‚Aspects of Andrew Lloyd Webber‘ in Neu-Isenburg

Webbers Essential Songbook als deutschsprachiges Konzert der Extraklasse

Aspects of Andrew Lloyd Webber Plakat

  • 28. November 2012
  • Hugenottenhalle Neu-Isenburg
  • Annika Bruhns, Kristin Hölck, Andreas Bieber, Paul Kribbe, Carsten Lepper und Annika Firley, Markus Psotta
  • begleitet von Marina Komissartchik am Piano

Andrew Lloyd Webbers Songbook – das sind nicht nur ‚Jesus Christ Superstar‘ und ‚Das Phantom der Oper‘, auch wenn sie zu den bekanntesten Musicals des berühmten Komponisten gehören. Das bewiesen äußerst eindrucksvoll die Solisten in ihrem anspruchsvollen Programm ‚Aspects of Andrew Lloyd Webber‚ in der Reihe ‚Musicalstars in Concert‘  in der Hugenottenhalle in Neu-Isenburg.

‚Aspects of Andrew Lloyd Webber‘ ist zugleich der Titel des Essential Songbook des Komponisten, mit dessen Inhalten die namhaften Musicaldarsteller ein vorwiegend älteres Publikum, aber auch jüngere Zuschauer in ihren Bann schlugen. Als eingespieltes Team geben Andreas Bieber, Annika Bruhns, Kristin Hölck und Paul Kribbe sowie die beiden Nachwuchstalente Annika Firley und Markus Psotta in dieser Formation schon seit 2009 die etwas andere Andrew Lloyd Webber Gala zum Besten. Neu dazu gekommen ist in diesem Jahr Carsten Lepper, der anstelle von Christian Alexander Müller, welcher in diesem Jahr die Titelrolle in der konzertanten Rückkehr von ‚Das Phantom der Oper‘ in Wien singt , auf der Bühne stand und sich ein Repertoire von sieben teils sehr anspruchsvollen Liedern solistisch und im Duett erarbeitet hat.

Inklusive Dialoge und gelungenem Staging gibt es einen Querschnitt von Webbers erstem Musical ‚Joseph and the Amazing Colored Dreamcoat‘ über sein deutsches Erfolgsstück ‚Starlight Express‘, ‚Evita‘ und das Titelmusical ‚Aspects of Love‘, ‚Sunset Boulevard‘, bis hin zu den bei uns großteils unbekannten Stücken ‚Whistle Down the Wind‘ nach dem gleichnamigen Film und ‚The Woman in White‘ nach dem Thriller von Wilkie Collins. Einführende Worte, bei denen sich die Musicaldarsteller abwechselten, brachten dem Publikum auch die letzten beiden musikalischen Dramen näher.

Das Motto des Abends formuliert Andreas Bieber mit seiner provokanten Frage: „Wer versteht, was Liebe ist?“ — zugleich ein Liedtitel aus dem Musical ‚Aspects of Love‘, doch mehr davon im zweiten Teil.

Es beginnt mit der Geschichte der Eva Perón, die aus der Provinz dem Sänger Magaldi nach Buenos Aires folgte und von einer Barsängerin zur First Lady Argentiniens aufstieg. Paul Kribbe als Che im passenden Outfit bewundert und verachtet in Jung, schön und geliebt Eva Perón. Diese, gespielt von Annika Bruhns, schmilzt bei dem kraftvollen Latino-Auftritt von Carsten Lepper als Magaldi mit Diese Nacht ist so sternenklar dahin und gibt mit einem berührenden Schau in mein Herz Einblick in Evitas Gefühlswelt, so daß ihre Arie Wein nicht um mich Argentinien besondere Tiefe gewinnt.

Kristin Hölck erzählt, wie bereits in der Produktion im Essener Colosseum Theater, mit klarer Stimme von dem biblischen Träumer ‚Joseph‘, den Andreas Bieber, der Original-Joseph mit einer jazzigen Version von Wie vom Traum verführt zum Leben erweckt. Angetan mit dem Kleid des Träumers und dunkler Sonnenbrille rockt Paul Kribbe mit dem Lied des Pharaos die Bühne, bevor Bieber mit einer reduzierten, leicht souligen Version von Schließt jede Tür berührt.

Nach dem heiteren Studentenmusical Webbers finden sich in dem rezitativen Liebeslied Ich glaub‘ an mein Herz‚ aus ‚The Woman in White‘, Kristin Hölck als Laura, Tochter aus gutem Hause und Carsten Lepper als Zeichenlehrer Walter, in eine aussichtslose Liebe verstrickt. Etwas schade, dass Kristin Hölck diesen zarten lyrischen Titel mit sehr viel Druck singt. Annika Bruhns als Lauras Schwester Marian liebt Walter ebenso und treibt ihre Schwester in eine unglückselige Ehe. Lepper sinnt und leidet in dem schönen Einen Tag mehr als für immer unter dem Verlust seiner großen Liebe, während Laura ihrer Schwester in einem Brief schreibt, wie sehr sie der Mann, den diese gewünscht hat, körperlich und seelisch demütigt. Schließlich bereut die Schwester ihr Tun in Für Laura. Andreas Luketa, von dem auch das Idee, Konzeption und Staging des Konzertes stammen, übertrug die Titel hierfür eigens ins Deutsche.

Im Erfolgsmusical ‚Jesus Christ Superstar‘ beginnt Pianistin Marina Komissartchik, die als Dirigentin und mit ihrem virtuosen Spiel und Timing, den Abend begleitete, mit einer Fantasie. Darauf gibt Paul Kribbe mit strong Falsetto einen eindrucksvollen Judas, wie er sich auch sonst an diesem Abend in all seinen trefflich ausgesuchten Partien sehr ausdrucksvoll und stimmstark zeigt. Carsten Lepper als Jesus betritt mit unsicheren Schritten die Bühne und kniet bald darauf vor König Herodes, der ihn amüsiert in Neu-Isenburg begrüßt. Andreas Bieber gibt Herodes als großer Komödiant und zugleich mit dem richtigen Maß an bedrohlicher Präsenz. Neben seinem Timing als Entertainer und Komödiant vermag Bieber, auch immer wieder leise nachdenkliche Momente zu schaffen, so im zweiten Teil mit den Liedern aus ‚Tell Me on a Sunday‘, die einst die dänische Sängerin Gitte interpretierte.
Nachdem Annika Bruhns überzeugend die an ihrer Liebe zu Jesus leidende Maria Magdalena gegeben hat, beschert Carsten Lepper mit seinem Gethsemane einen Höhepunkt des Abends. Der Sänger mit der klaren Stimme und einem eindrucksvollem Stimmvolumen lässt sich mit großer Intensität auf das Gebet des Gottessohnes ein, der sich in Webbers und Rices Musical so zutiefst menschlich zeigt. Man hätte meinen können, Lepper würde die Rolle gerade in einer Produktion spielen.

Der erste Akt des Webberschen Songbook klingt mit dem deutschsprachigen Erfolgsmusical ‚Starlight Express‘ aus, im Zuge dessen die Nachwuchstalente Markus Psotta (Träger des Publikumspreises im Halbfinale von ‚Jugend kulturell Förderpreis Musical‘, Mitglied der Musicalgruppe ‚Reflection‘) und Annika Firley (Absolventin der Folkwang Akademie Essen und mehrfache Preisträgerin im Bundeswettbewerb Gesang in Berlin) mit Starlight Express und dem Duett Du allein ihren ersten Auftritt hatten. Mit starker schön klingender Stimme und einem Strahlen fehlt es Psotta noch etwas an der Umsetzung im Körper. Annika Firley überzeugt auch im Schauspiel, gibt manchmal aber etwas zu viel Druck, was sie bei ihrer prägnanten Stimme nicht nötig hat. Mit Licht am Ende des Tunnels vom ganzen Ensemble endet der ersten Teil über die verschiedenen Aspekte der Liebe in den Musicals von Andrew Lloyd Webber.

Andreas Bieber nimmt das Forschungsvorhaben direkt zu Beginn des zweiten Teils des Konzertprogrammes wieder auf, wobei er die Frage „Wer versteht, was Liebe ist?“ aus Aspects of Love‘ launig an seine beiden Kolleginnen weitergibt. Kristin Hölck stellt fest, Liebe ist viel mehr ist, als miteinander ins Bett zu steigen, und Annika Bruhns will Alles, nur nicht einsam sein, was sie berührend zum Ausdruck bringt.

Das hierzulande fast nahezu unbekannte Musical ‚Whistle down the Wind‘, welches 1959 in Louisiana spielt, wird in der Übersetzung von Anja Hauptmann dargeboten, welche auch die nach wie vor gültige Fassung von ‚Jesus Christ Superstar‘ verfasst hat. Annika Firley gibt in ihrem berührenden Wiegenlied Sing dem Wind ein Lied Swallows Liebe zur verstorbenen Mutter Ausdruck, die sie als Halt im Leben verloren hat, um bald darauf in der Scheune einem verwirrenden Mann zu begegnen, der sie anzieht. Das Gebet des verfluchten Fremden, der sich angesichts von Unbezahlbare[r] Schuld nichts mehr wünscht, als im Leben noch einmal beginnen zu können, interpretiert Carsten Lepper ebenso prägnant wie emotional und bringt einen Jean Valjean der Südstaaten auf die Bühne, der für Gott keine Gebete mehr hat. Nur fort von Louisiana möchte dagegen Amos, dessen forderndes Ein Tag ohne Kuss ist verlor’ne Zeit an Stephen Sondheim erinnert. Paul Kribbe interpretiert das drängende Lied kraftvoll, und wie insgesamt an diesem Abend, hat man auch hier das Gefühl, einen Eindruck von der emotionalen Aussage des Stückes zu erhalten.

Mit Träumen aus Licht entführen Annika Bruhns und Paul Kribbe auf den ‚Sunset Boulevard‘: Sie als in ihrer Blindheit gegenüber der Welt anrührende Träumerin Norma Desmond und er als ihr getreuer Produzent, Ehemann und Butler Max von Mayerling, der aus Liebe die Wirklichkeit von Norma fern hält, auch wenn das Glück zweier junger Menschen daran zerbricht — Markus Psotta als Joe Gillis und Annika Firley als Betty Schaefer sprechen in Viel zu sehr von ihren Lebensträumen.

Der letzte große Block vor den Zugaben gilt dem Musical ‚Das Phantom der Oper‘, das vor Kurzem in der Royal Albert Hall in London 25-jähriges Bühnenjubiläum gefeiert und Generationen in seinen Bann geschlagen hat und es immer noch tut. Zeitlos ist die dramatische Liebesgeschichte des Genies, das verborgen vor der Welt in der Unterwelt des Pariser Opernhauses lebt, bevor sich der Mensch hinter der Maske verliebt und mit Verführung ebenso wie mit Gewalt versucht zu bekommen, was er sich wünscht. Kristin Hölck übernimmt einmal mehr die Rolle der Christine, in der sie in Stuttgart Erfolge feierte, zunächst in dem klangvollen Solo Denk an mich, dann im Duett mit Carsten Lepper in Das Phantom der Oper, der aus dem Zuschauerraum auftritt und als Phantom mit suggestiven Sätzen, seine Partnerin zu ihren Koloraturen treibt, bevor er sie und das Publikum mit der Die Musik der Dunkelheit verführt.

Zum Abschluss gibt Andreas Bieber bezüglich ihres gemeinsamen Forschungsprojekts „Liebe“ den Zuschauern ein typisches Erich-Kästner-Wort mit auf den Weg: Manchmal heißt es nicht Lieben weil, sondern Lieben trotzdem — zugleich der deutsche Lieditel eines Songs aus ‚The Beautiful Game‘. Die Melodie ist dem Titelied aus Andrew Lloyd Webbers letztem Werk ‚Love Never Dies‘ sehr ähnlich.

Doch natürlich bleibt es an diesem reichhaltigen musical-ischen Abend in der Hugenottenhalle in Neu-Isenburg nicht beim Schlusslied, denn selbst die älteren Herrschaften im Publikum lassen es sich nicht nehmen, mit Klatschen, ja sogar Trampeln und stehenden Ovationen die Sänger mehrfach auf die Bühne zu holen, die den Abend mit einer emotionalen Erinnerung seitens Kristin Hölck und dem Ensemble-Stück Alter Deuteronimus aus der Jellicle-Oper ‚Cats‘ ausklingen lassen und zum endgültigen Abschluss des großartigen Konzertes im Advent — diesmal in verteilten Rollen – mit Lieben trotzdem eine Liebe gegen alle Widerstände propagieren.

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