
Die Reise beginnt (Ensemble). Foto: Daniel Lagerpusch

Kapitän Edward John Smith (Benjamin Eberling) mit seiner Crew. Foto: Daniel Lagerpusch
Das Leben schreibt die besten Geschichten – klingt nach einer abgedroschenen Floskel, stellt sich aber doch immer wieder als wahr heraus. Denn manche Geschichten sind so vielschichtig, so tiefgründig, dass sie sich kein Autor oder keine Autorin hätte ausdenken können. Eine dieser Geschichten ist die der Titanic, ein kulturelles wie historisches Phänomen, das Menschen auf der ganzen Welt fasziniert.
Und nein, Grund dafür ist nicht der Blockbuster von 1997, der Leonardo DiCaprio und Kate Winslet zu Stars machte und die Titanic für immer mit der Liebesgeschichte von Jack und Rose verband.
Die Faszination für das als unsinkbar geltende Schiff, das auf seiner Jungfernfahrt von einem Eisberg gerammt wird und 1.514 Menschen in den Tod reißt, speist sich aus einer einzigartigen Kombination verschiedener Faktoren: Zum einen bündelt sich in der RMS Titanic der von Fortschrittsdenken und Glaube an die Technologie geprägte Zeitgeist: Als Wunderwerk der Technik war sie das Symbol für den Aufbruch in eine neue Zeit. Zum anderen ist es jener Glaube an die Unbesiegbarkeit der Technik, der zu ihrem Untergang führte. Eine tragische Ironie menschlicher Hybris.

Heizer Frederic Barrett (Til Ormeloh, M.) mit seinen Kollegen. Foto: Daniel Lagerpusch
Hinzu kommt das menschliche Drama: Über 1.500 Menschen starben in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912 im Wasser des eiskalten Nordatlantik. Die Geschichten einzelner Passagiere, wie etwa die der Musiker, die weiter spielten, während das Wasser im Schiff immer höher stieg, gehen ans Herz. Gleichzeitig führt uns das Unglück extreme menschliche Emotionen vor Augen: Mut, Angst, Opferbereitschaft und Egoismus. Und es zeigt uns, was soziale Ungerechtigkeit ist. Denn die Titanic war streng nach Klassen getrennt – Erste, Zweite und Dritte Klasse erlebten völlig verschiedene Realitäten, die auch ihre Überlebenschancen bestimmten. Das alles macht die Titanic zu einem vielschichtigen und geschichtsträchtigen Symbol, das sich aus dramaturgischer Sicht perfekt dafür eignet, es popkulturell aufzubereiten.

Der Ausguck Fredrick Fleet (Nicolai Schwab). Foto: Daniel Lagerpusch
James Cameron gelang dies in besagtem Film von 1997 eindrucksvoll. Eine ganze Generation wurde durch seine Mischung aus Liebesgeschichte, Historie und spektakulären Bildern an das Schicksal der Titanic gebunden. Nicht ansatzweise so viel Beachtung erhielt das Musical »Titanic« aus der Feder von Maury Yeston (Musik und Liedtexte) und Peter Stone (Buch), das am 23. April 1997 seine Broadway-Premiere feierte. Und das ist bedauerlich, denn »Titanic« ist ein wirklich gutes Musical, das in diesem Jahr in der Burgruine der Freilichtbühne Tecklenburg in See stechen durfte. Seit Jahrzehnten ist Tecklenburg ein Garant für gelungene Inszenierungen und eine der Adressen für den Musical-Sommer. Dem Musical »Titanic« verleiht sie mit ihrer einzigartigen Kulisse eine ganz besondere Atmosphäre.
In Zeiten, in denen sich mit Musicals wie »Pretty Woman«, »Mrs Doubtfire« oder dem nächsten Disney-Musical die Kreativität der Musical-Großproduktionen größtenteils darauf beschränkt, irgendwelche Filme für die Bühne zu adaptieren, muss gesagt werden: Das Musical hat nichts mit dem Film zu tun. Es wählt seine ganz eigene Erzählweise und kann und sollte daher niemals mit dem Film verglichen werden.

Heizer Frederic Barrett (Til Ormeloh, l.) und Funker Harold Bride (Tobias Bieri, r.). Foto: Daniel Lagerpusch
Die größte Stärke des »Titanic«-Musicals ist neben seiner herausragenden Musik die Tatsache, dass es ein Ensemblestück ist. Hier stehen nicht einzelne wenige Figuren im Vordergrund, sondern die gesamte Besetzung. Das wird in Tecklenburg bereits im Opening klar, als die Geister der »Titanic« die Bühne betreten und verstreute Requisiten – Rettungswesten, Koffer, Holzspielzeug, ein Fernrohr, persönliche Gegenstände – aufnehmen: Die Titanic ist Geschichte, das Schicksal dieser Menschen aber ist auf ewig mit diesem Schiff verbunden. Und so ist es nicht wie damals am Broadway oder in der deutschen Erstaufführung in Hamburg 2002 allein Erbauer Thomas Andrews der ›Zu allen Zeiten‹ anstimmt. Es sind Stimmen aus dem ganzen Ensemble, die dann zu einem gewaltigen Chor anschwellen und für den ersten Gänsehautmoment des Abends sorgen. Es ist ein Glück, dass »Titanic« viele dieser Chronummern bietet, die in Tecklenburg durch den Chor und das Orchester der Freilichtspiele Tecklenburg unter der musikalischen Leitung von Juheon Han die Wucht eines gewaltigen Opernchores entfalten.
Auch sonst ist das Musical weit vom musikalischen Einheitsbrei entfernt. Hier ist es wirklich die Musik, die die Handlung trägt. Dialogsequenzen sind vergleichsweise kurz gehalten und treten stets hinter der Musik zurück. Songs gehen oft nahtlos ineinander über und halten zahlreiche Gänsehautmomente bereit. Stellvertretend seien hier Nummern wie ›Zu allen Zeiten‹, ›Gute Fahrt‹, ›Die Schuldfrage‹, ›Wir sehen uns wieder‹ oder ›Mr. Andrews‘ Vision‹ genannt.
Dass es in dem Musical nicht um einen bestimmten Menschen, sondern um die Menschen auf der »Titanic« im Gesamten geht, zeigt sich daran, dass wir als Zuschauende mit ziemlich vielen Namen und Figuren konfrontiert werden. Jede von ihnen erzählt eine eigene Geschichte: Der Heizer Barrett, der Funker Harold Bride, die Irin Kate McGowan oder das Ehepaar Straus, um nur einige zu nennen. Eine tiefgehende Charakterzeichnung bleibt den meisten von ihnen jedoch verwehrt. Die Begegnungen mit den Figuren sind eher episodenhaft, so als würde man sie eben bei einem Rundgang über das gewaltige Schiff mit all seinen vielen Menschen treffen.

Das Ehepaar Isidor und Ida Straus (Anton Rattinger, Masha Karell. Foto: Daniel Lagerpusch
Der Nachteil dieser Erzählweise wird im Finale des ersten Aktes deutlich. Kurz vor der schicksalshaften Kollision mit dem Eisberg tauchen plötzlich Figuren auf, die wir irgendwann mal schemenhaft kennengelernt, dann aber wieder vergessen haben. Und doch haben sie eine Funktion: Sie stehen stellvertretend für die zahlreichen Hoffnungen all der verschiedenen Menschen auf dem Schiff. Und genau das ist die »Titanic« in Tecklenburg: ein Schiff der Träume und der übergeordnete Handlungsstrang. Die Titanic thront über den Menschen. Ihre Schicksale sind nur Episoden in einem größeren Ganzen.
Das bedeutet jedoch nicht, dass es nicht Figuren gibt, mit denen das Publikum mitfühlen kann. Bei dem Angebot an Geschichten und Schicksalen dürfte für alle eine Identifikationsfigur dabei sein. Doch nicht alle Geschichten zünden. Dass beispielsweise die Irin Kate McGowan (Laura Araiza Inasaridse) von einem besseren Leben in Amerika für sich und ihr ungeborenes Kind träumt, ist nachvollziehbar. Die Liebesgeschichte mit Jim Farrell (Michael B. Sattler) wirkt dann aber doch sehr konstruiert und mag trotz Liebesduett nicht wirklich berühren.

Die Passagiere der 1. Klasse tafelt stilvoll. Foto: Daniel Lagerpusch
Alice Beane (Bettina Meske), Passagierin der Zweiten Klasse, will unbedingt zum Establishment gehören. Ihre Rolle ist so angelegt, dass sie die tragische Atmosphäre etwas auflockern soll. An manchen Stellen wirkt sie dann aber doch zu albern, zumal gerade die unüberbrückbaren Standesgrenzen eine der großen Tragödien der Titanic sind. Eine Sympathieträgerin ist sie dennoch.
Besonders großer Beliebtheit erfreuen sich der Heizer Barrett (Til Ormeloh) und der Funker Harold Bride (Tobias Bieri). Barretts mitreißendes Solo ›Barretts Lied‹ sowie das herzergreifende Duett ›Der Heiratsantrag / Die Nacht hallte wider‹ gehören nicht nur zu den (weiteren) musikalischen, sondern auch zu den darstellerischen Höhepunkten des Abends. Vor allem das Zusammenspiel zwischen Ormeloh und Bieri ist herausragend.
Insgesamt ist es bei diesem Stück aber schwer, einzelne Darsteller oder Darstellerinnen herauszugreifen. Jeder und jede ist hier ein wichtiger Teil des Ensembles, so wie jeder und jede Teil des Schiffes ist. Harold Bride sagt in seinem Funkraum: »Herzlich Willkommen am wichtigsten Ort des Schiffes.« Doch gibt es diesen wichtigsten Ort überhaupt? Wir haben den Heizer, der in unsäglicher Hitze auf Anordnung von oben das Schiff zu neuen Höchstleistungen feuert. Wir haben den Funker, den Steward, den Ausguck, die gesamte Besatzung. Sie alle ermöglichen, dass die »Titanic« fährt. Wir haben den Kapitän (Benjamin Eberling) und seine Crew sowie Thomas Andrews (Alexander di Capri), den Erbauer, die oft auf dem obersten Teil der Bühne agieren. Aber sind sie deshalb wichtiger? Wir haben J. Bruce Imsay, von Felix Martin als stereotyper Bösewicht angelegt, letztlich aber nicht weniger getrieben von seinen Träumen als die Passagiere der Dritten Klasse. Und dann sind da die Passagiere der Ersten Klasse, abgehoben in ihrer eigenen Welt, in der finanziell exponierten Lage, sich ihre Träume kaufen zu können – und damit letztlich auch die Träume anderer, hier symbolisch die Titanic, zu finanzieren.

Alice und Edgar Beane ( Bettina Meske, Patrick L. Schmitz). Foto: Daniel Lagerpusch
Es ist eine Frage, die sich genauso wenig beantworten lässt wie die auch im Stück gestellte Schuldfrage. Das Musical spricht immer wieder die zahlreichen Versäumnisse und Fehler an, von denen jeder und jede im Publikum weiß, dass sie der Titanic zum Verhängnis werden werden. Die Menschen auf dem Schiff aber sind völlig ahnungslos, auf welche Katastrophe sie zusteuern. Das Publikum hat hier einen Wissensvorsprung gegenüber den Figuren, in dem ein ganz eigener Spannungsbogen liegt. Dieser entlädt sich im Finale des ersten Aktes, als es zur Kollision mit dem Eisberg kommt. Das ist in Tecklenburg inszenatorisch schlicht, aber genial gelöst. Der Eisberg zieht als gewaltiger Schatten vorbei, der die Bühne verdunkelt und eine Zäsur darstellt.
Obwohl das Publikum genau weiß, worauf das Ganze hinausläuft, lässt es sich vom beschwingten ersten Akt anstecken. Das Lebensgefühl wird in Tecklenburg gekonnt auf die Bühne gebracht, alles ist erfüllt vom Glauben an die neue Zeit. Spätestens bei der Ragtime-Sequenz wippt man mit und möchte sich mitreißen lassen zum ausgelassenen Tanz an Bord.

Kate McGowan (Laura Araiza Inasaridse) träumt von einer Zukunft mit Jim Farrell (Michael B. Sattler). Foto: Daniel Lagerpusch
Der zweite Akt ist der Akt des Untergangs und damit deutlich dramatischer und trauriger. Waren im ersten Akt noch ständig irgendwo Menschen auf der Bühne zu sehen, die das muntere Treiben auf dem Schiff verdeutlicht haben, ist die Bühne jetzt leer und dunkel. Hier kommen eindrucksvolle Lichtprojektionen zum Einsatz (Licht & Regie: Ulrich Wiggers), die ihren optischen Höhepunkt in dem Moment finden, als das Schiff auf dem Grund des Meeres aufläuft.
Das Bühnenbild von Jens Janke weiß hier mit wenigen Mitteln die Möglichkeiten der Tecklenburger Freilichtbühne zu nutzen. Die vier markanten Schornsteine in gelb und schwarz zeigen: Wir befinden uns auf der Titanic. Auf der obersten Ebene in der Mitte befindet sich der Steuerraum mit Lenkrad, verschiebbare Metalltreppen ermöglichen die Übergänge zwischen den verschiedenen Decks und Handlungsorten.
Wenn im zweiten Akt das Wasser steigt, ist die Projektion nicht nur auf der Bühne zu sehen, sondern auch auf den Hinterköpfen des Publikums in den ersten Reihen. Plötzlich sind also auch wir Teil dieses Schiffes. Sehr passend, wie wir Zuschauenden hier wortwörtlich mit ins Boot geholt werden, sind wir es doch, die den Mythos Titanic am Leben halten. Und manchmal vergessen wir dabei vielleicht, dass mit ihr zahlreiche Schicksale verbunden sind. Die Tecklenburger Inszenierung erinnert uns in einem sehr berührenden Moment daran: Das Schiff ist gesunken, es wird still. Die grün-schwarze Meerestiefe umgibt die Titanic. Die Überlebenden betreten die Bühne. Und auf den Schornsteinen des Schiffes erscheinen die Namen all derer, die in jener Nacht den Tod fanden. Es hätte noch viele Geschichten gegeben, die hier hätten erzählt werden können.
So gelingt es der Freilichtbühne Tecklenburg, die Faszination Titanic greifbar zu machen. Die Titanic ist weit mehr als ein gesunkenes Schiff. Sie ist ein Symbol für menschliche Träume, Irrtümer, soziale Ungerechtigkeit und Fortschrittsglauben. Sie vereint Technik, Geschichte und Emotion auf eine Weise, wie kaum ein anderes Ereignis des 20. Jahrhunderts. Und sie wird zum Lehrbeispiel für uns, die wir angesichts von Künstlicher Intelligenz gerade ebenfalls die Schwelle in eine neue Zeit übertreten haben: Fortschritt bietet zahlreiche Möglichkeiten. Verhängnisvoll wird er dann, wenn er auf die Überheblichkeit und Gier des Menschen trifft.

Die Frauen sollen in die Rettungsboote, wollen ihre Männer aber nicht zurücklassen (Ensemble). Foto: Daniel Lagerpusch
