
Edward Lewis (Mathias Edenborn) und Vivian Ward (Shanna Slaap). Foto: Marcel Goetz
Am 15. April war es so weit und »Pretty Woman – Das Musical« mit der Musik von Bryan Adams, der auch die Liedtexte beisteuerte (weitere Musik und Liedtexte von Jim Vallance), feierte Berlin-Premiere im Admiralspalast vor ausverkauftem Haus.
»Pretty Woman« war einer der ikonischsten Liebesfilme der frühen 1990er Jahre – Julia Roberts wurde als Prostituierte Vivian Ward quasi über Nacht zum Weltstar und Richard Gere brillierte in der Rolle des knallharten Geschäftsmanns Edward Lewis. Bei der aktuellen Tournee, die unter anderem bereits in Oberhausen, München und Frankfurt gastierte und nach der Berliner Spielzeit Richtung Süden aufbricht und das Publikum in Stuttgart, Füssen, Graz und Linz in seinen Bann ziehen möchte, übernehmen Shanna Slaap und Mathias Edenborn die Hauptrollen. Beide kennen die Rollen bereits, Slaap spielte Vivian in der niederländischen Produktion mit Bravour, Edenborn verkörperte Edward Lewis erfolgreich für wenige Wochen in der deutschsprachigen Erstaufführung in Hamburg 2020.
Die Story ist schnell erzählt: Edward, ebenso wohlhabend wie knallhart, trifft auf die vom Pech verfolgte Vivian. Kurzentschlossen heuert er sie an, die kommende Woche seine Begleitung zu spielen. Doch was als Geschäftsbeziehung beginnt, entwickelt sich schnell zu einer romantisch-kitschigen Liebesgeschichte. Doch ebenso wie im Film ist die Story auf der Bühne nicht nur, dass der reiche Geschäftsmann die arme Prostituierte rettet. Denn sie kratzt durch ihre Unbekümmertheit und phasenweise leichten Naivität mehr als nur ein bisschen an seiner Fassade der berechnenden Geschäftsmäßigkeit und rettet ihn damit vor sich selbst – statt Business-Meetings gibt es plötzlich barfuß rezitierte Shakespeare-Sonette – und dem Happy End steht nichts mehr im Weg.

Edward Lewis (Mathias Edenborn) und Vivian Ward (Shanna Slaap). Foto: Marcel Goetz
Natürlich ist die Geschichte modernisiert, ein bisschen dem aktuellen Zeitgeist angepasst und für die Bühne adaptiert (Buch: Garry Marshall und J. F. Lawton). Denn einen Film kann man verständlicherweise nicht eins zu eins auf die Musicalbühne bringen. Beispiele gefällig? Edward spielt in seinem Penthouse Klavier und nicht in der Hotelbar, beim Essen mit dem jungen David Morse (der Senior wurde im Gegensatz zur Originalproduktion gestrichen) im Hotelrestaurant flutschen Vivian nicht die Schnecken durchs Besteck, dafür aber lockert sie den etwas konservativ anmutenden Tanzabend mit ihrer Art ordentlich auf – was sogar Edward zum Tanzen verleitet.
Aber natürlich gibt es eine ordentliche Menge an Dialogen zwischen den beiden, die Filmliebhaber nicht missen wollen und welche die Entwicklung zwischen den beiden so wunderbar aufzeigen (»Ich küsse dich nicht auf den Mund«, der Streit nach dem Polo-Spiel oder die Opernszene).
Dazu gibt es im Musical Giulio (Jimi Hendrikse), den Hotelpagen, der nicht nur als moralische Unterstützung für Vivian dient, sondern mit seiner Art auch eine ordentliche Portion Humor in das Stück bringt.
Das Bühnenbild (Carla Janssen Höfelt) besteht aus einem auf drei Ebenen bespielbaren Gerüst, das durch verschiedene Schiebe- und Klappelemente schnelle Ortswechsel ermöglicht. Unterstützt von der im Hintergrund befindlichen LED-Leinwand wird jederzeit deutlich, in welchem Rahmen sich die Darstellenden gerade befinden. Die Übergänge und Umbauten geschehen flüssig im Hintergrund und sind teils sinnvoll, teils humorvoll in die Handlung eingebettet, sodass die Szenen nahtlos ineinander übergehen können.

Ensemble von »Pretty Woman«. Foto: Dominik Flohr
Mit dem Happy Man, gespielt von Benedikt Ivo, gibt es zudem eine Art Erzähler, der je nach Situation in die Rollen des Hotelmanagers Mr. Thompson, von Mr. Hollister oder des Sängers der Restaurantband schlüpft und das Publikum so charmant durch die Geschichte begleitet.
In weiteren Rollen sind Sophie Reinicke als Kit de Luca und Benjamin Plautz als Edwards schmieriger Anwalt Philip Stuckey zu sehen.
Die Kostüme sind passend auf das jeweilige Klientel abgestimmt und orientieren sich stark am Film, ohne ihn diese direkt zu kopieren. Auch hier funktioniert die Adaption sehr gut – besonders in dem Moment, in dem Vivian geschniegelt für den Opernbesuch die Bühne betritt: Da ist das ein oder andere bewundernde Raunen im Publikum deutlich zu hören.
Auch die Instrumentalisierung mit einer sechsköpfigen Band wirkt stimmig, rund und lädt immer wieder zum Mitklatschen und Mitsummen ein.

Edward Lewis (Mathias Edenborn) und Vivian Ward (Shanna Slaap). Foto: Dominik Flohr
Fazit:
»Pretty Woman – Das Musical« begeistert das Publikum, die Musik geht ins Ohr, gerade die Balladen ›Freiheit‹ (Edward) und ›Alles, nur nicht hier‹ (Vivian) sind richtig stark und bleiben lange im Gedächtnis. Am Ende stehen alle auf und tanzen bei der Zugabe: der ikonische titelgebende Song aus dem Film ›Oh, Pretty Woman‹ von Roy Orbison – der im Musical zuvor nur in kurzen Akkorden angeteasert wird und mit dem das Publikum zu Beginn des zweiten Aktes zum kurzzeitigen Mitsingen animiert wird – sorgt schließlich für einen stimmungsvollen Abschluss.

Ensemble von »Pretty Woman«. Foto: Dominik Flohr
