»Frisch, witzig und romantisch«

Regisseur Holger Hauer im Interview zur Uraufführung von »Aschenputtel«

UM: Wie erzählen Sie »Aschenputtel« auf der Bühne?

Holger Hauer Foto: Brüder Grimm Festspiele

Holger Hauer, Foto: Brüder Grimm Festspiele

Holger Hauer: Frisch, witzig und romantisch – um es in drei Worten zu sagen. (lacht) Wir sind nicht so sehr das Spitzenkleidchen-Puschel-Märchen – und das meine ich nicht despektierlich. Unser »Aschenputtel« ist moderner, witziger, frecher und hat doch den Charakter des Märchenhaften behalten. Es ist romantisch und gefühlvoll. Vor einer Woche hat das erste Mal mein Choreograph Bart De Clercq neben mir gesessen und geweint, so gerührt war er. Ich denke, wir haben das Märchen etwas entstaubt, ohne es zu verraten. Gerade wegen der langen Märchentradition hier in Hanau haben die Zuschauer eine bestimmte Erwartungshaltung, und ich bin kein Regisseur, der das Publikum verschrecken will. Ich mache Theater für Publikum und nicht etwa zu meiner Selbstbefriedigung. Uns ist, glaube ich, ein sehr unterhaltsames »Aschenputtel« gelungen. Bei einem Stück, das jeder kennt, wo jeder weiß, wie es ausgeht, besteht die Herausforderung darin, zu überraschen.

UM: Heißt moderner auch, dass das Stück in unserer Zeit spielt?

HH: Da haben wir uns nicht so festgelegt. In den Kostümen – die ein wichtiges Kriterium für Zeitbezug darstellen – sind wir durchaus opulent und wie Ulla Röhrs und ich gerne sagen: eine Mischung aus Haute Couture und »Game of Thrones«, dabei aber sehr märchenhaft. Wir arbeiten mit einer nicht vorhandenen Zeit, ziehen das Stück aber nicht gewaltsam ins Heute: Es gibt keine Handys und Laptops. Die Kostüme und Kleider sind farbenfroh, aufwendig, ausladend und kommen auf der breiten Treppe schön zur Geltung. Mit 16 Leuten ist das Ensemble relativ groß, trotzdem hatte ich erst ein bisschen Angst, dass sich die Leute auf der großen Treppe verlieren, was sich glücklicherweise nicht bestätigt hat.

UM: In Hanau werden ja auch viele Matineen gespielt, bei denen es taghell ist auf der Bühne. Wie wird dabei mit Licht gearbeitet?

HH: Natürlich wirkt eine solche Treppe im Licht ab 22:00 Uhr besonders imposant. Zumal dieses Jahr hier das erste Mal auch mit farbigem Licht gearbeitet wird. Doch eben weil das Musical auch bei Tageslicht funktionieren muss, haben mein Choreograph Bart de Cercq und ich uns das Stück ohne Licht und Kostüme angesehen und hatten große Freude daran. Gestern haben wir sehr lange geleuchtet, um die verschiedenen Stimmungen zu erleben, und ich finde, dass das Kunstlicht zusammen mit dem Tageslicht eine gute Gesamtwirkung ergeben.

UM: Es ist das erste Mal, dass Sie als Regisseur ein Stück für Kinder inszenieren.

HH: Das ist fast richtig. Auf der Bühne habe ich bereits bei »Emil und die Detektive« – übrigens auch mit Musik von Marc Schubring – mit Kindern gearbeitet. Als Regisseur hatte ich auch schon einmal mit Kindern zu tun, als ich vor sieben/acht Jahren in einem Kinderheim in Berlin ein von den Leuten dort geschriebenes Musical inszeniert habe, zusammen mit sehr vom Leben benachteiligten Kindern. Es ging auch um ein Waisenkind, und das Stück wurde leider nur ein einziges Mal am Theater am Kurfürstendamm aufgeführt. Doch abgesehen davon ist dies mein erstes Familienstück.

UM: Was muss man beachten, wenn man Kinder fesseln will?

Szenenfoto mit Michèle Fichtner und Benedikt Ivo Foto: Reinhard Paul

Szenenfoto mit Michèle Fichtner und Benedikt Ivo, Foto: Reinhard Paul

HH: Kinder sind sehr ehrlich auch in ihren Reaktionen und deshalb müssen wir das Stück genauso ehrlich erzählen. Ich denke, wir sind sehr direkt in unserer Komik, ohne albern zu sein, denn das ist immer ein schmaler Grat. Zugleich spielen wir, wo es um Aschenputtel und den Prinzen geht, ehrliche Gefühle und dass das funktioniert, konnten wir neulich zum ersten Mal bei einem Promoauftritt im Senckenberg Museum in Frankfurt spüren. Natürlich gibt es auch übertriebene Figuren, wie die Stiefmutter und ihre Töchter, die schon sehr eigene Charaktere sind. Doch auch diese sind in sich sehr authentisch, und darin sehe ich auch den Schlüssel, um Kinder und Erwachsene zu erreichen. Wobei man auch klar sagen muss, »Aschenputtel« ist kein reines Kinderstück, es ist auch für Kinder, aber grundsätzlich ist es eine Musical-Uraufführung. Marc Schubrings Musik geht sicher auch in Kinderohren, aber es ist vor allem eine ganz tolle Musical-Musik, die auch ein rein erwachsenes Publikum begeistern sollte. Ich habe versucht – und das hat auch Frank(-Lorenz Engel) schon beim Schreiben seines Textes – ein Musical zu machen, das keine absolute Kindersprache hat, aber von Kindern nachzuvollziehen ist. Gerade, was den Humor angeht, sind wir durchaus auch für Erwachsene komisch.

UM: Wird das Publikum in das Stück einbezogen?

HH: Es gibt zwei Auftritte durch die Zuschauer, da gibt es Nähe zum Publikum, aber die Zuschauer werden nicht angesprochen oder einbezogen. Ich bin kein Fan von Mitmachtheater, es sei denn, es gehört zum Stück. Dann muss man aber auch reines Kindertheater machen und Kinder fragen: »Wo ist denn der Teufel?« Das machen wir hier nicht. Wir haben schon die vierte Wand, wie es am Theater heißt.

UM: Das ist sicher beim Open Air etwas schwierig.

HH: Das ist vor allem im Amphitheater schwer. Wir haben in den letzten Tagen ganz schön, auch mit dem Licht, gebastelt, weil es immer kleine Momente gibt, wo man jemanden mal ganz kurz nicht sieht, auch wegen der drei Balken in der Küche, die aber sein müssen, damit die Statik des Bühnenbildes stimmt. Wir haben viel Bewegung im Stück, damit diese Augenblicke kurz sind, und niemand spielt mit dem Rücken zum Publikum. Deshalb haben wir die offene Feuerstelle, die Frank sehr wichtig war, in einen Küchenblock integriert, den ich gerne haben wollte. So kann jemand dahinter stehen und ist doch zu sehen.

UM: Wenn Sie sagen, es ist viel Bewegung im Stück, so spielt Choreographie vermutlich eine wichtige Rolle, wobei das ja nicht nur Tanz meint.

HH: Ich hatte bisher das Glück, während meiner Laufbahn zwei Choreographen kennenlernen und mit ihnen arbeiten zu dürfen, die ich als meine absoluten Lieblingschoreographen bezeichne. Das ist zum einen Christopher Tölle und das ist zum anderen jetzt hier Bart De Clercq. Beide sind für mich menschlich wie auch fachlich ganz außergewöhnliche Menschen. Eben weil Choreographie nicht einfach Tanz bedeutet, ist es so schön, dass bei der Zusammenarbeit sowohl mit Christopher als auch jetzt mit Bart, Inszenierung und Choreographie ineinandergreifen. Bart war bei fast allen Proben dabei, wenn er nicht bei dem zweiten Stück »Es war einmal«, das er auch choreographiert, gebraucht wurde. Er hat sich jedes Mal meine Inszenierung angeschaut und immer versucht, dass sich Inszenierung und Choreographie verzahnen. Wenn ich dann mal eine choreographische Idee hatte, gerade in szenischen »Spielchoreographien«, wie ich es mal nenne – ein gutes Beispiel ist ›Officer Krupke‹ in der »West Side Story« – dann hat er manches davon übernommen und in einem wunderbaren Stil umgesetzt. Das ist ganz großes Kino. Es gibt auch Choreographen, die sagen: »Ich kapsele mich jetzt ab und mache eine Choreographie und dann passt die dem Regisseur hinterher oder auch nicht.« Doch da sind die beiden ganz anders, Christopher und Bart arbeiten ihre Choreographien für das Stück und sind letztlich uneitel, weil es ihnen nicht darum zu geht, zu zeigen, wie viele Schritte sie beherrschen, sondern darum, wie mache ich eine tolle Choreographie innerhalb dieser Inszenierung.

UM: Haben Sie und Intendant Frank-Lorenz Engels das erste Mal zusammengearbeitet?

HH: Ja, wir kannten uns vorher nur ganz flüchtig über einen Theaterverlag, bei dem wir uns über den Weg gelaufen waren. Den Kontakt haben Komponist Marc Schubring, der mein bester Freund ist, und der musikalische Leiter Markus Syperek, hergestellt. Dann hat er mich angerufen und wir – Marc, Frank, Edith Jeske, die Liedtexterin, Markus Syperek und ich – hatten, eben weil dies ja eine Uraufführung ist – ein langes Treffen in Berlin. Und ich muss ganz ehrlich sagen, so viel Uneitelkeit ist mir nur ganz selten begegnet. Jeder hat zugehört, was der andere noch an Vorschlägen hatte, und wenn der Vorschlag besser war, wurde er aufgegriffen. Ich glaube, Edith hat das so schön gesagt: »Es gab so gar keine territorialen Kämpfe.« Man konnte alles besprechen und die besten Dinge wurden einfach genommen. Beispielsweise haben wir den Schluss zusammen noch einmal überdacht und das gemeinsam bis zu dem letzten Lied ausgestaltet. Ich hatte die Idee mit dem Abgang der Stiefmutter und Marc schrieb dafür die Musik und Edith Jeske den wunderbaren Text von Dorabellas Lied. Es war ein unglaublich tolles Miteinander und diese Zusammenarbeit war Gold wert für das neue, fertige Stück.

Wobei das Tolle an einem neuen Stück auch ist, dass ich während der Proben zu Mark sagen konnte: Ich brauche da noch eine Musik für einen Umbau. Denn wir haben eine große Drehbühne, die nicht wahnsinnig schnell, sondern ein festes Tempo fährt. Ich hasse es, wenn Lücken im Stück sind und versuche deshalb immer, Übergänge zu bauen, und denke, es ist uns ein flüssiger Ablauf gelungen, sodass alles ineinander übergeht. Da, wo es Lücken gab, haben Bart und ich einige reizvolle Sachen erfunden. So gibt es ein Pärchen, das dreimal auftaucht, und eigentlich gar nichts mit der Geschichte zu tun hat. Am Anfang zaubert Griseldis mal wieder nicht so gekonnt, und es tauchen ein Zwerg und eine Ballerina auf. Sie haben nun im Stück ihre eigene kleine Bild-Geschichte und kaschieren dabei sehr charmant den Umbau. Das ist sicher auch etwas, auf das Kinder aufmerksam schauen werden.

UM: Es gibt in diesem Jahr ein rein professionelles Ensemble, wie Herr Engel schon betont hat. Insbesondere Carolin Fortenbacher ist natürlich eine Überraschung. Wie haben Sie das Casting erlebt?

(v.l.) Michèle Fichtner, Benedikt Ivo, Carolin Fortenbacher, Holger Hauer, Barbara Bach und Thorsten Tinney; hinten: Jan Schuba Foto: Brüder Grimm Festspiele

Szenenfoto mit (v.l.) Michèle Fichtner, Benedikt Ivo, Carolin Fortenbacher, Holger Hauer, Barbara Bach, Thorsten Tinney; hinten: Jan Schuba, Foto: Claudia Bison

HH: Ich bin ein bisschen stolz drauf, Carolin dabei zu haben. Wir sind alte Freunde und sie hierfür gewonnen zu haben, freut mich sehr und es macht großen Spaß mit ihr, Michèle Fichtner, Benedikt Ivo und dem ganzen Ensemble zu arbeiten. Frank und ich ticken sehr ähnlich in manchen Dingen, wie ich schon bei den Auditions festgestellt habe. Er hat mir ein paar Leute vorgegeben, die er gerne in der Besetzung haben wollte, und als wir uns dann länger unterhalten haben, war mir klar, dass ich mich darauf verlassen kann, dass er niemanden holt, weil er dem verpflichtet ist, sondern dass die Leute auf die Rollen passen. Zusammen mit den tollen Leuten, die wir neu gecastet haben, haben wir ein homogenes, sehr gutes Ensemble. Vor allem ist mir immer wichtig, dass niemand dabei ist, der zickig ist. Mein Lieblingsbeispiel dafür ist immer Guildo Horn, mit dem ich zweimal arbeiten durfte, und der sich so in das Ensemble eingegliedert hat, dass es eine reine Freude war, mit ihm zu arbeiten. Genau das haben wir auch hier: eine sehr gute Arbeitsatmosphäre. Wir gehen erstaunlicherweise auch viel miteinander nach der Arbeit gemeinsam essen – etwas, das ich sonst nicht so gerne mache, weil ich finde, die Darsteller sollen auch die Chance haben, allein zu sein und mal über mich zu meckern. (lacht) Aber hier funktioniert das ganz toll, bei aller konzentrierten Arbeit haben wir viel Spaß miteinander. Das ist ein Geschenk – ich mache das Ganze seit 1985 und seit ca. 15 Jahren auch als Regisseur. Da sind das nicht nur sechs Wochen Arbeit, sondern sechs Wochen meines Lebens und diese möchte ich bei aller Anstrengung mit Leuten verbringen, mit denen ich Freude daran habe. Zumal ich als Regisseur der einzige bin, der nie frei hat – ich muss überall dabei sein und spiele auch noch eine Rolle auf der Bühne, wenn auch eine kleine.

UM: Sie spielen die Rolle des Vaters von Konstanze alias Aschenputtel.

HH: Ich spiele Clemens, Aschenputtels Vater. Er taucht am Anfang in zwei Szenen auf, geht auf Reisen, tritt wieder auf, wenn er die Stiefmutter und die Töchter ins Haus bringt, und ist dann bis zum Finale auf Geschäftsreise. Trotzdem habe ich, bis vor zwei Tagen, meinen Text noch nicht gekonnt, weil ich, wenn ich auf der Bühnen bin, natürlich darauf schaue, was die anderen machen. Ich werde natürlich noch bis zur Generalprobe darauf meine Aufmerksamkeit richten, aber ich habe festgestellt, dass ich jetzt anfangen muss, loszulassen. Denn ich merke, wie schwer es sonst wird, umzuswitchen vom Regieblick auf den Darstellerblick. Und ich bin wahnsinnig gerne der Vater von Michèle als Aschenputtel, weil sie ein wunderbares Aschenputtel ist. Wir haben auf der Bühne eine enge Vater-Tochter-Beziehung, ohne dass wir unsere Szenen überprobt hätten. Michèle hat ein sehr gutes Gespür fürs Spielen und deshalb hat es sehr schnell zwischen uns funktioniert.

UM: Was ist für Sie die Botschaft des Stückes – vielleicht auch speziell des Musicals?

HH: Wenn man bedenkt, dass die Stiefmutter auch bei uns am Ende nicht am Hof leben darf und nicht mehr Aschenputtels Stiefmutter bleibt, könnte man sagen: Verhalte Dich gegenüber Menschen respektvoll und liebevoll, dann kann man ein gemeinsames gutes Leben haben. Wenn Du bösartig bist und Menschen in die Ecke drängst oder demütigst, zahlst Du hinterher die Rechnung dafür. Eine andere wichtige Aussage ergibt sich für mich daraus, dass Aschenputtel ihren Prinzen in dem wunderschönen, herbeigezauberten Kleid kennenlernt. Sie glaubt eine Zeit lang auch, dass der Prinz sie nur erkennen und lieben wird, wenn sie wieder dieses Kleid trägt. Doch so ist es nicht. Damit wäre eine weitere Botschaft die: Vertraue nicht auf Äußerlichkeiten, sondern höre auf Dein Herz! Das sind zwei Aussagen, die man aus dem Stück herauslesen kann und jeder ist herzlich eingeladen, das zu tun.

UM: Zum Abschluss die Frage: Weshalb sollten die Leute gerade dieses »Aschenputtel« sehen?

HH: Es hat tolle Musik, und ist, wie ich eingangs sagte: frisch, witzig und romantisch. Es gibt keinen Moment der Langweile im Stück, alles, was man sieht und hört, führt weiter in der Geschichte. Das ist das Entscheidende, deshalb haben wir auch das Lied ›So allein‹ herausgenommen. Zugleich ist das mein Duett mit Carolin Fortenbacher, das aber auf der CD zu hören ist. Doch ich habe mit Marc und auch Frank lange darüber gesprochen, dass ich als Regisseur empfinde, dass es in dieser Inszenierung ein wenig den Fluss der Geschichte stört. Das mag später ein anderer Regisseur, wenn es hoffentlich mal nachgespielt wird, anders sehen und sagen: Es muss rein. Denn es ist zweifellos ein ganz tolles Lied und sehr schön getextet, aber zugunsten eines flüssigen Ablaufs haben wir es gestrichen. Dafür haben wir ein Stück, das fließt, das von Anfang bis Ende eine tolle Stringenz hat. Sogar mir macht es nach sechs Wochen noch Freude, es zu sehen. Jetzt kann das Publikum kommen.

UM: In diesem Sinne vielen Dank für Ihre aufschlussreichen Ausführungen und eine erfolgreiche Premiere und schöne Spielzeit allen Beteiligten!

Die Interview führte Barbara Kern

 

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