Die Welt kommt nach Luzern
»In 80 Tagen um die Welt« –
Ein Brassmusical von Martin G. Berger
am Luzerner Theater

Der 1873 veröffentlichte Roman »Reise um die Erde in 80 Tagen« von Jules Verne wurde mehrmals verfilmt, für die Bühne bearbeitet. Im Mittelpunkt des Romans steht der Engländer Phileas Fogg, der wettet mit Hilfe der damaligen modernen Verkehrstechnik in achtzig Tagen um die Welt zu reisen. Dabei verlässt er sich auf oft bereiste Verkehrsrouten, falls ein planmäßiges Dampfschiff oder ein unverhofftes Ereignis ihn an der Weiterreise hindert, findet er Dank seiner großzügigen finanziellen Mittel stets eine Lösung zur Weiterreise. Gefährliche Situationen meistert sein französischer Diener Passepartout, der zum Beispiel die indische Witwe Aouda mit akrobatischen Tricks vor dem sicheren Feuertod bewahrt. Zugleich verfolgt der britische Agent Fix die Reisegruppe, in der Annahme, dass Fogg ein flüchtiger Bankräuber sei. Am Ende des Romans klärt sich dieser Irrtum auf, Fogg gewinnt die Wette, Aouda macht ihm einen Heiratsantrag.

Dr. Fix (Yves Wüthrich) und Dr. Aouda (Sarah Alexandra Hudarew)

Dr. Fix (Yves Wüthrich) und Dr. Aouda (Sarah Alexandra Hudarew)

Dieser Roman inspirierte Martin G. Berger zu dem gleichnamigen Brassmusical, das seine Uraufführung am 24. Mai 2017 im Luzerner Theater erlebte. In seiner Version agieren Fogg, Passepartout, Aouda und Dr. Fix in der heutigen Zeit. Der gerechtigkeitsfanatische Dr. Fix (Yves Wüthrich) ist ein Erfinder unnützer Home-Shoppingdinge, zudem Präsident der Vereinigung der Erfinder. Er will am Ende des Erfinderkongresses 2017 in Luzern die emanzipierte Erfinderin Dr. Aouda (Sarah Alexandra Hudarew) aus Deutschland mit der Carl-Roman-Abt-Medaille auszeichnen.

Dr. Fix (Yves Wüthrich) ist auf einmal mit dem Einspruch von Passepartout (Jason Cox) konfrontiertFoto: Ingo Höhn

Dr. Fix (Yves Wüthrich) ist auf einmal mit dem Einspruch von Passepartout (Jason Cox) konfrontiert
Foto: Ingo Höhn

 

Doch ein hereinstürmender, englischsprachiger Herr stellt die Preisvergabe in Zweifel: Passepartout. Der dazukommende Fogg beansprucht ebenfalls den Preis für seine Vision einer Zeitmaschine, die er nur per Videoübertragung vorstellen kann. Dafür verschwinden der charmante Fogg (Robert Maszl) und der draufgängerische Passepartout (Jason Cox) schnell hinter dem durchsichtigen Vorhang, der die Vorbühne von der Hauptbühne trennt. Auf der Vorbühne nimmt im Kongresspodium, nichts Gutes ahnend, Dr. Aouda neben dem neugierigen, rastlosen Dr. Fix Platz, um auf der großen Projektionswand die Videopräsentation der beiden Männer zu verfolgen.

 

Lucerne Brass Ensemble (hinten links) mit einem aufgeregten Dr. Fix (Yves Wüthrich)Foto: Ingo Höhn

Lucerne Brass Ensemble (hinten links) mit einem aufgeregten Dr. Fix (Yves Wüthrich)
Foto: Ingo Höhn

Ebenso platzieren sich die sieben Musikerinnen und Musiker des 2011 gegründeten »Lucerne Brass Ensemble« in der Besetzung von drei Trompeten/Kornetten, jeweils einem Althorn, Posaune, Euphonium, Tuba, unterstützt von Pianist Markus Eichenberger und einem Schlagzeuger. Der Althornist Roger Müller erarbeitete die Arrangements der Musik aus dem Golden Age des Musicals. Die Musiker verzaubern gemeinsam mit Sarah Alexandra Hudarew, Robert Maszl, Jason Cox, Yves Wüthrich das Publikum mit Swing, Jazz, Filmmusik. Dabei werden sie vom Damenchor des Luzerner Theaters hervorragend in der temporeichen Inszenierung begleitet. Außerdem verwandeln sich die Damen des Chores schnell, je nach Station der Zeitreise von Fogg und Passepartout, von singenden Kongresshostessen in Tänzerinnen im antiken Rom oder Haremsfrauen von Dschingis Khan, der sein Zeltlager im Schnee auf dem Gipfel des Pilatus (Hausberg von Luzern) aufgeschlagen hat.

Schnell wird dem ortskundigen Publikum klar, dass die rasante Zeitreise der Wissenschaftler eine Illusion ist, da die projizierten Bilder (Videodesign: Daniel M. G. Weiss), vor denen Fogg und Passepartout ihre komödiantischen Abenteuer bestehen, Bilder aus Luzern, vom Vierwaldstättersee und vom Führerstand der Dampflokomotive aus den Verkehrshaus sind.

Passepartourt ( Jason Cox) mit Phileas Fogg (Robert Maszl) auf Illusions-ReiseFoto: Ingo Höhn

Passepartourt ( Jason Cox) mit Phileas Fogg (Robert Maszl) auf Illusions-Reise
Foto: Ingo Höhn

Diese Bilder benötigen Fogg und Passepartout, um mit wenigen Requisiten im Hintergrund der Bühne vor einer laufenden Kamera die Zeitreise in Echtzeit zu spielen, damit die Illusion ihrer angeblich funktionstüchtigen Zeitmaschine vom Publikum als wirklich empfunden wird. Empört durchschaut Dr. Aouda den Betrug, stürmt hinter den Vorhang und schaltet das Licht aus. Fix versucht, die Situation vor den Zuschauern zu retten, bis eine Videosequenz die Zukunft im Jahr 2300 zeigt. Wird diese Zukunft für Passepartout, Fogg und Dr.Aouda paradiesisch sein?Auf einmal vermischen sich die Spielebenen. Fix kann die Drei im Videofilm nicht mehr per Handy erreichen. Wird die Illusion zur Realität? Plötzlich verschwindet Fix. Im Film foppen Aouda, Passepartout, Fogg auf einer wilden Verfolgungsjagd durch die zahlreichen Hinterräume des verwinkelten Theaters den armen Fix, bis alle außer Passepartout auf der realen Bühne erscheinen.

Kamera und Licht - Illusion und Realität verschwimmen (vorne: Robert Maszl als Phileas Fogg und Jason Cox als Passepartout)Foto: Ingo Höhn

Kamera und Licht – Illusion und Realität verschwimmen (vorne: Robert Maszl als Phileas Fogg und Jason Cox als Passepartout)
Foto: Ingo Höhn

Doch warum crashte Fogg die Preisverleihung von Dr. Aouda mit seiner Zeitmaschine? Er möchte vor ihr als Held erscheinen, doch kreative Geschichtenerfinder lehnt sie ab. Ein Happy End im klassischen Sinn wird es in dieser geistreichen Musical Comedy von Martin G. Berger nicht geben.

Stattdessen ehrt Dr. Fix zu Recht das Theater mit dem Preis «Phantasiemaschine Theater», da es allen Mitwirkenden auf und hinter der Bühne ausgezeichnet gelingt, ihr Publikum in eine Phantasiewelt mitzunehmen – auch indem die Inszenierung von Martin G. Berger nicht erst im Theatersaal beginnt, sondern schon vor dem Theater, wo das »Lucerne Brass Ensemble« vor Vorstellungsbeginn Jazzmelodien spielt.

Das verwunderte Publikum wird im Foyer von Hostessen begrüßt: Es erhält ein Faltblatt mit dem Programm des 23. Internationalen Erfinderkongress, kann Erfindungen in Ausstellungsvitrinen bewundern, oder wird mit Informationen über Schweizer Erfinder versorgt. Zugleich plaudern Dr. Fix und Dr. Aouda mit Leuten, auf der Bühne richtet ein Mann vom Reinigungsdienst, entspannt zu Klaviermusik pfeifend, das Kongresspodium ein, bis die turbulente Preisverleihung beginnt, bei der die Zuschauern zu Kongressteilnehmer werden.

Geschickt spielt Martin G. Berger in der Inszenierung mit verschiedenen Ebenen, mit Drinnen und Draußen, mit Illusion und Realität. Das ist der besondere Reiz dieser Uraufführung, die noch bis zum 18. Juni 2017 am Luzerner Theater zu sehen.

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