»Ein Stern kommt, ein Stern geht«

Konzertante Uraufführung von »Estelle – Aus dem Leben eines Superstars« im Wiener Ronacher

Im Falle des Projektes »Estelle – Aus dem Leben eines Superstars« geht der Stern auf und strahlt.

Als gemeinnütziges Projekt, mit Unterstützung der Talentförderungsinitiativen »star.t« und »young talents meet pros« gestartet, erlebte das Musical am 3. November 2014 im Wiener Ronacher seine Uraufführung. Das Musical von Florian Angerer und Helmut Karmann ist jung, lustig, frech, medienkritisch und zeigt ein außergewöhnliches Potpourri der Musikgenres.

Der Reinerlös der Veranstaltung kommt dem österreichischen Verein »Licht ins Dunkel« zugute, der geistig und/oder körperlich eingeschränkten Menschen hilft. Bei »Estelle – Aus dem Leben eines Superstars« stehen vor allem blinde Menschen im Mittelpunkt, da nicht nur der 21-jährige Komponist, Autor und Hauptdarsteller Florian Angerer blind ist, sondern auch zwei weitere Hauptdarsteller sowie Mitglieder des Chores. Völlig zu Recht hat »Licht ins Dunkel« das Musical »Estelle« nach der Premiere zum Hauptprojekt für die Saison 2014/15 erkoren, sodass es hoffentlich nicht bei dieser einmaligen Aufführung bleibt.

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Orchester und Chor, Foto: Andreas Müller

Insgesamt wirkt die konzertante Uraufführung des Musicals inhaltlich stimmig und professionell, vor allem in Anbetracht der noch sehr jungen Protagonisten. Mit Professionalität überspielen sie Mikrophonausfälle, und ihre allgemeine Spielfreude ist deutlich spürbar. Zudem stehen die Darsteller absolut im Mittelpunkt des Geschehens, da es kein Bühnenbild gibt, sondern Orchester und Chor auf der Bühne platziert sind. Die Kostüme betreffend gibt es einige Veränderungen, insbesondere bei Estelle, die ihre Verwandlung von dem unscheinbaren Mädchen zum sexy Superstar unterstreichen, aber alles in allem geht es an diesem Abend vor allem um das Können der Protagonisten, die Geschichte und die Musik.

Am Beginn des Abends steht eine Reise durch die Galaxie, die uns an den Ort des Geschehens, die Erde, führt. Der Einstieg – und im weiteren Verlauf vor allem das Vorantreiben der Geschichte und die Schaffung von Übergängen zwischen den Szenen – geschieht über den Kunstgriff des Erzählers, der in der vordersten Loge im zweiten Rang des Ronachers von Andy Woerz verkörpert wird. Der Schauspieler, Musiker und Sprecher führt gekonnt durch den Abend und gibt dem Zuschauer Einblicke in das Geschehen auf der Bühne.  Sofern das Vorantreiben innerhalb der Geschichte geschehen kann, übernimmt der Moderator Alex Jokel, der nicht nur im Stück – beispielsweise bei Estelles Opernballbesuch – berichtet, sondern auch im wahren Berufsleben Moderator ist.

Erzählt wird die Geschichte der jungen Jenny, die als Estelle la Cruz die Höhen und Tiefen des Lebens als Superstar und die Machenschaften der heutigen Musikbranche durchlebt. Jenny/Estelle wird von der 19-jährigen Vanessa Zips gespielt, die 2010 den Talentwettbewerb „star.t“ gewann. Ihr gelingt die Verwandlung von der zunächst eingeschüchterten, naiven Jenny, die sich vom Erfolg verführen lässt, zu einer jungen Frau, die einsieht, dass Erfolg nicht glücklich macht, sondern der Reiz des Lebens in dessen Selbstbestimmung liegt.

Materialismus und Idealismus

Materialismus (Sebastian Radon) und Idealismus (Marian Kaindl), Foto: Andreas Müller

Begleitet wird Jenny vom personifizierten Idealismus und Materialismus, die wie Engelchen und Teufelchen bei jeder Entscheidung auf sie einwirken, bis sich Jenny selbst fragen muss, was sie eigentlich mit ihrem (künstlerischen) Leben anfangen möchte. Der Idealismus, oder besser das personifizierte Glück, wird von der 17-jährigen blinden Marion Kaindl gespielt, die sich unerschütterlich gegen den kommerziellen Erfolg ausspricht und mit ihrem Solo ›Es ist nicht alles Gold‹ zum Nachdenken auffordert. Dem entgegen stellt sich der von Sebastian Radon gespielte Materialismus, der Estelle vor allem den Rat gibt, sich anzupassen und an den Profit zu denken. Der 25-jährige Radon (Schauspieler am Burgtheater und bei den Salzburger Festspielen) verkörpert die Rolle des imaginären Teufelchens auf Estelles Schulter mit Bravour. Herauszustreichen ist dabei sein sowohl humorvolles als auch ernstes Solo ›Schau nur wie die Jazzer hungern‹.

Zum Teil geschieht die Wandlung Estelles auch in Abhängigkeit von ihrem Freund Marc, der zunächst für den Ruhm und schnellen Erfolg geopfert wird, da er nicht ins mediale Konzept »Estelle« passt. Hier brilliert der 16-jährige Johannes Pinter, der bereits als Kind in Film und Fernsehen seine Schauspielkarriere begann. Obwohl per SMS mit ihm Schluss gemacht wird, hält Marc an der Liebe zu Jenny fest und versucht, bei jeder Möglichkeit ihren Weg zu kreuzen. Auch die anfängliche Abweisung der inzwischen von den Medien vereinnahmten Estelle lässt ihn nicht aufgeben, sodass es am Ende durch das wahrscheinlich ehrlichste Lied des Abends ›Vertraue mir 2‹ zu einem Happy End kommt. Zwar versinkt die erneute Zuneigung der beiden in einer etwas zaghaften schauspielerischen Leistung, aber der Gesang überzeugt umso mehr.

Estelle (Vanessa Zips) und der Talentscout (Daria Kinzer), Foto: Andreas Müller

Der weibliche Talentscout, von dem Jenny entdeckt wird und der sie an den geldgierigen und gerade nach einem Sommerhit suchenden Chef der Plattenfirma, Tom Snyder, ausliefert, wird von Daria Kinzer, die unter anderem 2011 für Kroatien beim Eurovision Songcontest antrat, gespielt. Sie verkörpert die Schnelllebigkeit des Musikbusiness und die in ihm herrschende Menschenverachtung. Sie ist nicht an der Person Jennys, sondern nur an ihrer Vermarktung und Verwertung interessiert. Darüber hinaus gelingt es Daria Kinzer, nicht nur Jenny mit ihrem Solo ›Komm mit mir‹ zu überzeugen. Alles in allem ist die Rolle jedoch sehr klein angelegt. Interessant wäre es gewesen, mit ihr der Frage nachzugehen, ob dieser Talentscout nicht auch ein Opfer des Business ist.

Jennys Chef Tom Snyder, der vom blinden Dino Banjanovic gespielt wird, bildet sicher eines der Highlights des Abends. Mit viel Selbstbewusstsein verkörpert der 21-jährige den zum Teil zwar stark überzeichneten, aber erfolgreichen und geldgierigen Plattenboss. Bekannt ist Banjanovic als Endrunden-Teilnehmer des RTL-Formats »Das Supertalent« 2013 und als Sieger bei »star.t« 2010. Nennenswert ist nicht nur sein musikalisches Talent, sondern auch sein pointiertes Spiel, ohne dass er in Slapstick verfällt.

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Tom Snyder (Dino Banjanovic, Mitte) und Ensemble, Foto: Andreas Müller

An Snyders Seite steht der sich im Zwiespalt zwischen musikalischem Anspruch und Radiotauglichkeit befindende Produzent Paul Bergmann. Diese Rolle übernimmt der hochbegabte Thomas Angerer, der, wie Banjanovic 21-jährig, ebenfalls Gewinner des Talentwettbewerbs »star.t« 2010 und blind ist. Ihm gebührt an diesem Abend zu Recht die höchste Anerkennung. So füllt er nicht nur die komplexe Rolle des Produzenten, der sich von Anfang an kritisch gegenüber dem heutigen Musikbusiness und dessen Profitorientierung zeigt, sondern unterstützt zudem zeitweise das Orchester am Keyboard. Darüber hinaus zeigt sich Angerer zusammen mit Helmut Karmann auch für Musik und Text des Stückes »Estelle – Aus dem Leben eines Superstars« verantwortlich, was bei der gezeigten Komplexität und dem genreübergreifenden Stil der verschiedenen Musiknummern besonders bemerkenswert ist. Ihm ist eine weitreichende Förderung zu wünschen.

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Göttin Media (Monika Ballwein) und Mike Bones (Johann Rosenhammer), Foto: Andreas Müller

Über allen bisher genannten Protagonisten thront die Göttin Media im Weltmedienzentrum, deren Größe insbesondere durch das anbetende und an ein Oratorium erinnernde ›Oh große Göttin Media‹ des Chores verdeutlicht wird. Gespielt wird Media von Vocalcoach Monika Ballwein, die in dieser Rolle nicht nur ihr breitgefächertes gesangliches Können, sondern auch eine große schauspielerische Präsenz unter Beweis stellt. Die Göttin weiß um ihre Macht und steht der Falschheit des Business und seinen erfundenen Geschichten sorglos gegenüber. So stellt die gutgläubige Jenny zunächst dadurch das perfekte Opfer dar, da sie Media absolut unterlegen ist und diese aus ihr die willenlose Kunstfigur Estelle la Cruz zaubern kann. Mit den Soli ›You Got It All‹ und ›Ein Eimer voller Dreck‹ gelingt es Ballwein, die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen.

Nun braucht jede gute Geschichte auch ihren Antagonisten, der in diesem Fall als Exstar Mike Bones in Erscheinung tritt. Der einst selbst bedingungslos dem Musikbusiness unterworfene und gefeierte Star, hat inzwischen die Kehrseite des Erfolges erkannt und kämpft mit Depressionen und Alkoholproblemen. Dennoch lässt er nichts unversucht, um ein Comeback zu feiern, da ihm sonst nichts im Leben geblieben ist und der Ruhm für ihn das einzige Greifbare darstellt. Gespielt wird Mike Bones von Johann Rosenhammer, der das aus der Verzweiflung gewachsene Böse und Dämonische der Figur sehr gut herausstellt, wobei ihm seine rockigen und mitreißenden Songs ›Ich bringe Dunkelheit‹ und ›Du bist die Eine‹ zugute kommen.

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Mike Bones (Johann Rosenhammer), Estelle (Vanessa Zips) und Ensemble, Foto: Andreas Müller

Darüber hinaus führt der plötzliche Suizid Mike Bones auch den Wendepunkt des Stückes herbei, sodass die Fassade der scheinheiligen und unbeseelten Medienmaschinerie aufbricht. Estelle gelangt in ›Im Schein der Blitze‹ zu der Erkenntnis, dass sie sich von der Scheinheiligkeit befreien und fortan wieder ein selbstbestimmtes Leben führen möchte, in dem Platz für die eigene Musik, Kreativität und auch ihren Freund Marc ist.

Die Grundidee der Musikbusiness- und Medienkritik zieht sich stimmig als roter Faden durch das Stück, wobei insbesondere am Schluss die Frage offen bleibt, ob nur Jenny aus den Machenschaften und der Gewinnorientierung des Musikbusiness gelernt hat oder ob beispielsweise auch der Produzent Tom Snyder sein eigenes Handeln hinterfragen oder sogar ändern wird.

Regie führt Ferdinando Chefalo, dem es – auch mithilfe des Erzählers – gelingt, schlüssig und temporeich die Geschichte Estelles voranzutreiben. Wenngleich ein paar Übergänge noch lediglich im Aneinanderreihen von zwei Songs bestehen oder die verbindenden Dialoge vorhersehbar sind, tut das dem überzeugenden Gesamteindruck der Uraufführung keinen Abbruch.

Die Hauptdarsteller werden von einem 15-köpfigen Chor unterstützt, der – ob wie ein Kirchenchor anmutend oder als in Rage befindliche Exfans – für Gänsehaut sorgt. Geleitet wird der Chor von Jaqueline Braun, die zurzeit bei »Mamma Mia!« im Raimund Theater engagiert ist, und Thomas Forstner. Vervollständigt wird das Ensemble von Tänzerinnen und Tänzern des Performing Center Austria, die unter der choreographischen Leitung von Sabine Arthold großes Potenzial zeigen.

Begleitet werden alle Akteure von einem 40-köpfigen Orchester, das unter dem Dirigat von Otto M. Schwarz von Pop- und Rocksongs, über Soul, bis hin zur Klassik eine großartige Leistung vollbringt.

Die minutenlangen Standing Ovations beim Schlussapplaus sind absolut verdient. Die junge Besetzung hat mit Unterstützung der Profis einen mitreißenden Abend kreiert, der hoffentlich eine Wiederholung erleben darf.

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Schlussapplaus, Foto: Andreas Müller

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