‚Simply‘: Patrick Stanke mit ‚Role of a Lifetime‘ am 08. Juni 2013 in Chemnitz

Mit Witz, Charme und starker Stimme

Simply Patrick Plakat8. Juni 2013
Kabarett Chemnitz
Patrick Stanke
Special Guest: Christian Alexander Müller
Piano: Marina Komissartchik

Am 8. Juni 2013 präsentierte Patrick Stanke sein neues Soloprogramm ‚Role of a Lifetime‘ im Rahmen der ‚Simply‘-Reihe von Heartmade Productions in der familiären Atmosphäre des Chemnitzer Kabaretts.
Nach den beiden Konzerten von Christian Alexander Müller (‚Heroes‚) und Judith Lefeber (‚Journey to the Past‚) brachte der gebürtige Wuppertaler Patrick Stanke in Chemnitz vor ausverkauftem Saal ein abwechslungsreiches und humorvolles Programm auf die Bühne.
Als musikalische Stütze und Begleitung stand ihm Marina Komissartchik am Piano zur Seite, die von der ersten Sekunde an den Abend mit ihrem gewohnt grandiosen und virtuosen Spiel bereicherte und auch bei spontanen Songs rasch reagierte.

Patrick Stanke und Marina Komissartchik am Piano. Foto: Jörg Singer

Patrick Stanke und Marina Komissartchik am Piano. Foto: Jörg Singer

Nach einem stimmungsvollen Instrumentalintro betritt ein smarter und gut gelaunter Patrick Stanke die Bühne und gibt Ich bin Musik aus ‚Mozart!‘ zum Besten, ein Lied, welches nicht nur bestens zum Künstler passt, sondern auch der Titel seiner ersten Solo CD 2009 war.
Danach begrüßt der Sänger sein Publikum als
“der, der sich immer die Nase putzt“ und daher eine Packung Taschentücher griffbereit auf dem Flügel stehen hat, denn vor drei Tagen suchte ihn eine Erkältung heim – diese Ankündigung sorgt für ein kollektives und mitleidsvolles “Oh“ im Publikum, welches sich umso mehr freut, Stanke trotz Grippeviren auf der Bühne zu sehen. Mit viel Humor erzählt der sympathische Musicaldarsteller dann eine Anekdote, die nicht nur zu seinem früheren Hüftgold – dessen “Verlust“ vom Publikum mit wohlwollendem Applaus honoriert wird – sondern auch zu einem Beschuss mit Gummibärchen bei den “Schlussappläusen“ früherer Konzerte geführt habe. Doch ein Umsteigen auf Marshmallows sei auch nicht die beste Idee gewesen, da er eigentlich gar keine Marshmallows möge …
Dieser lockere, augenzwinkernde Stil mit einer Prise Selbstironie zieht sich durch den gesamten Abend und sorgt für herzliche Lacher und eine Atmosphäre, in der sich Zuhörer und Künstler sichtlich wohlfühlen.

Patrick Stanke bei seiner „Audition“ vor dem Chemnitzer Publikum. Foto: Jörg Singer

Patrick Stanke erläutert dann sein Vorhaben, alle Orte zu besuchen, an denen all die Figuren, die er schon gespielt hat, bereits waren – bereist habe er noch keinen einzigen dieser Orte, doch im Gegensatz zu ihm sei noch keine seiner Rollen in Chemnitz gewesen … Damit ist der Übergang geschaffen zur Gänsehaut-Ballade Role of a Lifetime aus dem bei uns leider nicht gespielten Musical ‚Bare‘ (Nackt), welche Stanke durch seine warme und zugleich kraftvolle Stimme zum ersten Highlight des Abends werden lässt, sofern es dieses Mal überhaupt möglich ist, einzelne Highlights aus dem Programm herauszupicken.

Über die ans Publikum gerichtete Frage, ob es besser sei, mit der Bahn statt mit dem Auto zu reisen (die Zuhörer scheinen zum Auto zu tendieren), gelangt der Künstler zu einer kleinen Geschichte über seine Ausbildung zum Musicaldarsteller an der Bayerischen Theaterakademie August Everding, während der er den Spitznamen “Trouble“ bekam, da er sich ständig über Regeln hinwegsetzte – so glücklicherweise auch über die Regel, während der ersten zwei Ausbildungsjahre keine Auditions zu besuchen, denn das brachte ihm die Rolle des Heizers Frederic Barrett bei ‚Titanic‘ in Hamburg ein. Und auf dieser ersten Audition sang er den Song Prayer (‚The Scarlet Pimpernel‘), der ihn seitdem zwar ständig auf Auditions, jedoch noch nie auf einem Konzert begleitete. Das Chemnitzer Publikum kommt jetzt in den Genuss dieses Liedes, welches Stanke mit viel Witz als Audition-Situation ausgestaltet und dann intensiv interpretiert – es verwundert nicht, dass er mit dieser starken Interpretation des Titels seinerzeit die Rolle in ‚Titanic‘ bekommen hat.
Mit
Les temps des Cathedrales (‚Notre-Dame de Paris) folgt eine Herausforderung für den charmanten Sänger, der kein Wort Französisch spricht. Aufgrund dessen fordert er zum ersten Mal an diesem Abend scherzhaft einige Zuschauer, die die französische Sprache beherrschen, auf, für die Dauer des Liedes den Raum zu verlassen … natürlich bleiben alle sitzen und auch späteren Aufforderungen an andere Zielgruppen wird nicht Folge geleistet. Doch mit Hilfe von Lautschrift gelingt auch die schöne und von Stanke augenzwinkernd humorvoll interpretierte Ballade sehr gut.

Christian Alexander Müller. Foto: Jörg Singer

Christian Alexander Müller. Foto: Jörg Singer

Nach dieser Anstrengung hat sich Patrick Stanke eine kleine Pause verdient, und der Special Guest des Abends, Christian Alexander Müller, betritt die Bühne und dankt seiner “Vorband“ Patrick Stanke zunächst – hier wird schon klar, wie lustig die Interaktionen der beiden ‚Musical Tenors‘ werden könnten. Mit Flight zeigt dann auch der aus Chemnitz stammende Sänger, was er drauf hat: Er genießt und lebt hör- und spürbar jeden Ton des balladesken Songs von Craig Carnelia und fesselt so sein Auditorium.
Anschließend entwickelt sich ein sehr lockeres, spontanes Gespräch zwischen Müller und Stanke über die Übersetzung des eben erwähnten Musicals ‚Bare‘ oder auch über ‚Elisabeth‘ und ‚Evita‘, die
“im Grunde genommen das gleiche Stück“ seien, denn “beide haben einen großen Song in einem weißen Kleid.“
Nach dieser neckischen Interaktion wird dem Publikum ein bei uns eher unbekanntes Musical der beiden ‚Les Misérables‘-Komponisten Schönberg und Boublil, namens ‚Martin Guerre‘, vorgestellt. Daraus erklingen zunächst zwei inhaltlich äquivalente, wenngleich textlich und melodisch verschiedene, Versionen eines Männerduetts: Live With Somebody You Love war bereits bei Müllers ‚Heroes‘-Konzert im Februar in der Markuskirche zu hören, das ältere und später ersetzte Here Comes the Morning ist jedoch eine Premiere. Die Noten für Letzteres sind erst am Nachmittag in Chemnitz angekommen, trotzdem liefen beide Darsteller stimmlich zu Höchstform auf und hatten nebenbei noch sichtlich Spaß auf der Bühne. Das zweite bzw. dritte Lied aus dem Musical ist der gleichnamige Titelsong, mit dessen Interpretation sich Stanke als Idealbesetzung der Rolle des Martin Guerre empfiehlt, sollte das Stück je bei uns gespielt werden.

Christian Alexander Müller als Henry Jekyll und Patrick Stanke als Edward Hyde. Foto: Jörg Singer

Christian Alexander Müller als Henry Jekyll und Patrick Stanke als Edward Hyde. Foto: Jörg Singer

Die Titel des nächsten Musicals dürften den meisten Zuhörern geläufig sein – die Rede ist von ‚Jekyll & Hyde‘, aus dem hier zunächst Ich muss erfahren und Dies ist die Stunde erklingen, gefolgt von der Konfrontation zwischen Edward Hyde verkörpert von Patrick Stanke und Henry Jekyll alias Christian Alexander Müller im Duett. Die beiden Soli meistert der “24 mit Überstunden“-jährige Stanke stimmlich mit Bravour und textlich mit kleinen, leicht verzeihbaren Unsicherheiten, und die Interpretation des Kampfes zwischen Gut und Böse sorgt für Gänsehaut und Begeisterungsstürme und wird zu einem weiteren Höhepunkt vor der Pause.Der Opener nach der Pause sorgt sofort wieder für Lacher – es erklingt die deutsche Version von Oh, What a Beautiful Morning aus ‚Oklahoma!‘, herrlich überzogen-kitschig interpretiert von Patrick Stanke, der sich hier glücklicherweise selbst nicht allzu ernst nimmt und nach dem Lied eine Anekdote über seine Konzerte auf Kreuzfahrtschiffen (mit “Publikum 80 plus“) zum Besten gibt: so musste er Der letzte Tanz (‚Elisabeth‘) streichen, nachdem sich eine ältere Dame beschwert hatte, dass es in seinem Programm zu oft um den Tod gehe. Im Anschluss lässt Stanke sich zu einer großartigen Spontan-Darbietung hinreißen – unterstützt von “Musical-Maschine“ Marina Komissartchik, die dieser Spontanität problemlos folgen kann.

Christian Alexander Müller und Patrick Stanke in Plauderlaune. Foto: Jörg Singer

Christian Alexander Müller und Patrick Stanke in Plauderlaune. Foto: Jörg Singer

Die nächsten drei Titel stehen wieder im Programm, welches jeder Zuschauer übrigens vor Beginn des Konzertes gedruckt auf seinem Platz vorfand: Constance, Vater und Heut‘ ist der Tag, die zu einem ‚3 Musketiere‘-Medley vermischt werden, anlässlich der kommenden Tour des Musicals ab Herbst, bei der Patrick Stanke wie bereits 2005 in Berlin in die Rolle des Musketieres D’Artagnan schlüpfen wird. Und da er laut eigener Aussage, “aus der Rolle rausgewachsen“ war, und zwar “in alle Richtungen“ trat er den Kampf gegen das eigene Gewicht an und steht jetzt rank und schlank auf der Bühne – diese Offenheit macht den Sänger sehr sympathisch und schafft Nähe zum Publikum.
Für das folgende Duett aus ‚Wicked‘ betritt noch einmal Christian Alexander Müller die kleine Bühne und nimmt zusammen mit Stanke auf dem gemütlich aussehenden, roten Sofa Platz – dabei fällt nicht nur der Partnerlook der beiden Männer, aus Jeans und schwarzem Hemd auf, sondern auch, dass es gar nicht so einfach ist, eine bequeme, zum Singen geeignete und gleichzeitig gutaussehende Position auf einem Sofa zu finden … doch nachdem das geklärt und der Notenständer sicher aufgebaut ist – wie die Zuschauer hören, haben beide Herren auf einem ‚Musical Tenors‘-Konzert auch schon unschöne Erfahrungen mit fallenden Notenständern gemacht – kündigt Patrick Stanke seine neue CD an, die den gleichen Titel wie dieser Konzertabend tragen wird: ‚Role of a Lifetime‘. Der scherzhafte Einwurf aus dem Publikum,
“Die haben wir doch schon!“, sorgt zunächst für etwas Verwirrung, doch im Zeitalter von youtube und Co wäre auch das nicht verwunderlich.
Marina Komissartchik spielt nun das Intro für For Good, doch kurz vor Beginn der Strophe unterbricht sie ein sichtlich amüsierter Patrick Stanke, der sich so mit Müller auf dem Sofa sitzend an die beiden ergrauten Dauernörgler, Waldorf und Statler, aus der Muppet-Show erinnert fühlt – nicht nur das Publikum, sondern auch Christian Alexander Müller hat daraufhin während des Liedes mit einem Lachanfall zu kämpfen. Trotzdem erklingt das eigentliche Frauenduett hier stimmlich sehr harmonisch in der männlichen Version und berührt das Publikum. Etwas schade ist nur, dass Patrick Stanke so sehr an den Noten kleben bleibt, dadurch reduzieren sich die schauspielerischen Möglichkeiten leider auf ein Minimum.
Während der Gastgeber sich eine kleine Pause gönnt, darf der Gast noch einmal ran – doch bevor er einen Ton singen kann, hört man, wie sich Patrick Stanke hinter der Bühne die Nase putzt – wie Marina Komissartchik humorvoll bemerkt allerdings “in der völlig falschen Tonart“. Als der Verursacher des Geräuschs auch noch seinen Kopf durch den Vorhang streckt und fragt, ob er was kaputt gemacht hat, werden die Lachmuskeln von Zuhörern und Künstlern stark strapaziert. Schließlich erklingt aber doch noch ein von Müller packend interpretiertes Till I Hear You Sing aus ‚Love Never Dies‘, dem Nachfolger von ‚Das Phantom der Oper‘.

Patrick Stanke am Piano. Foto: Jörg Singer

Patrick Stanke am Piano. Foto: Jörg Singer

Dass Patrick Stanke auch ernsthaft sein kann, beweist er mit den nächsten beiden Songs, zu denen er sich selbst – nach einer kurzen Einspielphase mit Melodien aus ‚Löwenzahn‘ und ‚Das Phantom der Oper‘ – am Klavier begleitet: Du warst mein Licht, im Original Tonight I Wanna Cry von Keith Urban, ist eine traumhafte und nachdenkliche Ballade, die das musikalische Multitalent hier gefühlvoll interpretiert, wodurch man auch kleinere Verspieler sofort vergibt und vergisst. Und auch bei (I Just Call You) Mine (Martina McBride bzw. David Phelps) spürt man mit jeder Note, wie sehr Patrick Stanke diesen Song liebt – seine Darstellung ist stimmlich stark und intensiv, was den Titel, der auch auf der neuen CD enthalten sein soll, zu einem weiteren Highlight des Programms macht.

Christian Alexander Müller souffliert Patrick Stanke. Foto: Jörg Singer

Christian Alexander Müller souffliert Patrick Stanke. Foto: Jörg Singer

Nach dieser emotionalen Darbietung wird es wieder witzig und spontan: Das Publikum darf sich einen Titel wünschen und mehr oder weniger aus Eigeninitiative des Sängers fällt die Wahl dann erneut auf einen ‚Elisabeth‘-Titel – dieses Mal das große Frauensolo, Ich gehör nur mir. Nach einer kurzen Denkpause hat Marina Komissartchik eine passende Männertonart und Patrick Stanke textsichere Souffleusen im Publikum gefunden, und es folgt eine Interpretation dieses so oft gehörten Klassikers, die man so wohl noch nie erlebt hat: Selbst Christian Alexander Müller kommt nach ein paar Takten auf die Bühne und fungiert vom Sofa aus als Souffleur. Schwierig wird es nur dann, wenn Publikum und Müller unterschiedliche Passagen soufflieren, oder Stanke nur die Hälfte versteht: Das Ergebnis ist eine Mischung aus Choreinlagen des Publikums, gesprochenen Texten Müllers, Instrumentalstücken Komissartchiks, geänderten Textteilen Stankes und einigen wenigen Stellen, die original belassen wurden: zum Brüllen komisch und das Highlight des Abends!

Patrick Stanke im stilechten Mozartmantel. Foto: Jörg Singer

Patrick Stanke im stilechten Mozartmantel. Foto: Jörg Singer

Trotzdem gelingt es Patrick Stanke, auch für die beiden letzten Titel, Was für ein grausames Leben und Wie wird man seinen Schatten los, aus ‚Mozart!‘ die Aufmerksamkeit des Publikums einzufangen, wobei er sich vor allem bei Letzterem noch einmal die Seele aus dem Leib singt. Da stört auch nicht der stilechte, aber jetzt fehlende Mozart-Mantel, welchen er ursprünglich dazu anziehen wollte, für die spontane Darstellung der österreichischen Kaiserin jedoch wieder auszog und dann vergaß.
Dass das Publikum nach so einem fulminanten Konzert auf eine Zugabe besteht, erklärt sich von selbst und so bringt Patrick Stanke zunächst
Arioso aus Kurt Weills ‚Street Scene‘ und The Winner Takes It All von ‚ABBA‘ zu Gehör.

Patrick Stanke an seiner geliebten Gitarre. Foto: Jörg Singer

Patrick Stanke an seiner geliebten Gitarre. Foto: Jörg Singer

      Bei der dritten Zugabe kommt dann auch endlich die Gitarre, welche die ganze Zeit auf der Bühne lag und von Stanke liebevoll als “mein Baby“ bezeichnet wird, zum Einsatz, als der Sänger sich selbst für Louder Than Words aus dem Musical ‚tic, tic…BOOM!‘ begleitet. Vor dem allerletzten Song des Abends verkündet Stanke dann noch, dass er seine gesamte Gage den Opfern des Hochwassers spenden wird – eine tolle Geste, die in Chemnitz sehr wohlwollend und anerkennend angenommen wird. Und mit Hallelujah, begleitet an Klavier und Gitarre, geht ein einzigartiger und großartiger Konzertabend zu Ende. 

Das Chemnitzer Publikum durfte einen humorvollen und natürlichen Künstler erleben, der mit großer Offenheit und Publikumsnähe Sympathiepunkte sammelte. Und gerade weil Stanke und Müller nicht alles bis ins kleinste Detail durchgeplant hatten, machte eben der lockere Umgang damit und diese sympathische Unbeschwertheit das Konzert zu etwas Besonderem.

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