»Theater ist jetzt, hier und heute Abend!« – Interview mit Autor und Theatermacher Frank Alva Buecheler

Frank Alva Buecheler sagt von sich, er habe mehrere Leben. Er hat national und international Musicals produziert, war Theaterleiter und künstlerischer Leiter in Hamburg und Bremen. In seinem dritten Leben ist er Autor und inszeniert Schauspiel und Musiktheater. Der erfahrene Theatermann bringt ab Mai 2008 Jekyll & Hyde für die Bad Hersfelder Festspiele auf die Bühne.

Frank Alva Buecheler  © United Musicals

Frank Alva Buecheler © United Musicals

MC24: Wir freuen uns sehr, dass Sie uns einen Einblick in die Arbeit an Ihrer Neuinszenierung von Jekyll & Hyde geben wollen. Dürfen wir Sie zunächst fragen, wie Sie grundsätzlich an das Thema herangehen?

FAB: Was Jekyll & Hyde betrifft, befinde ich mich in der angenehmen Situation, das Stück nicht das erste Mal zu lesen. Ich kenne es einfach.
Anmerkung der Redaktion: Frank Alva Buecheler hat 1999 die erste deutschsprachige Produktion von Jekyll & Hyde in Bremen auf die Bühne gebracht und diese 2001 nach Österreich lizensiert, wo sie – leicht verändert gegenüber Bremen – über zwei Jahre gespielt wurde. Danach lief das Stück noch einmal erfolgreich in Köln bis Ende April 2004.
Aber sonst ist es natürlich so, dass ich das Stück zunächst lese. Jetzt war das erste Lesen eher eine Wiederbegegnung mit dem Stück und doch neu und interessant. Man stellt fest: „Ach, schau an, die Szene ist ja doch eigentlich ganz anders, und da sind ja auch ein paar Sätze, die wir gestrichen haben.“
Als nächstes habe ich Jekyll & Hyde viele Male wieder gehört, in den verschiedenen Aufnahmen, die vorliegen. Dabei habe ich zum Beispiel festgestellt, dass ich die Broadwayfassung und auch die Gesamtaufnahme der off-Broadwayfassung eigentlich am modernsten finde, inklusive dessen, was ich selbst für die Bremer Aufführung und dann für Wien produziert habe. Die damalige Fassung ist mir inzwischen ein bisschen zu massiv geworden. Sie sehen, wie sich mit der Zeit der Blickwinkel verändert. So ist die Wiederbegegnung mit Jekyll & Hyde auch eine Neubegegnung mit dem Stoff.

MC24: Welche Rolle spielt der Ort der Inszenierung? In Bad Hersfeld inszenieren Sie auf einer großen Freilichtbühne.

FAB: Das Umfeld und die Umstände sind für mich ganz wichtig. Ich schreibe auch gerade an einem Buch mit dem Titel: „Theatermacht – Entschleunigungs- und Schönheitsanstalt. Wie das Theater der Neuen Moderne funktioniert.“, in dem ich meine Methodik darlege. Es geht mir immer sehr darum, Stücke nicht nur auf ihren Inhalt, sondern auch auf ihre Umstände hin zu lesen.

MC24: Viel Bühnenbild brauchen Sie in der Ruine eigentlich doch gar nicht, oder?
FAB: Das ist richtig. Wenn ich mich auf das Wesentliche konzentriere, brauche ich eine Bühne, den Zuschauerraum und die Schauspieler. Das ist Theater. Nun sind wir aber im Genre Musical und das Publikum will etwas sehen. Zum Musical gehört, dass es auch stark mittels Ausstattung erzählt.
Und das ist im Grunde ein Paradoxon – ich erzähle an dieser Stelle immer gerne davon, wie ich Anfang der 80er Jahre zum ersten Mal 42nd Street in London gesehen habe. Ich saß im Saal und die Vorstellung fing an. Sie müssen sich vorstellen: Der Vorhang geht etwa einen halben Meter hoch, nur halb hoch. Und dann waren da irgendwie 80 absolut synchron steppende Füße. Ich saß nur da und dachte: „Ich bin vollkommen glücklich, das Leben ist schön. Die Welt ist gut“. Es ist rein formal. Es hat überhaupt keinen Inhalt, aber man empfindet ein großes Glücksgefühl. So etwas gehört auch zu Theater und macht einen Teil der Faszination des Genre Musicals aus. Ich werde häufig als „Musicalfan“ angesprochen, aber ich bin kein Musicalfan. Ich bin auch kein Theaterfan, auch wenn ich mein Leben lang, genauer schon seit ca. 30 Jahren, Theater mache. Ich muss das einfach machen. Und ich begegne dem Musical mit genau denselben Fragen wie jedem Schauspiel und jeder Oper.

MC24: Hat das Musiktheater eine besondere Art zu transportieren?

FAB: Das hat es natürlich, aber wir nähern uns dem Musiktheater heute ganz anders als etwa in den 68ern des 20. Jahrhunderts. Die 68er Generation hatte mit dem Musiktheater ein großes Problem: Warum singen die Menschen auf der Bühne? Nun, da kann ich damals wie heute nur als Antwort geben: Warum nicht? In Oper oder Musical wird nun einmal gesungen. Man tanzt ja auch sonst nicht so, wie auf der Bühne im Tanztheater getanzt wird, und man spricht auch nicht so, wie die Schauspieler im Schauspiel. Das „Warum“ finde ich völlig uninteressant. Irgendjemand hat es wunderbarer Weise erfunden, und es hat sich als interessant erwiesen. Damit kann man Schönheit erzeugen und Erkenntnis.

MC24: Beim Musical haben Sie ja zwei Kanäle, Schauspiel und Stimme. Hat man dann als Regisseur vielleicht mehr Möglichkeiten? Könnte man einem Darsteller zum Beispiel sagen: „Versuch mal mit Deiner Stimme das und das herüberzubringen!“?

FAB: Natürlich kann man das. Die Ebene der Musik, die das Schauspiel nicht hat, kann immer etwas transportieren. Ich zögere nur etwas, das zu quantifizieren. Wenn ich einen guten Schauspieler habe, kann er mannigfache Ebenen in sein Spiel bringen. Obwohl keine Musik da ist, kann das Stück trotzdem sehr viel Rhythmus und Klang haben. So kann man nicht von weniger oder mehr sprechen. Es ist einfach anders. Und durch diese „Anders“ ist es auch möglich, einen anderen Blick auf eine Sache zu werfen. Jekyll & Hyde liegt ja auch als Schauspiel, in Form von unzähligen Filmen und eben als Novelle vor. Jedes Mal ergibt sich eine andere Perspektive auf den Stoff und das Thema.
Natürlich schaue ich auch genau, wie meine Besetzung ist. Mir geht es immer darum, präzise mit allen Faktoren, die die Umstände eines Stückes ausmachen zu arbeiten.

MC24: Das heißt, es macht für Sie einen Unterschied, wer jetzt die Hauptrolle spielt?

FAB: Absolut! Ich kann auch nicht einfach umbesetzen. Das funktioniert nicht. In einem Stück kann nicht einfach mal der oder die Eine am nächsten Abend spielen. Das wiederum ist für ein Publikum wunderbar. Es entstehen dadurch wirklich sehr individuelle, singuläre Produktionen, die etwas Einmaliges, Unverwechselbares haben. Daran liegt mir sehr.

Für mich waren diese Klonproduktionen, diese Kopien, die weltweit abgespult werden, egal ob ein japanisches, ein amerikanisches, ein europäisches, ein sonst wie Publikum im Theater sitzt, eine Entwicklungsphase der 80er und 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Wirklich Theater ist das nicht gewesen.
Theater ist jetzt, hier und heute Abend! Und es muss einen Grund für die Leute geben, warum sie kommen und ihr bequemes heimisches Sofa verlassen. Dann sollen sie kein Surrogat bekommen, keine Kopie, sondern etwas Originäres.

MC24: Können Sie uns schon etwas über Ihre Ideen zu Ihrer neuen Inszenierung von Jekyll & Hyde sagen?

Frank Alva Buecheler  © United Musicals

Frank Alva Buecheler © United Musicals

FAB: Das kann ich durchaus. Zunächst einmal lasse ich das Stück grundsätzlich in seiner Zeit, nicht ganz 1888, sondern zu Anfang des 20. Jahrhunderts, aber eindeutig vor dem Ersten Weltkrieg. Das Stück funktioniert nur vor Entdeckung und Verbreitung der Psychoanalyse. Nur zu diesem Zeitpunkt konnte man noch die Idee haben, das Gute und das Böse zu separieren und das Böse auf diese Art und Weise aus der Welt zu schaffen. Spätestens seit Sigmund Freud und seinen Mitstreitern wissen wir natürlich, wie es sich grundsätzlich mit Trieben, Instinkten und sozialen Eigenheiten verhält. Mittlerweile haben wir zusätzlich Erkenntnisse über die genetische Fixierung der Menschheit. Die genannte Epoche ermöglicht ein besonderes Gegensatzpaar; es lassen sich besonders gut Tradition und Konservatismus gegen Fortschritt, Zukunft und Sicherheit stellen. Jekyll & Hyde ist eben nicht nur ein Stück über den Gegensatz von Gut und Böse, sondern ganz grundsätzlich ein Stück über viele Widersprüche, so auch über den ungebrochenen Fortschrittsglauben, der zu Stevensons Zeit besonders vorherrschte. Dem stehen wir heute skeptisch gegenüber. Wir wissen inzwischen, dass auch mal Verzichten und nicht Machen Fortschritt sein kann. Nicht alles, was technisch machbar ist, sollte auch umgesetzt werden. Das 20te Jahrhundert hat bewiesen, was Grauenvolles dabei herauskommt. Es gab kaum ein so brutales, blutiges Jahrhundert wie das, was zu Ende gegangen ist. Wir wollen hoffen, dass man vielleicht ein bisschen lernt und das 21te Jahrhundert nicht ganz so blutig wird.
Der nächste Widerspruch in Jekyll & Hyde ist der zwischen Realität und Vision. Gegen eine Vision, eine Vorstellung, ist zunächst gar nichts zu sagen. Aber wann kippt sie um? Wann, wie bei Henry Jekyll, wird sie zum Fanatismus und verkehrt sich ganz gegen das ursprüngliche Vorhaben? Es gibt ja die gute Absicht. Jekyll will das Böse besiegen. Letztendlich besiegt aber das Böse das Gute in ihm. Am Anfang denkt Jekyll noch, er könnte Gut und Böse trennen. Das ist die Hybris des Menschen.
Sie haben heute ja auch Jan Ammann kennen gelernt. Es war mein absoluter Wunsch, einen jungen attraktiven Jekyll zu haben. Dr. Henry Jekyll ist ein Karrierist, ein genialer Wissenschaftler sicher, der hoch begabt ist und dem die Zukunft offen steht. Aus solch einem Material werden Premierminister geschnitzt. Wie manch junger Broker an der Börse, legt Jekyll aber auch eine gewisse Gewissenlosigkeit an den Tag. Er hat einen ausgeprägten Tunnelblick.

MC24: So ein bisschen in die Richtung, der Zweck heiligt die Mittel?

FAB: Genau das möchte ich aufzeigen. Und damit kommen wir dahin, festzustellen: Der gute Henry Jekyll ist nicht so gut. Ich finde ihn sogar relativ unsympathisch. Er ist ein junger aufstrebender Karrierist und sehr von sich überzeugt. Wir haben sogar extra eine Szene hineingenommen, um ihn sympathischer zu machen. So zeigen wir, wie er in seinem Haus die Ärmsten der Armen umsonst behandelt. Es gibt auch das in seinem Leben. Und genauso wie Jekyll nicht nur gut ist, ist Hyde für mich nicht nur böse.

MC24: Die Figur ist janusköpfig, nicht wahr?

FAB: Natürlich sind das alles Seiten einer Figur. Deswegen ist es auch so absurd, dass Hyde von der ersten Verfilmung des Stoffes an immer als so eine Art haariger Affe dargestellt wird. Dabei sind sich Jekyll und Hyde sehr ähnlich. Eine solch äußerliche Trennung werden wir auf der Bühne nicht machen, sondern Jan Ammann wird die beiden Seiten des Dr. Jekyll mit allen ihm zur Verfügung stehenden schauspielerischen Mitteln darstellen. Er wird auch nicht, wie in den vorigen Produktionen, lange Haare haben und dann einen Zopf, den er öffnet.

MC24: (scherzhaft) Nicht? Darauf sind wir ja schon ganz fixiert.

FAB: (lachend)…aber ich habe das wirklich schon hunderte Male gesehen. Das braucht es aber gar nicht. Es ist doch viel spannender, wenn die anderen erst einmal gar nicht merken, was geschieht.

MC24: Wie setzen Sie dann die „Konfrontation“ um?

FAB: Die Konfrontation ist eine Auseinandersetzung mit sich selbst. Jan Ammann muss es rein mimisch und von der Körperhaltung her machen, mit schauspielerischen Mitteln.

MC24: Frank Wildhorn erwähnte kürzlich auf einem Konzert, es würde in manchen Ländern mit Projektionen oder Einspielungen gearbeitet. Zumal es dem Darsteller sehr viel abverlangt, beide Seiten zu interpretieren. Wird Jan Ammann beide Partien parallel singen?

FAB: Man kann natürlich mit solchen Mitteln arbeiten. Die Sache ist sehr anspruchsvoll. Zugleich ist es aber auch eine besonders spannende Aufgabe für den Künstler, beide Seiten zu spielen. Wir haben innerhalb eines Taktes einen Wechsel von einer Figur zur anderen, die eine ganz andere Stimmfärbung hat und wieder zurück zur ersten Figur. Das ist sehr interessant. In Bremen haben wir in etwa sechswöchigem Abstand Publikumsbefragungen gemacht und immer gefragt, wie fanden Sie es? Die Zustimmungsraten waren hoch. Allgemein hieß es: „Es war sehr gut!“. Gefragt, was die interessanteste, die spannendste Szene war, wurde die „Konfrontation“ mit weitem Abstand vor allem anderen genannt. Ausgerechnet die Nummer, in der gar kein Bühnenbild vorhanden war, wurde als die spannendste Nummer bezeichnet. Da gab es einen Scheinwerfer von oben und einen von unten. Ethan Freeman stand in der Mitte und hat auch im Wesentlichen alles über sein Spiel bewirkt. Das macht Theater aus und interessiert die Leute.

MC24: Wie sehen Sie die Rolle der beiden Frauen und ihr Verhältnis zu Dr. Jekyll?

FAB: Die beiden Frauenrollen sind total spannend. Im Grunde könnte das Stück „Jekyll und Hyde und Lisa und Lucy“ heißen. Wir haben die Verkörperung zweier Prinzipien, man könnte fast sagen, zweier unterschiedlicher Entwürfe eines Frauenlebens. Das Spannende ist die Entwicklung der Beiden. Lisa wurde in den bisherigen Aufführungen immer gerne als das höhere Töchterchen und als ein bisschen langweilig gesehen und ebenso dargestellt. Das sehe ich gar nicht so. Wir erleben, dass sie sich von der höheren behüteten Tochter zu einer Partnerin von Jekyll entwickelt. Im zweiten Akt ist sie es, die Jekyll gegen ihren Vater verteidigt. Sie wird wirklich zur Partnerin. Dazu gehört auch, dass sie schließlich ihren gerade angetrauten, sterbenden Ehemann in den Armen hält.

MC24: Ist nicht Lisa am Ende die Starke?

FAB: Absolut, so ist es. Sie wird viel stärker als Jekyll, der ja sozusagen unterliegt und die Situation nicht mehr im Griff hat. Lisa gewinnt immer mehr Statur und das ist sehr interessant.
Und dann ist da die Rolle der Lucy. Wir haben sehr gesucht, um nicht so eine ganz propere junge Kollegin dafür zu finden, sondern eine, die auch schon eine reife gestandene Frau ist und Lebenserfahrung einbringt. Lucy ist eine Prostituierte, der der schlimmste Unfall passiert – sie verliebt sich in einen Kunden. Das darf ja eigentlich gar nicht sein, und sie hat auch nicht mehr damit gerechnet. Das finde ich ganz toll. Sie entwickelt sich von der harten professionellen Hure immer mehr zu einem jungen Mädchen, zu einer Julia. Lucy singt zum Schluss: A New Life (Ein neues Leben). Daran hatte sie überhaupt nicht mehr gedacht, dass sie nochmal ein neues Leben anfangen könnte. Dass sie das Geld in der Hand hält, einen Traum zu realisieren, den sie nicht mehr gewagt hat zu träumen, das ist für sie unglaublich. Und die große Tragik ist einzig, dass sie sich einen Augenblick zu lange freut. Hätte sie das Geld genommen und wäre geflüchtet, hätte Hyde sie nicht gefunden, und sie hätte London verlassen können.
Wir haben also zwei völlig gegenläufige Entwicklungen in den beiden Frauenrollen, die auch wieder ein Gegensatzpaar bilden. Dann gibt es da noch das wunderbare Duett: In His Eyes (Nur sein Blick). Es gehört zu meinem Konzept, dass wir innerhalb des Duetts nochmals diese Entwicklung der beiden Figuren zeigen. Es wird so sein, dass Lisa weich anfängt und immer kräftiger und härter wird, und dass Lucy hart anfängt und immer weicher wird. Die Inszenierung stelle ich mir dann so vor, dass wir zunächst die beiden Frauen haben und dass im Hintergrund dann aber auch der Chor, die Statisterie, hinzukommt, und sich dabei die working class und die upper-class people mischen. Damit möchte ich in den großen Raum übersetzen, was eigentlich bei beiden Frauen passiert. Die Gegensätze zwischen beiden, die Widersprüche ihrer beider Leben werden aufgehoben. Und darum geht es mir ganz stark, einfach zu sagen: „Okay, wir leben mit Widersprüchen. Ich habe gestern das gesagt und das war richtig und heute sage ich das Gegenteil und das ist auch richtig“. Das ist sozusagen Relativitätstheorie. Das lassen wir jetzt einfach mal so stehen und lösen den Widerspruch auch nicht auf. Wir müssen einfach lernen, damit zu leben.
Physiker wie Stephen Hawking können dann ausrechnen, warum in irgendwelchen ferneren Dimensionen und Ebenen alles das, was uns als Widerspruch erscheint, gar keiner mehr ist, sondern sich auflöst. Das können wir mit unserem Vermögen und Denken nicht tun. Und dessen sollten wir uns immer bewusst sein. Wir sollten sehen, was für ein zu kurz greifendes Experiment Dr. Jekyll da unternommen hat und erkennen, dass wir eben nicht Gut und Böse trennen können. Der Versuch in der Realität führt zu Fanatismus, und zu einer Flucht in mittelalterliche, überholte Denkweisen, statt uns weiter zu bringen.
Und genau das sind die Themen, die in Jekyll & Hyde angeschnitten, aber nicht ausdiskutiert werden. Das muss auch nicht sein.
Ich denke, wenn die Leute nach der Vorstellung sagen, dass es ganz toll war, und wenn sie dann am nächsten und übernächsten Tag noch daran denken, so dass das Gesehene und Gehörte in ihnen weiter wirkt, und sie das vielleicht auf Eigenes beziehen oder mit Familie, Freunden, Kollegen darüber sprechen – ich glaube, dann kann Theater wirklich etwas bewirken. Die Frage steht ja immer im Raum, aber ich glaube, das kann Kunst. Natürlich ist es nicht so: Wir machen A und daraus folgt klar B. Das natürlich nicht. Aber wir können schon dafür sorgen, dass die Leute einen Anstoß bekommen, differenzierter zu gucken, vielleicht differenzierter zu denken, wenn sie unzufrieden mit einer Situation sind – allein schon damit ist viel bewirkt. Wenn man sehr viel Glück hat, ist jemand so inspiriert, dass er vielleicht sogar den ein oder anderen Vorschlag macht und sagt: „So könnte es doch auch gehen“.
Es wäre das Allerschönste, wenn wir mit Jekyll & Hyde bewirken könnten, dass der Zuschauer aufstehen und sagen möchte: „Lucy, nimm das Geld und hau ab! Lisa, bleib nicht vor der Tür vom Labor stehen, stoß sie auf. Guck wirklich! Du bist schon so gut. Jetzt mach auch diesen Schritt noch, dass Du siehst, was mit Deinem Verlobten, Deinem Geliebten passiert. Auf dass Du ihn nicht tot in den Armen hältst.“
Mir geht es bei meiner Inszenierung darum, die Gegensatzpaare von Jekyll & Hyde auf der einen und Lisa und Lucy auf der anderen Seite herauszuarbeiten.

MC24: Das hört sich alles sehr interessant an und wir sind gespannt auf das Ergebnis. Herzlichen Dank dafür, dass Sie sich die Zeit genommen haben, den Mitgliedern im MusicalClub24 einen Einblick in Ihre Arbeitsweise und Ihre Pläne für die Inszenierung von Jekyll & Hyde zu geben. Vielen Dank für das offene informative Gespräch.

Das Interview führten Barbara Kern und Sylke Wohlschiess.

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