
Foto: Daniel Lagerpusch
Am Abend der besuchten Vorstellung von »Priscilla – Königin der Wüste« betritt zunächst der Veranstaltungsleiter der Freilichtspiele Tecklenburg die riesige Bühne und tritt vor das gut gelaunte Musicalpublikum. Der Auftritt des Veranstaltungsleiters lässt erahnen, dass irgendetwas anders ist als sonst: Es wird die Umbesetzung von zwei Rollen angekündigt. Zwei von drei Diven werden von Musicaldarstellerinnen aus dem Ensemble gecovert.
Dann geht es auch schon los – und was soll man sagen, ab dem Moment erleben die Zuschauer ein Feuerwerk von gut gemachtem Musicaltheater (Regie: Ulrich Wiggers)! Das gleich zwei Cover zum Zuge kommen, ist nicht zu spüren, denn das weltbekannte ›It‘s Raining Men‹ wird meiner Meinung nach besser gesungen als im Original. In schicken Abendkleidern mit Regenhüten und langen Silberschleiern (Kostüme: Fabienne Ank) starten die Diven den Auftakt im Nachtclub in beeindruckender Kulisse. (Bühnenbild: Jens Janke, Clubelemente aus orangefarbenem Holz und verschiedene clever integrierte Vorhänge.)
Das Orchester unter der Leitung von Giorgio Radoja spielt die weltbekannten Compilation-Songs vom ersten Moment derart flott und rund klingend, dass man auch in Reihe 27 noch Gänsehaut bekommt! Zudem macht es Freude dem Dirigenten zuzuschauen! Das Ganze bei einem glasklaren Sound, der viele Jahre zuvor immer wieder ein Problem in Tecklenburg war, jetzt aber klingt es exzellent und das Bühnenbild schimmert prächtig!

Foto: Daniel Lagerpusch
Das Musical »Priscilla – Königin der Wüste« (Buch; Stephan Elliott & Allan Scott), basiert auf dem gleichnamigen Filmklassiker von 1994. Wie schon im Film stehen auch in der Musicalvariante drei Figuren im Focus der Geschichte:
Tick (Adrian Becker), ein sensibler Performer mit einem Geheimnis: Er hat einen Sohn, den er nie richtig kennengelernt hat und als er von Ex-Frau Marion gebeten wird, nach Hause zu kommen, um ihn kennenzulernen, beschließt er, das zu tun und mit einem Job im Casino der Ex-Frau in Verbindung zu bringen. Dazu sucht er nur noch die richtige Verstärkung. Diese findet er in:
Bernadette (Gerben Grimmius), stilvolle, aber in die Jahre gekommene Trans-Frau, die mit den Veränderungen in der Drag-Welt ringt und Adam (alias Felicia), jung, rebellisch, laut – und voller Sehnsucht nach Ruhm (Tobias Bieri, stark austrainiert!). Beide starten sie nun mit ins Abenteuer.
Was sie verbindet? Der Wunsch nach mehr: nach Akzeptanz, nach einem Ort, an dem sie sie selbst sein können, und nach einer Bühne, die ihnen gehört.
Die drei machen sich von Sydney aus auf den Weg ins ferne Alice Springs – mit einem rosa, leicht heruntergekommenen Bus namens Priscilla. (Dieser Bus wurde großartig und liebevoll vom Bühnenbildner gestaltet, er lässt sich aus mobilen Teilen zusammenstecken, innen schaut er aus wie eine Garderobe mit viel Glitzer und einer Couch! Großartig!)
Was als Tournee durch abgelegene Dörfer beginnt, wird bald zu einer emotionalen Reise mit vielen Zwischenstopps: von homophoben Übergriffen bis hin zu rührenden Begegnungen mit offenen, neugierigen Menschen. Besonders der liebenswerte Mechaniker Bob (von Benjamin Eberling stark gespielt) sorgt für Herzklopfen – bei Bernadette, aber auch im Publikum. Das große Ensemble und auch eine Rollifahrerin integriert Wiggers in seiner flüssigen und voller Spielfreude nur so spritzenden Inszenierung gekonnt und schafft so wunderbare Bilder und ein starkes Gefühl, denn so bunt und laut des Spektakels auch ist – unter der Oberfläche schlummern Themen, die berühren: Was bedeutet es, wirklich man selbst zu sein? Wie fühlt sich Ausgrenzung an? Und wie schwer ist es, Liebe und Familie in einer Welt zu leben, die oft nicht bereit ist für Menschen, die anders sind?
Gerade deshalb wirkt das Musical lange nach dem letzten Applaus nach. Denn inmitten des ganzen Glamours vermittelt »Priscilla – Königin der Wüste« eine klare Botschaft: Jeder Mensch verdient Respekt, Liebe – und eine Bühne, auf der er glänzen darf.

Foto: Daniel Lagerpusch
»Priscilla – Königin der Wüste« ist mehr als nur eine schillernde Drag-Revue. Es ist ein Stück über Mut, Freundschaft und die Kraft, sich selbst treu zu bleiben – auch wenn der Weg dorthin holprig ist.
Ein mitreißendes Erlebnis für alle, die sich von Musik, Farben und Emotionen, sowie einer lebendigen Choreographie von Francesc Abós verzaubern lassen wollen – und bereit sind, das Leben aus einer neuen Perspektive zu sehen.
Die Kostüme von Fabienne Ank sind ein Augenschmaus und reichen über fulminante Showkleider bis hin zu detailverliebten Tierkostümen von tierischen Begleitern, die in der Wüste so auftauchen. Besonders die interessanten Spinnenkostüme fallen auf.
Alle drei Hauptakteure spielen und singen fantastisch und auf den Punkt, besonders rührend wird es, wenn Tick (Adrian Becker) in galanter Elvis-Manier für seinen Sohn singt und ihn schließlich besser kennenlernt: ›(You Are) Always on My Mind‹!

Foto: Daniel Lagerpusch
