Herz, das überquillt –
»Close to You« im Criterion Theatre im Londoner West End

Foto: Johan Persson

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Sofa, Sessel, Blümchentapete und Stehlampen – warmes Glühbirnenlicht sorgt für eine gemütliche  Wohnzimmeratmosphäre. Oder vielleicht ist es ein Dachboden, auf dem sich verschiedenes einfach über die Jahre angesammelt hat? Christine Jones’ und Brett J Banakis’ Bühne gleicht einer Collage, zu der auch eine Installation aus Musikinstrumenten gehört. Gitarren und ein Cello sind darunter. Das Ambiente wird auch dadurch unterstrichen, dass manche Zuschauer auf Sofas sitzen, die auf der Bühne platziert sind.
Es passt, weil es Musik ist, die man in seinem privaten Umfeld, oftmals nur für sich, hören würde – oder mit guten Freunden zusammen. »Bacharach Reimagined« lautet der Untertitel der Show, denn es ein Musical zu nennen, wäre zu viel.

Kyle RiabkoFoto: Johan Persson

Kyle Riabko
Foto: Johan Persson

Die Show hat ihren Ursprung in New York, wo sie 2013 am New York Theatre Workshop unter dem Namen »What’s It All about? Bacharach Reimagined« uraufgeführt wurde. Im Sommer 2015 spielte sie an der Menier Chocolate Factory, bevor sie im Herbst unter dem Titel »Close to You« in einem größeren Haus ihre West-End-Premiere feierte. Die Produktion gleicht eher einem Konzert, bei dem die Hits von Burt Bacharach aus den 1960er und 70er Jahren in einem neuen Arrangement präsentiert werden. Dieses stammt von dem jungen amerikanischen Komponisten und Musiker Kyle Riabko und ist nun im Criterion Theatre mit Hilfe sechs weiterer Musiker zu hören. Sie bilden eine Art Kommune oder Musikerhimmel, in dem sie sich ganz den Songs hingeben. Gemäß Bacharachs Musik, oft mit Texten von Hal David, ist ein Ozean von Liebesliedern zu hören, wobei nicht unbedingt ein Lied nach dem anderen gespielt wird, sondern diese zuweilen miteinander verschmelzen. ›Raindrops Keep Falling on My Head‹, ›I Say a Little Prayer‹, und ›The Look of Love‹ sind nur einige von den über dreißig Songs, die hier aufbereitet wurden. Etwas Variation entsteht dadurch, dass ›I Say a Little Prayer beispielsweise nicht nur von einer Person gesungen wird, sondern die Zeilen auf verschiedene Sänger aufgeteilt wurden. Das verdeutlicht, wie viele Menschen sich mit Burt Bacharachs Songs und deren Geschichten identifizieren, denn die meisten Lieder und letztendlich die gesamte Produktion stehen im Zeichen der Liebe.
Entsprechend werden sie mit viel Gefühl und Kraft von Kyle Riabko, Daniel Bailen, Greg Coulson, Anastacia McCleskey, Stephanie McKeon, Renato Paris und James Williams interpretiert. Bemerkenswert ist auch die Anpassungsfähigkeit der Titel, was daran deutlich wird, dass sie aus der Popwelt genommen und in Folk- oder Reggaerhythmen getaucht wurden. ›What Do You Get When You Fall in Love‹ funktioniert sehr gut im Reggaegewand. Weniger überzeugend wirkt ein Rockeinsprengsel, bei dem die Lautstärke aufgedreht und wild 3. CLOSE TO YOU. James Williams, Rento Paris, Greg Coulson, Stephanie McKeon, Anastacia McCleskey. Credit Johan Persson.jpgmit der E-Gitarre über die Bühne gesprungen wird. Es fällt völlig aus dem Konzept. Regisseur Steven Hoggett (»Once«) hat manche Songs ansatzweise in kleine Szenen eingebettet, so zum Beispiel, wenn die Anastacia McCleskey und Stephanie McKeon anfangs gemeinsam Musik über Kopfhörer hören oder McCleskey einen Brief liest. Man wünscht sich entweder mehr von solchen szenischen Einordnungen oder dass diese im Sinne einer Konzert-Hommage ganz wegfallen. Die jetzigen Ansätze führen zu keiner weiteren Entwicklung in Hinsicht auf eine Geschichte.
Burt Bacharach ist nicht allein für seine Popballaden bekannt, als junger Mann tourte er in während der 50er und 60er Jahren mit Marlene Dietrich durch die Welt. Er arrangierte ihre Songs neu und trug zum Erfolg ihrer Soloshow bei – später unterstützte sie auch durch seine Arbeit. Wer genau hinsieht, findet eine Referenz an Marlene: Eine Trommel beim Schlagzeug trägt ihr Bild.
Intimität und Gefühl prägen die Show – so viel Gefühl, dass man meinen könnte, dass Kyle Riabkos Herz einfach überquillt. Daher eignet sich der Abend wunderbar für ein Rendezvous etwa zum Valentinstag.

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