Unterhaltsame One-Woman-Show für Platthumoristiker

Deutschsprachige Erstaufführung von »Schwester Robert Anne's Cabaret Class« der Neuen Berliner Scala im Coupé Theater Berlin

Maike Katrin Merkel als Schwester Robert Anne. Foto: Sabine Münch

Maike Katrin Merkel als Schwester Robert Anne. Foto: Sabine Münch

Schwester Robert Anne, »The Voice of Peace«, ist zurück – mit wirklicher Powerstimme und allerlei »Non(n)sens« sowie einem (Unterrichts-)Plan: Sie möchte dem Publikum, ihrer lernbegierigen Schulklasse, so einiges mit auf den Weg geben, vor allem das Meistern einer erfolgreichen Musical-Show. Am Freitag, den 17. April fand im Coupé Theater Berlin, präsentiert von der Neuen Berliner Scala, die erfolgreiche deutschsprachige Erstaufführung von »Schwester Robert Anne’s Cabaret Class« statt, eine Weiterentwicklung der »Non(n)sens«-Reihe von Dan Goggin. Diese Fortsetzung feierte ihre Uraufführung Anfang Juli 2009 im Playhouse on the Green im amerikanischen Connecticut.
Das One-Woman-Musical dreht sich, wie der Name schon verrät, um die Nonne Robert Anne, die (selbstverständlich) in nonnengerechter Berufskleidung dem Publikum gegenübertritt. Begleitet wird sie dabei von Pater Steven (Desroches) am Piano. Mit der persönlichen und musikalischen Begrüßung ihrer Schülerschaft legt sie bereits den ersten elementaren Show-Baustein dar: Das Opening – mit einem ›Hallo, Bienvenue‹, das musikalisch und inhaltlich an den Opener aus »Cabaret« erinnern soll. Es folgt eine persönliche Vorstellung ihrer Person: Aufgewachsen in einer Jazzbar in Brooklyn, New York, wurde sie nach einer schwierigen Kindheit in ein Heim für Schwererziehbare gebracht. Dort erhielt sie von einer Ordensschwester Hilfe, kam in das Kloster und wurde zur singenden Nonne.
Die Schwester verbindet Theorie mit Praxis, Lerneinheit mit passendem musikalischen Beispiel. ›Ich such‘ ein Lied für mich‹ geht der Frage nach: Was werde ich singen?
Weitere Fragen in Vorbereitung auf eine Show stellt sie mit: Was ziehe ich an? Wie style ich mein Haar?, und beantwortet sie jeweils mit ein paar, vom im Hintergrund agierenden Gehilfen Zeki bereitgestellten, Requisiten wie etwa einer Primadonna-gerechten Perücke oder einem auffälligen Hut – was in Verbindung mit einer Nonnentracht natürlich auffällig und belustigend aussieht. Als nächstes stellt sie das gelungene Set-up einer Show vor, das immer etwas Persönliches über die auftretende Person mit beinhalten sollte – in ihrem Fall dann den Song ›Ich wuchs auf in Brooklyn‹ und die Geschichte über das Gefühl, ›Die zweite Geige‹ zu sein, was die Show-in-einer-Show-Referenz wieder unterstreicht.

›Der Country Deil‹ und die ›Die Padre Polka‹ gehören dann nicht unbedingt zu den musikalischen Hochgenüssen des Abends, auch wenn sie einen gewissen Witz besitzen. ›Schaut uns Elvis zu?‹ gerät zu einer Publikums-Nummer, in der einige Zuschauer auf die Bühne gebeten werden, um unterstützend mitzuschnipsen, die Hüften zu schwingen und im Refrain mitzusingen. Mit ›Ich bin ein Star‹ und glamourösem Glitzer-Nonnen-Outfit wird die erste Runde beendet. Das Publikum braucht die Pause auch zur Erholung vom Lachen.

Maike Katrin Merkel als Schwester Robert Anne. Foto: Sabine Münch

Maike Katrin Merkel als Schwester Robert Anne. Foto: Sabine Münch

Der zweite, kürzere Teil des Abends – er könnte gleich im Anschluß an den ersten folgen – fängt dann mit einer Fragestunde an Schwester Robert Anne an, per Zettel, aber sozusagen ähnlich der Meldung im Schulunterricht. Es folgt der Gute-Laune-Song ›Jeder Tag wird ein Feiertag‹ und die ›Katholische Erziehung‹ durch die Ordensschwester. Dann wird mit dem Thema »Requisiten« wieder ein wichtiger Lernstoff zur Organisation einer Show vermittelt. Zu den Requisiten gehörten hier etwa die Schultafel vorn rechts oder auch die Handpuppe, eine Neuköllner Ordensschwester mit entsprechender Mundart.
Mit ›Dann verließ ich ihn‹, der Episode der ersten Liebe Robert Annes, werden leisere Töne angeschlagen, bevor die letzten Elemente, die laut Robert Anne unbedingt in eine Bühnenschau integriert werden müssen, eingeführt werden: die Choreographie und Zugabe. Erstere ist bei ihr gleich mit der komischen Imitation eines schwulen oder zumindest metrosexuellen und (über-)selbstbewussten Tanzlehrers verbunden. Letzere gab sie dann auch das Tanzbein schwingend und mit dem Song ›Ich kam gern hierher‹, der sowohl auf die Performerin der Anne, Maike Katrin Merkel, als auch auf die Zuschauer passte.
Denn trotz vieler eher derber oder platter Witze – etwa, dass der BH einer Nonne als »Nonn-derbra« bezeichnet wird – hatte das Publikum Spaß und machte mehr oder weniger willig bei den interaktiven Teilen des Comedy-Musicals mit. Die Mutigen bekamen auch kleine Geschenke, die eine Nonne so machen kann, als Belohnung für ihren Einsatz. Musical-Fans konnten sich den Bauch vor Lachen halten bei Maike Katrin Merkels (Schwester Robert Anne) »Berühmte-Nonnen-Raten« mit dem Highlight des ›Phantoms der Oper‹, bei dem sie wahrlich „alle (Stimm-)Register zog“ beim Titelsong. Die Stimmenimitation beziehungsweise -parodie von Größen des Musikbusiness wie etwa Elvis sorgte für so manches brüllende Lachen. Der Einsatz von einfachen Pappschildern war gewitzt von der Regie (Sebastiano Meli) eingesetzt – so etwa Pater Stevens Tragen eines Schildes mit der Aufschrift »Gleich kommt das Ballett«, sein Verschwinden und Wiederauftauchen mit einer Pappe, die »Das Ballett« geschrieben zeigte. Pater Steven fungiert als Seitenwitz, etwa mit seinen ständigen Verbesserungen, dass man anstatt dem Wort Lied im Musical der »Song« verwenden sollte, oder mit der »Applaus«-Pappe als »Brot des Künstlers«. Auf diese Weise wird auch ein Bezug zum Leben als Künstler außerhalb der Bühne hergestellt.
Maike Katrin Merkel hat eine spürbare Energie in sich und sich trotz einiger selbst angesprochener Unsicherheiten, welche dadurch überdies noch sympathisch wirkten, am Premierenabend ihren Applaus redlich verdient – durch Reden, Singen, Tanzen, Interaktion mit dem Publikum und, wie es schien, spontaner Situationskomik. Manchmal wirkte es dennoch fast etwas zu bemüht lustig, doch das ist sicher auch etwas der Aufregung und Spannung ob des ersten Auftritts geschuldet.
Ihre gesangliche Qualität hat Maike Katrin Merkel auf jeden Fall bewiesen, von bluesig-tiefer und souliger Stimme oder Rock’n’Roll-Imitat über Musical Voice bis hin zu klarem lyrischen Gesang beherrscht sie die Parodien, dass man über diese echt anmutenden Stimmenimitationen schmunzeln muss. Es ist für jeden Musikfan etwas dabei. Steven Desroches als Pater Steven und musikalischer Leiter des Abends wird durch seine Seitenwitze sympathisch, stiehlt seiner »Schwester« dadurch aber nicht die Aufmerksamkeit.
Die Story von der Nonne aus Brooklyn ergreift einen nicht so richtig, aber der rote Faden des Comedy-Musicals von Dan Goggin passt zur musikalischen Auswahl des Abends. Das Aufziehen einer Musical-/Show als Thema eines Musicals und die Seitenhiebe auf das künstlerische Leben sind zwar nicht ganz neu, aber künstlerisch wertvoll. Benjamin Baumanns Übersetzung funktioniert generell gut, ist verständlich transferiert, was für den Humor hier essentiell ist.
Sebastiano Melis Regie kommt im Verhältnis zu anderen Inszenierungen, und auch aufgrund der kleinen Bühne, mit wenig Requisiten aus. Neben der Tafel befinden sich noch Blumenkörbchen auf einem Rollwagen. Im Hintergrund hängen religiöse Bilder, im Vordergrund jedoch Schmetterlinge und eine Discokugel, um den Show-Aspekt des Ganzen zu verdeutlichen. Es werden einfache Mittel mit Effekt eingesetzt, doch getragen wird die Musical-Show von Maike Katrin Merkel und ihrem Esprit.

Am 26. und 27. Juni sowie am 3. und 17. Juli findet Schwester Robert Annes kabarettistischer Unterricht nochmals statt.

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