Interview mit Julia Scheeser, der deutschen Stimme von Victoria in »Cats«: »Ich bringe meine eigene Interpretation ein«

1939 erschien in England das sehr populären Werk »Old Possum’s Book of Practical Cats«, eine für Kinder geschriebenen Gedichtsammlung von T. S. Eliot. Komponist Andrew Lloyd Webber begann 1977 damit, Gedichte aus diesem Zyklus zu vertonen, bevor er den Plan, daraus ein Musical zu machen, in die Tat umsetzte. 1981 feierte das Stück im West End in London Uraufführung. Im Mittelpunkt steht eine große Katzenschar, die jedes Jahr auf einer Londoner Müllkippe zusammenkommt, um den »Jellicle Ball« zu feiern, an dessen Ende eine Katze erwählt wird, wiedergeboren zu werden und ein neues Katzenleben zu bekommen. Tom Hooper (»Les Misérables«) setzt ab dem 25. Dezember 2019 mit seinem Musical-Film »Cats« neue cinematografische Maßstäbe. In der Hauptrolle Victoria ist die Primaballerina Francesca Hayward des The Royal Ballet zu sehen. In der deutschen Fassung übernimmt Sängerin Julia Scheeser ihren Gesangs- und Sprechpart.

Julia ScheeserFoto: privat

Julia Scheeser
Foto: privat

United Musicals: Sie haben Jasmine in Disneys »Aladdin« und Belle in »Die Schöne und das Biest« ihre Gesangsstimme geliehen. Nun sprechen und singen Sie Victoria in »Cats«. Wie kam es zu diesem Engagement?

Julia Scheeser: Tommy Amper (Deutscher Komponist, Sänger, Musikarrangeur, Musikproduzent und Synchronsprecher), der die Aufnahmen leitet, fragte mich für die Synchronarbeit an. Dann habe ich an dem Casting teilgenommen und die Rolle bekommen.

UM: Haben Sie eine Beziehung zum Musical »Cats«?

JS: Ich habe das Musical als Kind gesehen. Mein Vater ist Pianist und hat es sogar gespielt. Deswegen habe ich es öfter miterlebt, aber keine persönliche Beziehung zu dem Stück.
Da ich viele Musicals gesehen habe und das Genre sehr spannend finde, überlegte ich sogar Musicaldarstellerin zu werden, habe mich dann aber doch für die Gesangskarriere entschieden.

UM: Wie kann man sich Ihre Arbeit im Synchronstudio vorstellen? Fanden die Synchronarbeiten und das Einsingen der Songs parallel statt?

JS: Ich habe zuerst die Gesangsaufnahmen in München gemacht. Übrigens habe ich für das Casting auch nur vorgesungen und nicht -gesprochen. Einige Wochen später wurden die gesprochenen Szenen in Berlin aufgenommen. Wobei im Film wenige Dialoge vorkommen.

UM: Haben Sie sich zur Vorbereitung das Musical angesehen oder Aufnahmen davon angehört?

Julia Scheeser (l.) mit Francesca Hayward, die Victoria verkörpertFoto: privat

Julia Scheeser (l.) mit Francesca Hayward, die Victoria verkörpert
Foto: privat

JS: Nein, das habe ich bewusst nicht getan. Den Song, den ich singe – ›Schatten der Nacht‹ (im Original: ›Beautiful Ghosts‹), gibt es außerdem im Musical gar nicht. Da Francesca Hayward ganz anders ist als die Victoria-Figur auf der Bühne, wollte ich mich nicht von irgendeiner Fassung beeinflussen lassen. Ich habe versucht, meine Stimme auf die Darstellerin im Film anzupassen und mich nicht an einer der bisherigen Fassungen des Musicals orientiert.

UM: Wie haben Sie sich dann in die Rolle eingefühlt, um die richtige Stimmfarbe zu finden?

JS: Ich arbeite eng mit Tommy Amper zusammen, um die richtige Stimmfarbe zu finden. Ich bringe schon meine eigene Interpretation des Songs ein, lege meine Stimme aber hauptsächlich wirklich auf das Original und versuche, möglichst nahe daran zukommen. Die Schwierigkeit bei der Synchronarbeit liegt darin, die ganzen Emotionen durch die Stimme zu transportieren. Wenn man aber weiß, wie es geht, und die notwendigen Mittel beherrscht – geringe Stimmfarbveränderungen, die richtige Atmung – dann muss man nur noch das Hintergrundwissen zum Songs besitzen.

UM: Ist es bei der Synchronarbeit egal, ob man einem Tier oder einem Menschen seine Stimme leiht?

JS: Ja, es ist irrelevant. Wobei es manchmal schwieriger ist, die Stimme auf einen Schauspieler anstatt auf eine Animationsfigur, die sich in der Regel durch Overacting auszeichnet, zu setzen, Letztendlich ist aber egal, was die Figur tut, man muss nur die passenden Emotionen treffen.

UM: Wie hat Ihr Umfeld darauf reagiert, dass Sie nach zwei Disneyfilmen nun für eines der bekanntesten Musical singen dürfen?

JS: Alle guten Dinge sind drei. (lacht) Alle waren sehr verwundert und ich selbst am allermeisten, dass es wirklich geklappt hat. »Aladdin« kam ja erst in diesem Jahr in die Kinos. Und nun kommt noch so ein riesiger Film raus, der zudem kein Kinderfilm, sondern ein richtiges Musical ist. Als ich die Nachricht bekam, dass es mit der Rolle geklappt hat, saß ich gerade mit meiner Band und meiner Mama im Auto. Das war ein krasser Moment, dieses Angebot zu erhalten. Ich habe es nicht erwartet, innerhalb so kurzer Zeit so viele Chancen zu bekommen. Ich werde am 25. Dezember ins Kino gehen und mich von meiner eigenen Stimme überraschen lassen. Das ist immer ein ganz besonderes Erlebnis.

UM: Welche Projekte stehen im kommenden Jahr bei Ihnen an?

JS: Bei mir ist es gerade sehr turbulent. Ich war bis vor kurzem mit meiner Band auf Tour und habe jetzt einen Deal mit einem Plattenlabel abgeschlossen. Nächstes Jahr erscheint mein erstes Soloalbum, was gerade sehr spannend ist. Ich fliege für 6 Wochen in die USA und performe im Disneyland mein Album im »German Pavillon«.

UM: Herzlichen Dank für die Einblicke in Ihre Arbeit.

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