Es geht immer darum, eine möglichst gute Geschichte zu erzählen

Interview mit Autor und Komponist Martin Lingnau, einer der Schöpfer von »Die Weihnachtsbäckerei«

Foto: Tina Wünsch

United Musicals: Herr Lingnau Sie sind schon relativ lange im Geschäft und einer der Schöpfer des Musicals »Die Weihnachtsbäckerei«. Wie schaffen Sie den Wechsel zwischen Erwachsenen-, Familien- und Kindertheater?

Martin Lingnau: Es gibt gar keinen Wechsel. Beides ist genau gleich. Denn es geht immer darum, eine möglichst gute Geschichte zu erzählen, und die Menschen möglichst nah und emotional zu erreichen.
Und das ist bei Kindern sogar noch eine Spur anspruchsvoller als bei Erwachsenen. Denn Kinder sind noch ehrlicher. Wenn es mal kurz langweilig ist, merkst du es sofort. Erwachsene halten sich zurück und sind dann trotzdem ruhig. Kinder fangen sofort an, unruhig zu werden und sich zu unterhalten, fragen nach Bonbons oder irgendetwas anderes. Da weißt du, du hast deine Arbeit nicht gut genug gemacht.

UM: Eigentlich ist es ja auch kein reines Kindertheater, sondern sehr, sehr gutes Familientheater, die Königsdisziplin.

ML: Genau, das sehe ich auch so. Deswegen hatte ich es ja auch so formuliert, den Spagat zwischen Erwachsenen-, Familien- und Kindertheater. Das ist ja auch eine andere Gattung.

UM: Sie sagen, Familientheater ist die höchste Kunst. Jetzt seid ihr mit fünf Produktionen gleichzeitig am Start. Wie stolz sind Sie darauf?

ML: Das sind Sachen, die kannst du nicht planen. Du kannst nur wahnsinnig froh und glücklich darüber sein. Das ist wie ein Lottogewinn. So was plant man ja nicht. Zuerst hatten wir das Vertrauen von Rolf (Zukowski), seine Lieder exklusiv in eine neue Geschichte einbauen zu dürfen. Als dies dann auch noch so toll funktionierte, war das ja eigentlich schon Geschenk genug. Wenn es dann auch noch passiert, dass das eine Art neue Weihnachtsgeschichte wird und die Leute jedes Jahr Karten kaufen und wiederkommen, ist man sehr stolz und glücklich.

Illustration: Julia Ginsbach

UM: Wo grenzt sich eigentlich »Die Weihnachtsbäckerei« von »Scrooge – Eine Weihnachtsgeschichte« und auch »Der Geist der Weihnacht« ab?

ML: »Die Weihnachtsbäckerei« haben wir als Einakter konzipiert, bei dem die Eltern mit Sicherheit auch unterhalten werden. Das ist bei Familienmusicals eine wichtige Sache.

UM: Warum entscheidet man sich für einen Einakter statt für zwei Teile?

ML: Wir haben uns allein wegen der Altersstruktur für einen Einakter entschieden, um die jungen Kinder nicht zu überfordern, um gleichzeitig alle Menschen von 3 bis 99 Jahren erreichen zu können. Das war eigentlich der einzige Grund, damit man wirklich alle glücklich machen kann. Beim Zweiakter fallen schon die Jüngsten raus und die Ältesten auch. Da liegen ja schon einige Jahrzehnte dazwischen.

UM: Welches Ihrer Werke ist das, wo Sie sagen, Sie hätten nicht erwartet, dass es so ein Erfolg wird?

ML: Eigentlich ist das bei ganz vielen meiner Stücke so. Die »Heiße Ecke« hatten wir nur für eine Sommerbespielung geplant und jetzt läuft das Stück seit 23 Jahren in Hamburg. Bei »Die Weihnachtsbäckerei« hätte ich nie gedacht, dass sie dieses Jahr an fünf verschiedenen Spielorten läuft. Zudem komme ich gerade aus Tokio, wo mein Musical »Goethe!« seine asiatische Erstaufführung feierte. Da hatte ich auch das Gefühl, das ist eines der größten Geschenke, die ich erleben durfte, zumal die Premiere auch noch an meinem Geburtstag stattfand.

UM: Ein wunderschöner Übergang. Zu »Goethe!« wollte ich auch etwas fragen. War es eine Aufführung tatsächlich nur mit Frauen? Die Takarazuka Company in Japan ist ja dafür bekannt, dass dort ausschließlich Frauen spielen.

ML: Ja, das war tatsächlich ein bisschen kompliziert, denn »Goethe!« ist ja durchkomponiert. Dadurch mussten viele Tonartübergänge und Modulationen neu komponiert und die Orchestration angepasst werden. Aber als ich da war, dachte ich, es ist wirklich fantastisch. Trotzdem ist es sehr glaubwürdig, was ich mir nicht habe vorstellen können. Das, was ich dann erlebt habe, hat all meine Erwartungen übertroffen.

Rolf Zukowski (Librettist) und Marin Lingnau (Autor)
Foto: Morris Mac Matzen

UM: Ist es denn richtig, was man sich über Japan erzählt? Das Theater ist voll, selbst vor dem Theater ist es auch voll, also, dass die Menschen sehr Theater affin sind?

ML: Japan ist das Land der Gegensätze. Ich habe mich sehr in Japan verliebt.
Auf der einen Seite hat man diesen Overkill in Sachen Technik und Schnelligkeit und auf der anderen Seite die Achtsamkeit und die Stille und das Aufgeräumte und das Klare. Ich bin sehr, sehr begeistert. Genau das habe ich auch in der Arbeit erlebt. Also ein aufschäumendes, überschäumendes Temperament der Darstellerinnen auf der Bühne und gleichzeitig aber eine unglaubliche Disziplin, Respekt, Achtsamkeit im Arbeitsumgang. Ich komme aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus gerade. Ich höre jetzt mal lieber auf. (lächelt)

UM: Welch schönes Ende für dieses Interview. Danke, es war sehr interessant und weiterhin solche schönen Erlebnisse für Sie.