Ich muss mich immer weiterbilden und neu erfinden

Interview mit Frank Nimsgern (Komponist, Arrangeur und Orchestrator)

Was schätzen Sie als Komponist, Dirigent und Musiker an der Form des Musicals besonders?

FN: Als Kind war ich immer froh, wenn ich meinen Vater Siegmund beispielsweise in ‚Les Contes D´Hoffmann/Hoffmanns Erzählungen‘ oder ‚Fidelio‘ erleben durfte, da mir durch das dortige „parlando“ (gesprochene Dialoge/Monologe) in der Oper auch mal die Handlung klar wurde und ich endlich die Sopranistinnen verstanden habe (schmunzelt).

Musical ist für mich die zeitgenössiche „leichte“ Oper und nicht, wie von Vielen gerne behauptet, die Fortführung der Operette. Die Kombination von Musik, Tanz, Schauspiel und Gesang und die damit erweiterten Anforderungen an den Komponisten sind für mich eine optimale Herausforderung, zeitgenössische Musik, Trends und klassische Operndramaturgie zusammenzuführen.

Wie würden Sie Ihre eigene Musik (jetzt nicht speziell Musical-bezogen) beschreiben?

FN: Einen Fuß in der Vergangenheit, einen Fuß in der Gegenwart und einen Fuß hoffentlich in der Zukunft! Sie ist ein „Crossover“ – im Sinne von einer Melange aus Klassik, Jazz und Rock – je nach der Dramaturgie, die das Werk benötigt, um eine Geschichte audiell zu erzählen. Ich komponiere zurzeit die Musik für einen neuen ‚Tatort‘, welche musikalisch eine weitere Erzählebene gestalten muss, die klassische orchestrale Filmmusik nicht mehr bietet. Somit muss ich mich immer weiterbilden und neu erfinden.

»SnoWhite«. Foto: ON Stage

»SnoWhite«. Foto: ON Stage

Wie kam es zu der Idee, Grimms Märchen ‚Schneewittchen‘ als Vorlage für ein Musical zu nutzen?

FN: Nach dem überraschenden Erfolg von ‚Paradise of Pain‚ (1998) schlug mir der damalige Generalintendant des Saarländischen Staatstheaters, Kurt Josef Schildknecht, ein Nachfolgeauftragswerk vor. Nach einigen Ideen einigten Operndirektor Matthias Kaiser, der Intendant und ich uns auf den Arbeitstitel: „Schneewittchen – neu erzählt“. Somit entstand ‚SnoWhite‘ in den Jahren 1998-2000.

Wie lange haben Sie an ‚SnoWhite‘ gearbeitet? In welchen Schritten, von der ersten Idee bis zum fertigen Ergebnis auf der Bühne, hat sich das Stück entwickelt?

FN: Direkt nach Erteilung des „Auftrags“ waren wir („Nimsgern Group“) für das Goethe-Institut auf Tournee in Sibirien. Kompositionen wie beispielsweise Frei wie der Wind entstanden nachts an einem Hotelpiano in Novosibirsk.

Nach unserem Exposé in sieben „Bildern“ fragte ich bei dem Texter Frank Felicetti an, der, wie kein anderer, auf Melodien texten kann.

Gleichzeitig liefen die Castings: Mit Aino Laos war die ‚Queen‘ schnell gefunden und ihr Talent und ihre Stimme inspirierten zu mehr. Genauso ging es mir mit Frank Felicetti, der mit seiner Zwergen-Performance dem Stück neues Leben einhauchte. Zur gleichen Zeit lief am Berliner Friedrichstadtpalast unsere Revue ‚Elements‘, und der Erfolgsdruck war riesig. Die Vorstellung, dass ich als Komponist nur schreibe, ist ein Trugschluss. Ich war in ständiger Kommunikation mit dem Choreographen, Regisseur, Bühnenbildner usw. Man wird unweigerlich zum Controlfreak, wenn man „sein Kind zur Adoption freigibt“. In elf Monaten war das „Baby geboren“, auch dank all derer, die an das Werk und den neuen Musical-Stil geglaubt haben.

Haben Sie einige der Rollen während des Castings den ausgewählten Darstellern noch auf den Leib geschrieben?

FN: Ich hatte zwei Monate lang unsere ‚Queen‘ gecastet, da sie die schwierigste Charakterrolle darstellte und gleichzeitig einen immensen Rockbelt haben musste, den es damals – 2000 – in Deutschland in der Musicalszene nicht gab.

Aino Laos‘ Vorsingen als „Queen Superstar“ überzeugte mich: Nach nur zwei Minuten wussten wir, dass wir die Besetzung gefunden hatten, obwohl Aino bis dato auf keiner Opernbühne gestanden hatte.

Frank Felicetti überzeugte mich als Allroundperformer in Berlin und auch als Darsteller in ‚Paradise of Pain‘. Er lieferte eine große Bandbreite an schauspielerischen Facetten, die unweigerlich zu der Rolle des ‚Minitou‘ führte – der Rolle, die in jeglicher Hinsicht die akrobatischste im Stück ist.

Die Prämisse war: Weg vom Mittelmaß und ein neues Comedy-Fass aufmachen! Umso mehr freut es mich, dass Laos und Felicetti in unserer jetzigen Produktion in Bonn wieder mit an Bord sind!

Welche verschiedenen musikalischen Formen haben Sie gewählt, um die einzelnen Figuren zu charakterisieren? Welche Instrumente setzten Sie dabei ein, welche Rhythmen …?

Genauso wie jede Figur ihren eigenen Sprachstil hat, gibt es klare Instrumentations-/Kompositionsstrukturen für die fünf Hauptprotagonisten:

Schneewittchen — klassische Filmmusik/Romantik mit Klassik-Gitarren-Soli, Glockenspiel und Solo Violine

Queen — Rock mit E-Gitarren, Bass, Drums

Jäger — lyrischer Rock/Pop und 90iger Sound

Hexe Abigail (Hexen) — archaische ethnische Filmmusik, teilweise mit Funk und R&B

Minitou und Zwerge — Latinfunk, Schlager & der ultimative Megamix

 

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