Mazeltov! − Jüdische Kulturtage 2017 in Berlin

Ilja Richter und Ute Lemper geben sich die Ehre − auf den Jüdischen Kulturtagen in Berlin, die dieses Jahr unter dem Titel »Shalom Berlin« ihr 30. Jubiläum feiern und vom 4. bis 12. November stattfinden.

Ilja Richter präsentierte eine Kreisler-Hommage mit dem Titel: »Durch Kreislers Brille«Foto: Sabine Schereck

Ilja Richter präsentierte eine Kreisler-Hommage mit dem Titel: »Durch Kreislers Brille«
Foto: Sabine Schereck

»You Won’t Succeed on Broadway If You Don’t Have Any Jews«, heißt es mit einem Augenzwinkern in »Monty Python’s Spamalot«. In der Tat wäre das Musical ohne den Beitrag jüdischer Künstler undenkbar: Berlin, Lerner, Loewe, Bock, Bernstein, Sondheim, um nur einige wenige zu nennen, und natürlich Kurt Weill. (Einen Einblick in seine Leistungen in diesem Genre bietet unser Bericht über 25 Jahre Kurt Weill Fest Dessau). Grund genug also, sich den Jüdischen Kulturtagen in Berlin zu widmen, um den Spuren jüdischer Kultur zu folgen.

Im Berlin der 1920er Jahre, in dem Kurt Weill »Die Dreigroschenoper« komponierte, gab es das Musical als solches nicht, aber dafür Musiktheater in vielen Variationen: Oper, Operette, Revue, Kabarett und eine Kombination der letzten beiden Formen − Revuette. Dabei handelte es sich um eine Kreation Friedrich Hollaenders, dessen Chansons für die Kleinkunstbühne mit Witz und packenden Melodien die Zeit bestens einfingen. Zu Hollaenders Kollegen gehörten u. a. der Komponist Mischa Spoliansky und der Texter Marcellus Schiffer. Ebenfalls Juden.

Im Rahmen der Jüdischen Kulturtage werden nun die Künstler gefeiert, die das schillernde Berliner Kulturleben der 1920er Jahre mit Intelligenz und Humor prägten und denen Berlin seinen Ruf als internationale Kulturmetropole zu verdanken hat. Gleichzeitig wird daran erinnert, wie von Deutschland aus die Vertreibung und Zerstörung dieser Kultur erfolgte und welchem Horror die Juden während der Naziherrschaft ausgesetzt waren. Daher ist man umso dankbarer, auch jüdische Künstler der Gegenwart zu Gast zu haben. Sie kommen oftmals aus Israel, New York, aber auch aus Osteuropa und nicht zuletzt aus Berlin selbst.

Gerhard Kämpfe, Intendant der Jüdischen KulturtageSabine Schereck

Gerhard Kämpfe, Intendant der Jüdischen Kulturtage
Foto: Sabine Schereck

Die Jüdischen Kulturtage wurden 1987 anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlins ins Leben gerufen. Sie werden von der Jüdischen Gemeinde veranstaltet mit dem Ziel, einen Einblick in jüdische Kultur und jüdisches Leben in Deutschland heute zu bieten. Gerhard Kämpfe, seit letztes Jahr Intendant der Jüdischen Kulturtage, spricht bei der Zusammenstellung des Programms von Verantwortung und erläutert: »Gerade in Zeiten wie diesen ist es immens wichtig, dass man Bereitschaft zeigt, aufeinander zuzugehen. Wir müssen ja feststellen, dass die Konflikte zwischen den Ländern, den Religionsgemeinschaften, bis hin zu den Hautfarben mehr werden. Ich glaube, man muss dazu beitragen, indem man sich öffnet und zeigt: Ich bin nichts Beängstigendes, nur weil ich eine andere Religionszugehörigkeit habe, weil ich eine andere Hautfarbe habe, eine andere Sprache spreche. Das kann, hoffe ich, Mauern abbauen.«

Gerhard Kämpfe ist übrigens auch Teil des vierköpfigen Teams, welches das Programm des kommenden Kurt Weill Festes zusammenstellt. Dieses Jahr, wie auch in vielen vorangegangen Jahren, war der Name Weill während der Jüdischen Kulturtage nicht zu finden. Das wird sich nächstes Jahr laut Kämpfe ändern: »2018 wird definitiv Kurt Weill stattfinden, weil er 1918, also vor 100 Jahren, nach Berlin kam und sein Studium begann.«

Kämpfe ist auch nicht abgeneigt, die Leistungen, die jüdische Künstler im Musicalbereich erbracht haben, bei zukünftigen Programmen der Jüdischen Kulturtage mit einzubeziehen. Er weist auch auf Eleanor Reissa hin, die für das Musical »Those Where the Days« mit einem Tony nominiert wurde. Die New Yorkerin bringt mit »Frank London’s Klezmer Brass All Star« jiddische Lieder zu Gehör, die am 12. November in der Synagoge in der Rykestraße erklingen.

Ute Lemper bei der Probe ihres Programms »Songs for Eternity« in der Synagoge in der RykestraßeSabine Schereck

Ute Lemper bei der Probe ihres Programms »Songs for Eternity« in der Synagoge in der Rykestraße
Foto: Sabine Schereck

Auch Ute Lemper singt in dieser wenig bekannten, aber wunderschönen Synagoge. Ihre »Songs for Eternity« feiern dort Deutschlandpremiere. Es sind Lieder aus den Ghettos und Konzentrationslagern, die sie mit den Schicksalen der Menschen ergänzt. Darunter sind erstaunlicherweise heitere Melodien, trotz trauriger Texte, auch ein Tango findet sich darunter und ein Lied der Rebellion, das sich mit all seiner angestauten Wut Gehör verschafft. Den Kern bildet jedoch Melancholie, wobei Klarinette und Geige den Schmerz spürbar machen, einen Schmerz, der das Herz zerreißt. Auch Lieder wie ›Theresienstadt‹ von Ilse Weber, in der Lemper nur von einem Klavier begleitet wird, sind einprägsam.

Ute Lemper interpretiert Lieder aus den Ghettos und Konzentrationslagern und erzählt von SchicksalenFoto: Sabine Schereck

Ute Lemper interpretiert Lieder aus den Ghettos und Konzentrationslagern und erzählt von Schicksalen
Foto: Sabine Schereck

Ute Lemper machte sich in den 1990er Jahren auch einen Namen durch ihre Einspielungen der Chansons der bereits genannten Komponisten der Weimarer Republik, wie beispielsweise Spoliansky und Hollaender. In diese Welt des musikalischen Kabaretts lädt hier nun der Musikwissenschaftler Jürgen Schebera ein.

 

»Es liegt in der Luft«, heißt es am Renaissance Theater, wenn das Leben und Werk Mischa Spolianskys gewürdigt werden. Der Titel »Es liegt in der Luft« bezieht sich auf eine seiner Revuen, in der Marlene Dietrich mitspielte. Ihr daraus stammendes Duett mit Margo Lion ›Wenn die beste Freundin‹ wurde ein Hit, nicht zuletzt aufgrund seines lesbischen Untertons. Spolianskys Arbeit hält insbesondere das temporeiche, aber auch oftmals verrückte Großstadtleben der Zeit fest. Zu hören sind nicht nur Chansons – live vorgetragen von Alexandra Julius Frölich und Eva Maria Köllig –, sondern auch historische Aufnahmen. Es ist eine gute Mischung, die mit Scheberas Erzählungen aus Spoliankys Leben verknüpft werden. Das ist besonders wertvoll, da Schebera uns daran erinnert, dass die Anfänge der Goldenen Zwanziger gar nicht so »golden« waren. Spolianskys ›Morphium‹ von 1922 − für die Tänzerin Anita Berber geschrieben und einfühlsam vom Pianisten Alexander Guttmann vorgetragen − macht dies spürbar. Darüber hinaus erfährt man, dass Spoliansky nach seiner Emigration 1933 nach London dort Filmmusik schrieb und auch für die BBC arbeitete. Es sind interessante Aspekte, die sich schwer vertiefen lassen, da seine Biographie noch in keinem Buch festgehalten wurde. Und wie viele aus dem Publikum wissen, dass Spoliansky 1977 selbst am Renaissance Theater noch einmal zu erleben war?

Schebera widmet sich mit »Ich bin von Kopf bis Fuß« Friedrich Hollaender. Seine Kompositionen für den Film »Der blaue Engel« wurden Hits für Marlene Dietrich. Im Exil schrieb er ebenso wie Spoliansky weiter Filmmusik − allerdings in Hollywood, und nur bis 1955. Dann kehrte er nach Deutschland zurück. An Scheberas Seite ist wieder das kleine musikalische Ensemble zu erleben.

Die Tradition des literarischen, musikalischen Kabaretts mit einer gehörigen Portion Gesellschaftskritik wurde nach dem Krieg von Georg Kreisler fortgeführt. Er stammte aus Wien, lebte und arbeitete ebenfalls im amerikanischen Exil. 1955 kam er zurück, blieb aber nur drei Jahre in seiner Heimatstadt, bevor er sich in München, und von 1976 bis 1988 in Berlin niederließ. Seine Feder ist allerdings sehr viel spitzer, makaberer − ein schwarzer Humor, oftmals in der Lieblichkeit wienerischer Melodien verpackt. 2010 war er selbst noch zu Gast bei den Jüdischen Kulturtagen in Berlin. 2011 verstarb er, aber sein umfangreiches Oeuvre wird in diesem Jahr von Ilja Richter brillant zum Leben erweckt. »Durch Kreislers Brille« heißt seine Hommage, die »Gehörtes, Ungehörtes und Ungehöriges« bietet, begleitet am Klavier von Sherri Jones. Der Abend findet in der Mendelssohn-Remise statt.

Ilja Richter und Sherri Jones (Klavier) beim SchlussapplausFoto: Promo

Ilja Richter und Sherri Jones (Klavier) beim Schlussapplaus
Foto: Promo

Richter erzählt, dass er Kreislers Lieder zum ersten Mal mit 14 Jahren gehört hat. Später lernte er ihn auch persönlich kennen. Er schätzt seine Musik, die Texte und vor allem deren Zeitlosigkeit. Bei der Hommage war ihm wichtig, die vielen Facetten Kreislers zu zeigen. Dazu gehören das selten gesungene Lied ›Du hast ja noch ein Grab‹ sowie ›Frühlingsmärchen‹ mit der Sehnsucht nach Frieden. »Aber nicht mit kitschigen Worten«, merkt Richter an, »oder gar das Wort Frieden in den Mund nehmend − dennoch den Hunger nach Frieden transportierend. Das ist hochinteressant.« Bei soviel Musik in Ilja Richters Leben, stellt sich die Frage, ob er vielleicht auch selbst welche schreiben würde. Für das Stück »Komiker aus Versehen«, in dem er Theo Lingen spielte, schrieb er bereits welche. Er gibt zu, immer mal wieder Melodien in seinem inneren Ohr zu vernehmen und möchte sie in Zukunft ernster nehmen. Im Bereich Musical, auch wenn er zögernd antwortet, kann er sich vorstellen, sich mit »Anatevka« zu beschäftigen.

Die geschickte Verknüpfung von Musik, Literatur und Humor ist auch bei »Lerne Lachen ohne zu Weinen« gelungen, das dieses Jahr zum zweiten Mal im Renaissance Theater zu sehen ist. Diesmal mit anderen Texten und neuen Liedern, die Katharina Thalbach, Boris Aljinovic, Walter Kreye und Nadine Schori vortragen. Umrahmt werden diese von schmissiger Musik, gesungen von Sharon Brauner, Karsten Troyke und Band. Es sind Jiddische Lieder voll Lebensfreude, bei denen das Publikum begeistert mitklatscht. Dazwischen eingestreut sind jüdische Witze, pointiert erzählt von Gerhard Kämpfe. Es mag vielleicht ungewöhnlich sein, dass der Intendant des Festivals selbst im Rampenlicht steht, aber seinen Beitrag zu erleben, ist sehr erfrischend. Zum einen, weil der jüdische Witz das jüdische Wesen bestens einfängt, und zum anderen, weil der Beitrag die persönliche Nähe des Intendanten zum Fest sichtbar macht. Seine Frau Nadine Schori, die den Abend auch inszenierte, brachte ihn dazu, seine Leidenschaft für jüdische Witze mit dem Publikum zu teilen.

Kämpfe hebt auch deren Bedeutung hervor: »Ich finde es wichtig, Menschen zum Lachen zu bringen. Der jüdische Humor ist auf eine gewisse Art spezifisch und Witze waren ein Stück Lebensmittel, im wahrsten Sinne des Wortes. Juden waren Minoritäten, Antisemitismus [ausgesetzt], und sie haben versucht, sich mit Witzen über Wasser zu halten. Sich selbst auf die Schippe zu nehmen, ist immer wohltuend und ich glaube auch, wenn jemand über sich selbst Witze macht, wirkt er für andere ungefährlicher. Das ist auch ein Bestandteil des jüdischen Humors.«

Der Abend transportiert auch das, was Gerhard Kämpfe in seinem Geleitwort über jüdisches Leben und jüdische Kultur schreibt. Sie »bedeuten Freude, Herzlichkeit, Dynamik, Teilhabe am Stadtleben und eine gesunde Portion Humor«.

»Lerne Lachen zu Weinen« war ausverkauft. Ein Grund mehr, den Abend nächstes Jahr wieder ins Programm zu nehmen. Das gleiche gilt für Scheberas Zeitreisen in die Welt des Kabaretts der Weimarer Republik. Auch Big Bands und israelische Künstler sind zu erwarten, verrät Kämpfe. Bis dahin sollte man das reichhaltige und inspirierende Angebot ausnutzen, das aus Konzerten, Theater, Lesungen und der Ausstellung »L’Chaim – Auf das Leben« besteht. Sie gewährt einen interessanten Einblick in das vielfältige jüdische Leben in Berlin.

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