
Komponist Frank Wildhorn. Foto: frankwildhorn.com
United musicals: Vielen Dank, dass Sie sich Zeit für dieses Gespräch nehmen und mir die Möglichkeit geben, mit Ihnen über Musicals zu sprechen.
Frank Wildhorn: Sehr gern.
UM: Wie sind Sie ursprünglich dazu gekommen, Musicals zu komponieren?
FW:: Ich bin zuerst in New York und später in Hollywood, Florida, aufgewachsen. Damals habe ich American Football gespielt, weil ich unbedingt Profi werden wollte – als Middle Linebacker (ist eine wichtige Position in der Verteidigung im American Football, Anm.d.Redak.) bei den Dallas Cowboys. Aber sie haben bis heute nicht angerufen. Ich denke also, dieser Traum ist vorbei. (lacht)
Außerdem habe ich als Rettungsschwimmer gearbeitet – das war wahrscheinlich der einzige »richtige« Job, den ich jemals hatte.
UM: Und parallel haben Sie angefangen, Musik zu machen?
FW: Genau. In meinen frühen Teenagerjahren habe ich mir selbst Klavierspielen beigebracht. Ich bin komplett Autodidakt. Eines Tages hörte mich meine Mutter spielen und fragte: »Was machst du da? Du spielst doch gar nicht Klavier.« Und ich sagte nur: »Ich probiere ein bisschen herum.« Aber sie meinte: »Du machst Musik.«
UM: Das muss ein besonderer Moment gewesen sein.
FW: Absolut. Kurz darauf hatte ich eine Band mit Freunden, wir spielten Pop-Musik der 70er Jahre – Songs von den Eagles, The Beatles, Steely Dan, Marvin Gaye oder Stevie Wonder. Aber gleichzeitig begann ich sofort, eigene Musik zu schreiben. Sobald meine Hände auf dem Klavier lagen, fing ich automatisch an zu komponieren.
UM: Also haben Sie damals schon Ihren Weg gefunden.
FW: Ja, definitiv. Ich erinnere mich noch genau daran, wie ich mit etwa fünfzehn Jahren zu meinem Vater sagte: »Ich weiß, dass du möchtest, dass ich Anwalt oder Arzt werde – aber ich werde dorthin gehen, wohin mich die Musik führt.«
UM: Wie hat er darauf reagiert?
FW: Ehrlich gesagt entstand daraus über Jahre eine Art kalter Krieg zwischen uns. Niemand in unserer Familie hatte etwas mit Musik oder Unterhaltung zu tun. Und wenn man diese Welt nicht kennt, wirkt sie natürlich unsicher und beängstigend. Heute verstehe ich das viel besser. Aber als Teenager denkt man nur: »Ich möchte meinen eigenen Weg gehen.«
UM: Und genau das ist wahrscheinlich das Wichtigste – seinen Träumen zu folgen, wenn man spürt, dass es richtig ist.
FW: Absolut. Man muss es tun.
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UM: Das versuche ich auch meiner Tochter mitzugeben. Sie ist erst sieben Jahre alt, aber ich wünsche mir einfach, dass sie später ihren eigenen Weg findet und glücklich wird.
FW: Genau darum geht es.
UM: Gab es bestimmte musikalische Einflüsse, die Sie besonders geprägt haben?
FW: Definitiv meine Eltern. Sie hatten einen unglaublich vielseitigen Musikgeschmack. Damals lief zuhause ständig Musik – auf Schallplatten natürlich.
An einem Tag hörte ich Frank Sinatra, Tony Bennett oder Ella Fitzgerald, also Jazz. Dann wieder lateinamerikanische Musik wie Trini Lopez. Und meine Eltern liebten Motown – dadurch habe ich früh viel Soul, R&B und afroamerikanische Musik gehört.

»Dracula«-Tour 2026. Fotos: Nico Moser
UM: Das ist eine enorme Bandbreite.
FW: Absolut. Dazu kamen Filmmusik und wahrscheinlich mehr als alles andere: die Beatles. Mit dieser Mischung bin ich aufgewachsen.
UM: Und wahrscheinlich erklärt genau das, warum Ihre Musicals so unterschiedlich klingen. »Bonnie & Clyde« hat eine völlig andere Atmosphäre als »Dracula«, »Rudolf – The Last Kiss« oder »Carmen«.
FW: Genau. Ich glaube, dieser breite musikalische Hintergrund hat mir geholfen, in ganz unterschiedlichen Stilrichtungen schreiben zu können.
UM: Das merkt man wirklich. Jede Show hat ihre eigene musikalische Identität.
FW: Das ist mir auch wichtig. Jedes Stück braucht seine eigene Klangwelt.
UM: Kommen wir jetzt zu dem Stück, das heute Premiere in Berlin feiert: »Dracula«. Ich durfte letzte Woche eine Preview sehen und dabei ist mir der neue Song ›She‹ im zweiten Akt aufgefallen.
FW: Genau.

»Dracula«-Plakat Korea mit Kim Junsu
Foto: OD Company · Lotte Entertainment und CJeS Company
UM: Dabei habe ich mich gefragt: Wie läuft dieser kreative Prozess eigentlich ab, wenn man ein bestehendes Musical verändert oder erweitert?
FW: Das ist immer eine Herausforderung, weil die Show im Grunde bereits existiert. Aber ich arbeite international mit so vielen unterschiedlichen Künstlern zusammen, dass ständig neue Perspektiven entstehen. In Korea zum Beispiel spielte Kim Junsu die Rolle des Dracula. Er ist dort ein riesiger K-Pop-Star. Seine Idee war: »Was wäre, wenn Dracula noch sehr jung gewesen wäre, als er zum Vampir wurde?«
Dadurch bekam die Figur plötzlich eine ganz andere Energie – jünger, emotionaler, fast wie eine Mischung aus Vampir und Rockstar.
UM: Das verändert natürlich sofort die gesamte Atmosphäre der Show.
FW: Absolut. Und Junsu sagte irgendwann zu mir: »Ich möchte nicht nur über Draculas Vergangenheit sprechen – ich möchte darüber singen.« Also schrieb ich einen neuen Song für ihn.
UM: Und daraus entstand schließlich ›She‹?
FW: Genau. Der Song funktionierte in Korea so gut, dass er nach und nach Teil weiterer Produktionen wurde. Alex Balga, der Regisseur der Berliner Inszenierung und der Tour, hörte ihn und sagte sofort: »Den brauchen wir in unserer Version.«
UM: Und gerade in Berlin ist das wirklich ein beeindruckender Moment geworden.
FW: Ja, Alex hat das fantastisch umgesetzt.
UM: Wie läuft so etwas normalerweise ab? Kommen Regisseure oder Produzenten aktiv auf Sie zu und sagen: »Wir möchten etwas verändern« oder »Wir brauchen einen neuen Song«?
FW: Das passiert durchaus. Aber vieles basiert auf Vertrauen und Zusammenarbeit. Alex und ich kennen uns bereits länger. Deshalb wusste ich, dass er verstehen würde, warum dieser Song wichtig ist.
UM: Sie geben den kreativen Teams also ziemlich viel Freiheit?
FW: Mehr als viele andere Broadway-Komponisten, glaube ich. Wenn ich Menschen respektiere und ihre Arbeit schätze, dann vertraue ich ihnen auch. Außerdem: Wer bin ich, einem deutschen Produktionsteam erklären zu wollen, wie deutsches Publikum funktioniert?
UM: Das ist ein interessanter Ansatz.
FW: Nehmen wir »Jekyll & Hyde« als Beispiel. In Deutschland sagte man damals zu mir: »Auf den Konzeptalben gibt es Songs, die gar nicht in der Show vorkommen.« Und ich erklärte: »Amerikanisches Publikum wird schnell unruhig – deshalb haben wir vieles gekürzt.«
Daraufhin hieß es: »In Deutschland haben die Zuschauer die Ruhe, länger sitzen zu bleiben. Wir möchten diese Songs zurückhaben.« Genau das finde ich spannend: Jede Produktion entwickelt ihr eigenes Leben.

»Dracula«-Graz 2007. Foto: Birgit Bernds
UM: Es ist wirklich faszinierend, einmal hinter diese kreativen Prozesse zu blicken. Ich habe »Dracula« im Laufe der Jahre in ganz unterschiedlichen Produktionen gesehen – damals in Graz (österreichische Erstaufführung), später in Leipzig, Bremerhaven und jetzt hier in Berlin.
FW: Wann haben Sie die Produktion in Graz gesehen?
UM: Das müsste ungefähr 20 Jahre her gewesen sein – unter anderem mit Thomas Borchert und Uwe Kröger.
FW Ah, deshalb frage ich. Ich liebe diese Produktion bis heute.
UM: Die Atmosphäre dort war wirklich etwas Besonderes. Dieses Open-Air-Theater hatte eine unglaubliche Stimmung. Und während der Vorstellung gab es teilweise sogar Blitze und ein leichtes Gewitter.
FW: Wirklich?
UM: Ja – und dadurch wirkte alles noch intensiver. Es fühlte sich an, als hätte das Wetter selbst Teil der Inszenierung werden wollen.
FW: Fantastisch. Das haben wir natürlich genauso geplant. (lacht)
UM: Dann war es definitiv eine sehr gelungene Inszenierung.
FW: Thomas Borchert war damals außerdem großartig in der Hauptrolle. Überhaupt war das ganze Ensemble fantastisch.
UM: Absolut. Diese Produktion ist mir wirklich im Gedächtnis geblieben.
FW: Das freut mich sehr. Genau solche Erinnerungen machen Theater besonders. Jede Produktion entwickelt ihre eigene Atmosphäre und ihre eigenen emotionalen Momente.
UM: Sie haben inzwischen unglaublich viele Musicals und Werke geschrieben. Gibt es etwas, worauf Sie besonders stolz sind? Oder sehen Sie eher Ihr Gesamtwerk als Ganzes?
FW: Ich versuche eigentlich immer, Schüler zu bleiben. Ich möchte mich ständig weiterentwickeln, neue Dinge lernen und mich nicht wiederholen.

»Dracula«-Tour 2026. Fotos: Nico Moser
UM: Trotzdem muss es etwas geben, das Ihnen besonders viel bedeutet.
FW: Worauf ich wahrscheinlich am meisten stolz bin, ist die Tatsache, dass ich nach über vierzig Jahren noch immer neue Projekte machen darf. Dass Menschen weiterhin möchten, dass ich Musik schreibe.
UM: Das spricht definitiv für Ihre Arbeit.
FW: Ob Popsongs, Broadway-Shows oder inzwischen sogar Symphonien mit den Wiener Symphonikern – wenn ich daran denke, dass ich früher Rettungsschwimmer am Strand war und überhaupt nicht wusste, wohin mein Leben führen würde, dann empfinde ich dafür vor allem Dankbarkeit.
UM: Gab es Projekte, die Sie besonders herausgefordert haben? »Dracula« basiert auf einer weltbekannten Geschichte, während eine Show wie »Death Note« eher ein Nischenthema ist.
FW: Noch ein Nischenthema. (lacht) Hoffentlich nicht mehr lange. Aber ehrlich gesagt fordert mich jede Show auf ihre eigene Weise heraus. Wenn mich ein Projekt nicht herausfordern würde, hätte ich wahrscheinlich gar kein Interesse daran.
UM: Was reizt Sie dabei am meisten?
FW: Jedes Musical fühlt sich an wie ein neuer Mount Everest. Sobald man zusagt, begleitet einen diese Geschichte oft über Jahre hinweg. Man lebt mit ihr, arbeitet mit vielen Menschen zusammen und versucht herauszufinden, wie man diese Welt musikalisch erzählen kann.
UM: Und jede Geschichte braucht dafür eine andere Sprache?
FW: Genau. Ich suche immer zuerst nach dem musikalischen Vokabular eines Stücks. Bei »Bonnie & Clyde« war das zum Beispiel die Klangwelt des amerikanischen Südens der 20er Jahre – Country, Blues, Jazz, Texas Two-Step, all diese Einflüsse.
UM: Teilweise klingt die Musik dort sogar bewusst roh und »dreckig«.
FW: Genau. Und bevor ich überhaupt richtig komponieren kann, muss ich diese musikalische Welt verstehen. Ich recherchiere sehr viel, höre Musik, beschäftige mich mit Atmosphäre und Zeitgefühl.

»Dracula«-Tour 2026. Foto: Nico Moser
UM: Die Geschichte steht also immer am Anfang?
FW: Absolut. Zuerst kommt die Frage: Kann ich dieser Geschichte mit Musik etwas hinzufügen? Und danach beginnt die Suche nach ihrer Klangwelt.
UM: Und sobald Sie diese gefunden haben?
FW: Dann arbeite ich meistens sehr schnell. Fast meditativ. Sobald das musikalische Vokabular klar ist, fühlt sich das Schreiben oft wie ein Flow-Zustand an.
UM: Schreiben Sie dann auch die Texte selbst?
FW: Meistens arbeite ich mit großartigen Texterinnen und Textern zusammen. Ich hatte unglaubliches Glück mit meinen Weggefährten. Aber der Ausgangspunkt bleibt immer dieselbe Frage: Kann diese Geschichte musikalisch über mehrere Stunden tragen?
UM: Und jede Produktion entwickelt danach ihr Eigenleben.
FW: Genau. Das ist das Schöne – und gleichzeitig die Herausforderung – am Musiktheater.
UM: Ihre Themenwahl ist unglaublich vielfältig. Was hat Sie damals an »Jekyll & Hyde« besonders fasziniert?
FW: Tatsächlich begann alles, als ich während meines Studiums eine Bühnenfassung von »Dracula« gesehen habe. Mich faszinierte die Idee, viktorianische Horrorliteratur modern und emotional auf die Bühne zu bringen. Und ich fragte mich damals: Gibt es noch andere Geschichten aus dieser Welt, die sich als Musical erzählen lassen?
UM: Und dann stießen Sie auf »Jekyll & Hyde«.
FW: Genau. Das war noch vor »Das Phantom der Oper« von Andrew Lloyd Webber. Ich war damals Student und dachte sofort: Ein Mensch mit zwei Persönlichkeiten – das könnte musikalisch unglaublich spannend sein.
UM: Gerade dieser innere Konflikt eignet sich natürlich perfekt für Musik.
FW: Absolut. Die emotionale Zerrissenheit der Figur war für mich der Schlüssel zu allem.

»Rudolf – Affaire Mayerling« in Wien 2009. Foto: Vereinigte Bühnen Wien
UM: Einige Jahre später entstand dann »Rudolf – Affaire Mayerling« für die Vereinigten Bühnen Wien. Wie kam dieses Projekt zustande?
FW: Der Ausgangspunkt war ein Buch namens »A Nervous Splendor« von Frederick Morton. Darin geht es um Kronprinz Rudolf, Mary Vetsera, Mayerling und die gesamte Welt des österreichischen Kaiserhofs. Als ich das gelesen habe, dachte ich sofort: Diese Geschichte verdient ein Musical.
UM: Also stand die Idee relativ früh fest?
FW: Ja. Später kamen Produzenten aus Wien dazu, die die Rechte an dem Stoff hatten und daraus ein Musical entwickeln wollten. Die Produktion entwickelte sich dann über mehrere Jahre weiter, bis schließlich die Weltpremiere in Budapest stattfand, weil in Wien damals kein Theater frei war.
UM: Das wusste ich tatsächlich nicht.
FW: Bei mir beginnt eigentlich fast alles mit einem Buch oder einer Geschichte, die mich emotional packt. Danach stellt sich die Frage, ob daraus auch musikalisch eine große Reise entstehen kann.
UM: Und sobald diese Verbindung da ist, beginnt die eigentliche Arbeit?
FW: Genau. Dann entwickelt sich das Projekt Schritt für Schritt weiter – gemeinsam mit Produzenten, Regisseuren und dem gesamten kreativen Team.

Regisseur Alex Balga
Foto: Festspielhaus Neuschwanstein Füssen
UM: Lassen Sie uns noch inmal kurz zurück zu »Dracula« kommen. Gibt es etwas, das diese Berliner Produktion für Sie besonders macht?
FW: Vor allem der Regisseur, Alex Balga. Wir haben bereits früher zusammengearbeitet, und momentan inszeniert er auch »Rudolf – Der letzte Kuss« in Füssen. Alex versteht meine Musik sehr intuitiv. Er arbeitet extrem emotional und hat ein besonderes Gespür dafür, wie man diese Emotionen auf die Bühne übersetzt.
UM: Das merkt man der Produktion definitiv an.
FW: Seine Übergänge sind wunderschön, und er erschafft starke Bilder. Gerade bei »Dracula« ist Atmosphäre unglaublich wichtig – und das gelingt ihm hervorragend.
UM: Besonders in diesem eher kleinen und intimen Theaterraum funktioniert das sehr gut.
FW: Absolut. Die Lichter gehen aus, die ersten Töne erklingen – und plötzlich taucht man komplett in diese Welt ein.
UM: Genau dieses Gefühl hatte ich bei der Show. Sobald das Intro beginnt, ist man sofort mitten in der Geschichte. Gibt es etwas, worauf das Publikum bei »Dracula« besonders achten sollte? Oder geht es eher um das Gesamterlebnis?
FW: Interessant an »Dracula« ist, dass die meisten Zuschauer die Geschichte bereits kennen, bevor sie überhaupt im Theater sitzen. Vielleicht nicht jede einzelne Szene oder diese konkrete Interpretation – aber jeder weiß sofort, wer Dracula ist und welche Welt damit verbunden ist.
UM: Dadurch entsteht wahrscheinlich direkt eine emotionale Verbindung.
FW: Genau. Das Publikum fühlt sich sofort zuhause in dieser Geschichte. Und wenn dann Musik, Atmosphäre und Inszenierung zusammenkommen, entsteht hoffentlich ein wirklich besonderer Theaterabend.
UM: Die Reaktionen waren jedenfalls extrem positiv. Ich finde wirklich, dass Ihnen und dem gesamten Team hier etwas Besonderes gelungen ist.
FW: Danke. Das bedeutet mir viel.

»Death Note« London 2026
Logo: Tsugumi Ohba, Takeshi Obata/SHUEISHA
UM: Darf ich Sie noch etwas zu »Death Note« fragen? Ich freue mich unglaublich auf die London-Produktion.
FW: Natürlich. Sie sind also Fan von »Death Note«?
UM: Ja. Ich habe zuerst den Manga gelesen und danach den Anime gesehen.
FW: Genau. Und später kamen noch die japanischen Realfilme dazu.
UM: Mich fasziniert vor allem, wie anders dieses Material im Vergleich zu Ihren anderen Musicals ist – japanische Mythologie, Anime-Kultur, diese sehr düstere Welt.
FW: Absolut. Als man mich damals fragte, ob ich daraus ein Musical machen möchte, wusste ich ehrlich gesagt nicht einmal, was ein Manga ist. Ich nahm das Material mit nach Hause und sprach mit meinem älteren Sohn darüber. Er arbeitet bei Riot Games und kennt diese gesamte Anime- und Gaming-Welt unglaublich gut.
Ich sagte zu ihm: »Man hat mich gefragt, ob ich ein Musical namens ›Death Note‹ schreiben möchte.« Und seine Antwort war sofort: »Dad, das ist viel cooler als alles, was du sonst am Broadway machst. Du musst das machen.« Im Grunde hat mein Sohn mich also überzeugt. Und ich bin unglaublich froh darüber, denn »Death Note« war bisher eine fantastische Reise.
UM: Die Show hat inzwischen ja eine riesige internationale Fangemeinde.
FW: Absolut. Bestes Musical in Japan, großes Publikum in Seoul – und jetzt bringen wir die Show endlich auch nach London ins Barbican Theatre.
UM: Ich hoffe wirklich, dass wir das Stück irgendwann auch in Deutschland sehen werden.
FW: Davon bin ich überzeugt. »Death Note« entwickelt gerade eine enorme Dynamik.
UM: Musikalisch fühlt sich die Show auch komplett anders an als viele Ihrer anderen Werke. Wie sind Sie an diese dunkle, psychologische Atmosphäre herangegangen?
FW: Die Geschichte behandelt große universelle Themen: Gut gegen Böse, Macht, Moral, Familie. Gleichzeitig gibt es mit den Shinigami – also den Todesgöttern – eine fast mythologische Ebene. Dadurch konnten wir musikalisch viel stilisierter arbeiten. Wir fanden irgendwann ein musikalisches Vokabular, das stark von Rock und modernen Sounds geprägt war – fast ein bisschen Linkin Park, kombiniert mit symphonischen Elementen.
UM: Genau das macht die Musik so besonders.
FW: Und genau dadurch erreichen wir plötzlich auch ein völlig neues Publikum. Die Comic-Con- und Anime-Community ist heute riesig – teilweise sogar größer als das klassische Theaterpublikum.
UM: Dadurch entsteht wahrscheinlich eine ganz neue Verbindung zwischen Popkultur und Musiktheater.
FW: Absolut. Und genau das finde ich spannend. Wenn wir diese Welten zusammenbringen, kann ein Musical wie »Death Note« sehr lange weiterleben.
UM: Wird sich die London-Produktion von den bisherigen Versionen unterscheiden?
FW: Ja, definitiv. Wir haben drei neue Songs geschrieben, außerdem einen neuen Regisseur und Fabian Aloise als Choreographen gewonnen – frisch ausgezeichnet mit dem Olivier Award für »Evita«.
UM: Das klingt nach einer ziemlich großen Weiterentwicklung der Show.
FW: Genau. Es bleibt »Death Note« – und gleichzeitig entsteht etwas komplett Neues.
UM: Ich kann es wirklich kaum erwarten, das zu sehen.
Zum Abschluss noch ein paar persönlichere Fragen: Welche Musik hören Sie privat eigentlich am liebsten?
FW: So ziemlich alles. Wirklich alles.

Frank Wildhorn. Foto: Jens Ochmann
UM: Das überrascht mich ehrlich gesagt nicht. (lacht)
FW: (lacht) Ich höre Frank Sinatra und Tony Bennett, dann vielleicht Filmmusik von Ennio Morricone oder Rachmaninow – wahrscheinlich mein Lieblingskomponist überhaupt. Und gleichzeitig versuche ich, bei moderner Popmusik immer auf dem neuesten Stand zu bleiben. Mein Sohn hilft mir dabei ziemlich gut.
UM: Aber die Beatles bleiben wahrscheinlich trotzdem Pflichtprogramm?
FW: Immer. Dass sich die Beatles vor über fünfzig Jahren getrennt haben und ihre Musik trotzdem nie verschwindet, ist für mich bis heute unglaublich.
UM: Wenn Sie ein Musical über Ihr eigenes Leben schreiben müssten – wie würde es heißen?
FW: »Passion«.
UM: Einfach »Passion«?
FW: Genau. Denn darum geht es letztlich immer: Leidenschaft.
UM: Arbeiten Sie aktuell an Projekten, über die Sie schon sprechen dürfen?
FW: Sehr viele sogar. Im Moment liegen ungefähr elf verschiedene Projekte auf meinem Klavier.
UM: Elf? Okay, das ist beeindruckend.
FW: Einige davon befinden sich bereits in Produktion oder Vorbereitung. Besonders freue ich mich gerade auf »Van Gogh in Love«. Außerdem arbeite ich an »Mac and Beth« – einer modernen Version von »Macbeth«, die in der Londoner Underground- und Modeszene der frühen 80er Jahre spielt.
UM: Das klingt komplett anders als vieles, was Sie bisher gemacht haben.
FW: Absolut. Musikalisch orientiert sich das stark an David Bowie, Queen oder Duran Duran. So etwas habe ich bisher noch nie geschrieben – und genau das macht es spannend.
UM: Also reizt Sie immer noch vor allem das Neue?
FW: Genau. Außerdem arbeite ich in Seoul an einem Stück über Leonardo da Vinci und Michelangelo und ihre Rivalität. Und dann gibt es noch »Orlando«, basierend auf Virginia Woolfs Roman, das 2027 in Baden Premiere haben wird.
UM: Ist es schwierig, ständig zwischen so unterschiedlichen Projekten zu wechseln?
FW: Ehrlich gesagt ist das wahrscheinlich der einfachste Teil. Jede Geschichte hat ihre eigene musikalische Sprache. Sobald ich in dieser Welt bin, bewegen sich meine Hände fast automatisch in die richtige Richtung.
UM: Das hält wahrscheinlich auch kreativ frisch.
FW: Absolut. Und hoffentlich auch ein bisschen jung. (lacht)

Frank Wilhorn (Mitte) mit Jan Ammann (l.) und Navina Heyne (r.) in Berlin. Foto: Jens Ochmann
UM: Was wünschen Sie sich generell für die Zukunft des Musiktheaters?
FW: Als ich damals »Jekyll & Hyde« schrieb, wurde ich oft kritisiert, weil ich als »Pop-Typ« ans Theater kam. Heute passiert genau das überall im Musiktheater – und darüber freue ich mich sehr.
UM: Weil sich die Grenzen inzwischen geöffnet haben?
FW: Genau. Junge Menschen entdecken heute Musicals oft zuerst über einzelne Songs oder Cast-Aufnahmen. Und sobald sie einmal ins Theater kommen und diese Atmosphäre live erleben, bleiben viele von ihnen dem Theater langfristig verbunden.
UM: Theater funktioniert also immer noch generationenübergreifend?
FW: Absolut. Besonders international bin ich sehr optimistisch. Natürlich ist der Broadway eine schwierige Welt – extrem teuer, extrem risikoreich und oft stärker vom Business geprägt als von der Kunst selbst.
UM: Trotzdem sehen Sie positiv in die Zukunft?
FW: Definitiv. Viele große Pop-Shows sind heute im Grunde bereits Theaterproduktionen. Diese Verbindung zwischen Popmusik und Theater wird immer stärker – und ich glaube, wir haben noch gar nicht gesehen, wohin das noch führen kann.
UM: Und genau darin liegt wahrscheinlich die Zukunft des Musiktheaters.
FW: Davon bin ich überzeugt.
UM: Mir ist gerade noch etwas eingefallen. Ich habe im Laufe der Jahre viele sehr unterschiedliche Produktionen gesehen. Manche arbeiten mit riesigen Bühnenbildern und gewaltigen Effekten. Aber manchmal habe ich das Gefühl, dass dadurch die Musik fast in den Hintergrund rückt. Vor einigen Jahren habe ich in Linz eine sehr kleine Produktion des schwedischen Musicals »Wie im Himmel« gesehen. Die Inszenierung war extrem reduziert – aber genau deshalb konnte man sich vollkommen auf die Musik konzentrieren.
FW: Genau. Und beides hat absolut seine Berechtigung.
UM: Also gibt es für Sie kein richtig oder falsch?
FW: Nein. Entscheidend ist nur, dass am Ende alles zusammenpasst. Große Bilder können fantastisch sein – genauso wie eine sehr intime, reduzierte Inszenierung.
UM: Die Musik bleibt dabei trotzdem immer der Kern?
FW: Genau das hoffe ich zumindest immer. Wenn die Musik wirklich funktioniert, dann kann man sie auf ganz unterschiedliche Weise präsentieren. Heute Abend spielen vielleicht acht oder neun Musiker im Orchestergraben – gleichzeitig habe ich gerade erst eine symphonische »Dracula«-Suite mit etwa achtzig Musikern der Wiener Philharmoniker und der Wiener Symphoniker gemeinsam aufgenommen. Für diesen Moment war das wahrscheinlich eines der besten Orchester der Welt.
UM: Ich höre diese symphonischen Suites übrigens wirklich oft. Sie klingen unglaublich kraftvoll.
FW: Martin Böhm und Walter Voigt haben dafür fantastische Arbeit geleistet. Sie haben einige der besten Musiker überhaupt zusammengebracht – und genau dadurch klingt die Musik so reich und emotional. Aber genau darum geht es letztlich: Wenn die Musik stark genug ist, funktioniert sie in jeder Form – ob intim oder monumental.
UM: Vielen Dank für das Gespräch. Es war wirklich eine große Freude.
FW: Danke Ihnen.

Frank Wildhorn mit dem Berliner »Dracula«-Cast 2026. Foto: Jens Ochmann
