Eine Stadt voller Affen – Uraufführung von »Affe« an der Neuköllner Oper Berlin

Wer kennt ihn nicht, den Hit von Peter Fox ›Schwarz zu blau‹, mit dem er in Deutschland 2013 die Goldene Schallplatte erhielt? Ein Song, der Berlin kaum besser beschreiben kann, und so ist auch das Album »Stadtaffe«, aus dem die Singleauskopplung stammt. »Stadtaffe« ist das Debütalbum des Berliner Musikers Peter Fox und die Songs, die mit vor allem von Streichinstrumenten dominiert werden, drehen sich besonders um die Hauptstadt Berlin. Das Affenthema findet sich in vielen Songs wieder, und Peter Fox sagte dazu, dass er dies auf Menschen in seinem Alter, die nicht zwar keine Teenies mehr, aber doch mehr jung als alt sind, bezieht. Oft benehmen diese sich »affig«, was ihn zu seinen Songs inspirierte. Seine Texte beschreiben häufig extreme Momente im Leben, wie Exzesse auf den Tanzflächen der Stadt, extreme Verirrung, aber auch nachdenkliche Momente klingen an. Davon fühlte sich Fabian Gerhard, der das Buch zu »Affe« schrieb inspiriert und verfasste zusammen mit John von Düffel ein Stück um die Songs herum. Und eines kann man bereits vorweg sagen: Es ist gelungen.

Foto: Matthias Heyde

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In einem Krankenzimmer, bestehend aus einem Bett, einer Art Tür, die durch ein Tuch angedeutet wird, zwei Stellwänden, an denen zwei stabile Seile quer über die Bühne gespannt sind und auf der rechten Seite ein überdimensional großes Ladekabel in einer Steckdose steckt, wacht F. (Anton Weil) im Krankenhaus auf. Sein Kopf brummt und er ist desorientiert. Er kann sich nicht erinnern, was in der letzten Nacht passiert ist. Die charmante Schwester (Achan Malonda) schafft es, F. ein wenig zu beruhigen, indem sie ihm erzählt, dass er in der letzten Nacht eingeliefert wurde und er sich ausruhen sollte. F. bekommt Schmerzmittel von ihr und versinkt in einen Traum, in welchem Ort und Zeit verschwimmen.Mit ›Schwarz zu blau‹ beginnt F.s Suche nach den Erinnerungen der letzten Nacht. F. weiß nicht mehr, wer er ist, nicht mal seinen Namen kennt er. Alles ist verschwommen, wir begleiten ihn auf einem Trip durch sein Seelenleben, bewegen uns aber zwischen Traum und Wirklichkeit. Was davon ist wahr, was nicht?
F. schlägt am Anfang seiner Reise auf der surrealen Suche nach Antworten bei seiner Freundin Lea (Amy Benkenstein) auf und ist vor den Kopf gestoßen, als sie ihn abweist. Verwirrt irrt er durch die Straßen und trifft auf seinen alten Freund Zaza (Sohel Altan Gol). Mit ihm wirft er sich Drogen ein und taucht in die Berliner Nacht ab. Mit Zaza verbringt er einen Abend unter Drogen im Berliner Nachtleben, umgeben von schönen Mädchen, den Ladys (Achan Malonda, Rubini Zöllner). Zaza bringt ihn am Ende des Abends zum »Oberaffen« (Sergej Lubic), einem Drogenboss, der F. eine letzte tödliche Dosis verabreichen will. Zaza stellt sich jedoch vor seinen Freund, schmeißt die Pille selbst ein und stirbt daran. Durcheinander verlässt F. den geheimen Ort, an den Zaza ihn geführt hat, und trifft auf einen Obdachlosen, vielleicht eine Versinnbildlichung seines inneren »Biests«? – ganz deutlich wird das nicht. Er konfrontiert F. mit seinen Ängsten und flüchtet.

Foto: Matthias Heyde

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Der Zuschauer findet sich im Krankenhaus wieder, F. liegt auf dem Bett und träumt offensichtlich. Er steht seit Tagen unter starken Beruhigungsmitteln und halluziniert. Es wird klar, dass alles, was wir sehen, eine Art »Traum-im-Traum«-Geschichte ist. Was ist wahr, was bildet F. sich ein? Das wird bis zum Ende nicht klar und lässt manches offen. Doch für die Energie, die von diesem Kammermusical auf das Publikum übertragen wird, ist das nicht von Nachteil. Peter Fox‘ Texte, in denen er vom inneren »Biest« singt, das in jedem von uns steckt und freigelassen werden will, von Gedanken, die ein Ventil brauchen, und davon, dass wir düstere Antworten in der Nachtluft finden, ziehen einen in ihren Bann. Auch wer das Album nicht kennt, fängt spätestens nach den den ersten Minuten an, rhythmisch mit dem Fuß zu wippen.
Die Musik wird von einer 6-köpfigen Band live eingespielt, die im Hintergrund in das Bühnenbild integriert ist. Besonders die Streichinstrumente machen alles sehr lebendig.
Die Leistung des Ensembles ist bis auf ein paar Momente durchweg überzeugend. Sehr agil wechseln sie schnell die Positionen und balancieren oder hängen sich an die quer über die Bühne gespannten Seile – fast wie Affen im Zoo.

Foto: Matthias Heyde

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Allen voran trägt Anton Weil als F. das Stück. Mit seinem Look passt er in das Bild eines jungen Berliners: Axelshirt, darüber ein Hemd mit Jogginghose und Turnschuhen. Weil ist in jedem Moment stark im Ausdruck. Sein Schauspiel ist glaubhaft und mit seinem kraftvollen Bassbariton ist er jedem Song gewachsen. Sein Freund Zaza wird von Sohel Altan Gol Sohel Altan Gol Sohel Altan Gol Sohverkörpert, der 23-Jährige mit türkisch-iranischen Wurzeln gibt den perfekten »Bro« von F. und kann besonders auch mit seinen gerappten Songtexten punkten. Im Rap begeistert aber vor allem die kraftvolle Stimme von Achan Malonda als Erste Lady. Eine Powerfrau mit blonden langen Rastazöpfen und einer intensiven Kraft hinter dem schnellen, rhythmischen Sprechgesang; auch im Spiel ist Malonda als Krankenschwester glaubhaft.

Sergej Lubic verkörpert neben der Rolle des Kings, dem Drogenboss, auch den Bettler (das Biest) und F.s Arzt. Als King thront er oben auf den Seilen in weißem Anzug wie Gott und genauso ist auch sein Spiel: überheblich und passend für diese Rolle. Als Biest sticht einem anfangs besonders sein Kostüm ins Auge, das aus einer Art grauer, zerlumpter Decke besteht, an die Mülltüten gebunden sind. Gebückt läuft er über die Bühne und verleiht dem Bettler einen gewollt abstoßenden Ausdruck. Auch er überzeugt besonders in den gerappten Parts mit Zungenfertigkeit. Seine Wandlungsfähigkeit unterstreicht er auch noch in seiner Rolle als Arzt, in der er einen bestimmten und gefühlskalten Menschen gibt. Rubini Zöllner ist vor allem in den Gesangsparts als Zweite Lady stark, voller Kraft besticht sie auch in ihren Soli-Momenten. Als F.s Nachbarin, die ihn jeden Tag durch ihr Fenster beobachtet, wirkt Zöllner anfangs noch etwas hölzern und aufgesetzt in ihrem Spiel, was sich aber im weiteren Verlauf des Stückes gibt.

Foto: Matthias Heyde

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Regisseur Fabian Gerhard wollte das Album von Peter Fox bereits im ersten Moment auf der Bühne erkennbar machen, und das hat er. Die rhythmischen Klänge von Peter Fox‘ Album »Stadtaffe« in Verbindung mit einer schnelllebigen Geschichte, die die Songs ideal umschließt, machen »Affe« zu einem gelungenen Stück, das den Nerv der Berliner trifft und sicher nicht nur deren.

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