Spenden absolut notwendig, um die Arbeit im Hospiz aufrechtzuerhalten. Nur 95% der Betreuung eines Sterbenden übernehmen die Krankenkassen. Die restlichen 5 Prozent sowie die Unterbringung der Angehörigen, damit sie die letzten Tage mit dem geliebten Menschen verbringen können, werden alleine durch Spenden ermöglicht. Bei einem Besuch des Hospiz‘ vor etwa einem Jahr war Maximilian Mann zutiefst beeindruckt. Daraus entstand der dringende Wunsch, ein Benefizkonzert auf die Beine zu stellen. Dass sich diese Idee durch die vielen Mitwirkenden und die Unterstützung von allen Seiten, inklusive Theaterleitung, gewissermaßen verselbständigte, macht den bescheidenen Darsteller auch jetzt noch fassungslos und dankbar.

›Santa Claus Is Coming to Town‹ - Mercedesz Csampai & EnsembleFoto: Stage / Jan Potente

›Santa Claus Is Coming to Town‹ – Mercedesz Csampai & Ensemble
Foto: Stage / Jan Potente

Glücklicherweise verschlug es ihm am Abend des Konzerts nicht lange die Sprache. Denn neben seinem eigenen Auftritt mit einem emotionalen, jazzigen ›I’ll Be Home For Christmas‹ im Duett mit Gavin Turnbulls (Clopin Trouillefou) voluminösem Timbre, begeisterte Mann durch eine lockere Moderation. In der Ankündigung seiner Kollegen war die Begeisterung für das gemeinsame Benefizprojekt jeden Moment spürbar. Dabei erhielt das Publikum den einen oder anderen Einblick in die Arbeit der Kollegen. So stellte Mann den Studienleiter Thomas Schreier vor, der die musikalische Einstudierung der Arrangements von Guido Löflad und Sebastian Neugebauer übernommen hatte. »Ich kopiere die Noten für alle und sorge dann dafür, dass sie sich in den Köpfen der Sänger festsetzen«, erklärte Schreier in launigen Worten seine Arbeit. Zuvor interpretierte der Darsteller mit seinem klangvollen Bariton den Alan Menken-Song ›Evermore‹ aus der Realverfilmung von »Die Schöne und das Biest«. Zudem war er im Arrangement von ›Silent Night‹ zu hören, mit dem Marco Fahrland-Jadue, Jonas Hein, Emanuel Jessel, Sina Pirouzzi und Thomas Schreier den 200. Geburtstag des berühmtesten Weihnachtsliedes begingen.

Zu den Highlights des Programms, das getreu seines Titels mehrheitlich Weihnachtslieder enthielt, in die einige Musicalsongs eingestreut waren gehörte auch Yuri Yoshimuras mit beeindruckendem Stimmvolumen vorgetragene ›Grown Up Christmas List‹, bei der sich die junge Künstlerin selbst am Klavier begleitete. Etwas schade war, dass sie dabei mit dem Rücken zum Publikum saß.  Doch ließ sich sonst wohl kein guter Blickkontakt mit den Sängern herstellen, die auf der Bühne von Sebastian Neugebauer (Stellvertretender Musikalischer Leiter) begleitet wurden, wenn nicht das ganze 17-köpfige Orchester unter Leitung von Leif Klinkhardt beteiligt war.

›Santa Claus Is Coming to Town‹ - Mercedesz Csampai & EnsembleFoto: Stage / Jan Potente

›Santa Claus Is Coming to Town‹ – Mercedesz Csampai & Ensemble
Foto: Stage / Jan Potente

Mercedesz Csampai brachte den bewegenden schwedischen ›Gabriellas sång‹ aus »Wie im Himmel« mit und wurde dabei von Fredrik Wickerts, dem künstlerischen Leiter von »Der Glöckner von Notre Dame«, unterstützt. Eine klare und ganz eigene Interpretaton von ›Have Yourself a Merry Little Christmas‹ zur sang der derzeitige Quasimodo-Darsteller Jonas Hein, der auch mit einem puren, bewegenden ›Licht des Himmels‹ aus der Gastgeber-Produktion »Der Glöckner von Notre Dame« berührte. Ganz besonders daran war, dass Sina Pirouzi, die die Gebärdensprache beherrscht, den Gesang begleitete, was wie ein Tanz mit Händen wirkte. Dániel Rákász (Cover Phoebus) brachte einen leicht souligen ›The Christmas Song‹ zu Gehör.

Zugabe mit (v.l.): Mercedesz Czampai, Jonas Hein, Sina Pirouzi und Fabiana DenicoloFoto: Ingrid Kernbach

Zugabe – (v.l.): Mercedesz Czampai, Jonas Hein, Sina Pirouzi, Fabiana Denicolo und Yuri Yoshimura
Foto: Ingrid Kernbach

Einige geplante Auftritte mussten wegen Krankheit ausfallen. So konnte Sarah Bowden, die Erstbesetzung der Esmeralda aus Berlin, leider nicht kommen. Das galt auch für Milan Van Waardenburg und Judith Caspari, die gemeinsam in dem neuen Stuttgarter Broadway-Musical »Anastasia« im Nachbartheater, dem Palladium Theater spielen.

Kurzerhand hatten sich einige der Solisten bereit erklärt, noch einmal aufzutreten. So brachte Sina Pirouzi (Cover Esmeralda) ein kraftvoll gebeltetes ›Don’t Rain on My Parade‹ aus »Funny Girl« zu Gehör.

Felix Martin (Erzdiakon Frollo), der vor wenigen Monaten sein 30-jähriges Bühnenjubiläum feierte, zeigte seine Vielseitigkeit mit der amüsant-ironischen Weihnachtsparodie ›Merry Christmas Allerseits‹ auf der einen und einem speziellen Solo-Arrangement von ›Bridge Over Troubles Water‹ auf der anderen Seite.

›Bridge Over Troubles Water‹ - Felix Martin & ChorFoto: Stage / Jan Potente

›Bridge Over Troubles Water‹ – Felix Martin & Chor
Foto: Stage / Jan Potente

Für weitere unterhaltsame Momente sorgte während des Abends Kevin Köhler, der als Weihnachtself im grünen Samtkostüm den Notenständer-Träger machte und immer wieder versuchte, selbst eine Performance auf der Bühne anzubringen. Schließlich kam er buchstäblich aus dem Boden geklettert und beeindruckte mit einer Interpretation von ›Let It Go‹ aus »Frozen« − ein Song, der schon für eine Frauenstimme nicht einfach zu singen ist.

Zugabe - (v.l.): Kristina Love, Gavin Turnbull, Felix Martin

Zugabe – (v.l.): Kristina Love, Gavin Turnbull, Felix Martin

Special Guest des Konzerts war Kristina Love, die ab nächstem Frühjahr die Titelrolle in »Tina – Das Musical« verkörpern wird. Sie erzählte mit Tränen in den Augen, wie Tina Turner für Sie an ihrem Geburtstag ›Happy Birthday‹ gesungen hatte. Gemeinsam mit Romeo Salazar rockte sie die Bühne mit ›Proud Mary‹, um anschließend die Gospelnummer ›Who would Imagine a King‹ mit ihrer schönen Stimmfarbe zu intonieren.

Einen besonderen Part spielt in der Vorstellung von »Der Glöckner von Notre Dame« der Chorus von Notre Dame. Diesen stellt jeweils eine Abordnung von Mitgliedern aus dem Chor der ORchestra and Choral SOciety (ORSO Chor), der mit seinen Stimmen den Raum füllt und einem das Gefühl gibt, wirklich im Kirchenschiff von Notre Dame de Paris zu sein. Während des Konzerts standen erstmals über 100 Mitglieder unter ihrem Leiter Wolfgang Roese auf der Bühne des Apollo Theaters Stuttgart. Mit ›Carol of the Bells‹ hatten sie ihr eigenes großes »Solo«.

'Step Too Far' - Fabiana Denicolo, Maximilian Mann, Yuri YoshimuraFoto: Stage / Jan Potente

‚Step Too Far‘ – Fabiana Denicolo, Maximilian Mann, Yuri Yoshimura
Foto: Stage / Jan Potente

Zu einem besonderen Highlight des Abends wurde das mit Ensemble, Solisten und einem Teil des ORSO-Chores mitreißend zelebrierte ›The Gods Love Nubia‹ aus »Aida«. Aus dem gleichen Stück wurde in vier Sprachen von Fabiana Denicolo (italienisch), Maximilian Mann (deutsch) und Yuri Yoshimura (japanisch) − zusammen dann noch in englischer Sprache − das Terzett ›Step Too Far / Schon viel zu weit‹ performt. Zuvor betonte Maximilian Mann, dass Menschen aus 28 Ländern am Gelingen dieses Benefizkonzert beteiligt waren.

Bedauerlicherweise gab es dieses niveauvolle, engagierte Weihnachtskonzert nur an einem einzigen Abend im Apollo Theater zu erleben. Bei diesem immensen Aufwand und Engagement sehr schade, aber auch verständlich, opferten alle Mitwirkenden doch mehr als ihren freien Montag. Ein großes Kompliment!

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