Farbenfroher Broadway-Knüller mit Tiefgang

Das Broadway-Musical ‚Hairspray‘ basiert auf dem gleichnamigen Kinohit von John Waters (1988) und wurde mit Marc Shaimans (‚Schlaflos in Seattle‘, ‚Harry und Sally‘) Musik und Liedtexten, sowie weiteren Liedtexten von Scott Whittman und in einer Buchadaption von Mark O’Donnell und Thomas Meehan 2002 aus der Taufe gehoben.

Nominiert für 13 und als Gewinner von acht Tony Awards spielte es 2500 Vorstellungen am Broadway und wurde 2007 zu einer der erfolgreichsten Musicalverfilmungen.

Die deutschsprachige Erstaufführung im Schweizer St. Gallen begeisterte das Publikum 2008. In Köln erlebte es die Deutschlandpremiere 2009 mit der Prominenz von Uwe Ochsenknecht und Maite Kelly im Musical Dome, bevor es in diesem Sommer zunächst am 5. Juli in München ins Deutsche Theater bewegt und nun am 27. Juli 2012 in den Zeltpalast in Merzig einzog und Broadway-Feeling verbreitete – mit einem beeindruckenden Ensemble, das sich bei 35 Grad Außentemperatur auf der Bühne die Seele aus dem Leib sang und vor allem tanzte.

Vom ersten Moment an rissen die 27 Akteure und die 10-köpfige Band unter Leitung von Jeff Frohner das Premierenpublikum mit, sodass mit Szenen- und spontanem Zwischenapplaus die zweieinhalb Stunden wie im Flug vergingen.

Das Bühnenbild von Court Watson (zuletzt ‚The Sound of Music‘ in Salzburg) orientiert sich bei den fahrenden Häuserfassaden in Good Morning Baltimore an den Backsteinbauten, wie man sie im historischen Hafen und im alten Teil von Baltimore in Maryland findet. In ‚Hairspray‘ changieren sie von Rot-Braun bis Fuchsia. Überhaupt finden sich in diesem Musical – von den Stoffbahnen, die mit gezieltem Durchblick die Bühne verhängen, bis hin zu den Kostümen – alle Farben und Zwischentöne des Regenbogens, von Apfelgrün über Türkis bis Dunkelviolett. Ein zweistufiges Treppenelement teilt den bespielten vorderen Teil der Bühne vom hinteren erhöhten Teil ab, wo die Band ihren Platz hat, welche gleichzeitig als Live-Act in die Szenen in der ‚Corny Collins Show‘ eingebaut ist – eine Regiekniff von Andreas Gergen. Dazu kommen zwei fahrbare Elemente, die von links und rechts hereingedreht werden und mit faltbaren Wänden zum jeweiligen Ort ergänzt werden.

So entsteht parallel zu der fast unwirklich gestylten Fernsehwelt das Heim der 17-jährigen Tracy (Conny Braun), in dem Mutter Edna (Uwe Kröger) neben einem alten Schwarweiß-Fernseher am Bügelbrett steht, obwohl sie gerne Mode entwerfen würde und Vater Wilbur (Andreas Zaron) einen kleinen Scherzartikelladen namens „Lach-Dich-Schlapp-Laden“ betreibt, und davon träumt, einmal die Welt mit seinen Produkten zu beglücken. Dort hockt Tracy mit ihrer Freundin Penny (Jessica Kessler), deren neurotische Mutter Prudy Pingleton (Tanja Schumann in einer ihrer Rollen), Angst hat, dass ihre Tochter auf die schiefe Bahn gerät, vor der Mattscheibe und träumt sich in die Corny Collins Show (Marc Seitz als Corny Collins). In dieser Glitzerwelt, vor der Mutter Edna graut, erntet Tracys Schwarm, Link Larkin (Dominik Hees), ein potentieller Elvis-Nachfolger, ersten Ruhm und ist dafür der Freund von Amber van Tussle (Johanna Dost), der Tochter der Produzentin Velma van Tussle (Edda Petri / alternierend Betty Vermeulen), die nichts anderes möchte, als dass ihre Tochter genauso berühmt wird, wie sie einmal war als „Miss Baltimore Crabs“.

Uwe Kröger verkörpert Edna Turnblad, eine Rolle, die traditionell seit der Uraufführung mit einem Mann besetzt wird; in Köln spielten Schauspieler Uwe Ochsenknecht und Kabarettist und Musicaldarsteller Tetje Mierendorff. Uwe Kröger zeigt beeindruckend die Entwicklung der ruppigen, frustrierten Hausfrau Edna, die ihren Mann steht, bis zur selbstbewussten eleganten Dame, in seiner ganzen Körperlichkeit. Seine groben Bewegungen, denen die freche Reibeisen-Schnauze entspricht, mit der er seine Tochter anfährt, werden mit dem Hinaustreten aus seiner engen Welt ins Leben immer weicher und anziehender. Wenn er später auf hohen Tanzschuhen umherwirbelt und sich trotz Fatsuit spielend in Chainé-Drehungen und ausgesprochen elegant über die Bühne bewegt, scheint es, als hätte er nie anderes gemacht. Er überzeugt gesanglich, seine Pointen in Jörn Ingwersens deutschen Dialogen und Heiko Wohlgemuths Liedtexten sitzen auf den Punkt und sein Zusammenspiel mit dem Klasse-Schauspieler Andreas Zaron, der einen liebeswerten Wilbur gibt, in Du bist zeitlos für mich ist ein Genuss und führte am Premierenabend zu wiederholtem Szenenapplaus. Jederzeit nimmt man Uwe Kröger die Frau ab. Unterstützt wird Ednas Verwandlung durch Ulli Kremers Kostümreihe vom Hausfrauenkittel über das Wollkleid bis hin zum Marilyn-Monroe-Schick. Krögers Auftritt aus der Spraydose fehlte nur noch der Wind aus dem U-Bahnschacht für die Vervollständigung des Bildes.

Szenenapplaus und Standing Ovations erntet Souldiva Deborah Woodson als Motormouth Maybelle, die sich seit Jahren für die Rechte der Schwarzen im Fernsehen einsetzt und immerhin erreicht hat, dass einmal im Monat „Negro Day“ in der Corny Collins Show ist. Mit ihrer Arie Ich weiß, wo ich war erreicht Woodson eine Intensität, die einen glauben lässt, dass dieser Song auch in ‚Porgy und Bess‘ ertönen könnte. Sie ist es auch, die Tracy Mut macht, als diese nach dem Gefängnisausbruch nicht mehr weiter weiß.

Die junge Conny Braun als Tracy Turnblad schlägt sich wacker und überzeugt vor allem stimmlich und schauspielerisch, wenn sie sich unbekümmert um die Folgen für das gemeinsame Tanzen Schwarzer und Weißer in der Talentshow einsetzt.

Regisseur Andreas Gergen inszeniert ihr Profil von Gerechtigkeitssinn und Herzensgüte in Good Morning Baltimore buchstäblich, wenn sie der türkischen Oma hilft, dem unglücklichen schwarzen Mädchen Blumen schenkt und den beiden Ku-Klux-Klan-Mitgliedern mit ihren Schlagstöcken die Kapuzen vom Kopf zieht.

Damit führt Gergen gleich am Anfang den ernsthaften Hintergrund des Stückes ein, das Amerika zur Zeit der noch bestehenden Rassendiskriminierung in den frühen 1960ern, in dem Schwarze nicht in weiße Geschäfte durften, nicht im gleichen Teil des Busses fahren und schon gar nicht mit Weißen im Fernsehen auftreten. Gleichzeitig war dies auch die Zeit des ersten „zivilen Ungehorsams“ gegen die Rassentrennung, wie ihn auch Tracy und ihre Freunde praktizieren. Dass es nicht einfach um einen Teenagertraum vom Berühmt-werden geht, sondern um mehr, gibt dem Stück seinen Tiefgang. So schrill auch manche Szenen in der „Corny Collins Show“ sein müssen, es bleibt immer ein Gegengewicht.

Jessica Kessler spielt Tracys beste Freundin, die schüchterne, verklemmte Penny Pingleton, und sie macht das wunderbar: Sie zeigt zunächst Pennys unbeholfene Bewegungen, dann wie sie in Gegenwart von Seaweed J. Stupps (in der Merziger Premiere: Maickel Leijenhorst) auftaut und ihre innere Stärke mit der anerzogenen Schwäche kämpft und schließlich die Verwandlung in die junge attraktive Frau im goldschimmernden zimtfarbenen Abendkleid, die selbstbewusst tanzt. Diese Entwicklung vom hässlichen Entlein zum Schwan zeigt Kessler auch stimmlich, von der Piepsstimme bis zur Rockröhre.

Lauter kleine Entwicklungsgeschichten sind in ‚Hairspray‘ verwoben. Auch Tracys großer Schwarm, Link Larkin, getanzt, gesungen und gespielt mit großem Elan von Dominik Hees (Rum Tum Tugger in ‚Cats‘), erlebt eine solche: Link Larkins großer Traum ist ein Plattenvertrag, dafür wirft er beinahe seine ehrliche Zuneigung für Tracy weg. Hees zeigt überzeugend, dass Link dies interessanterweise als seine Schwäche erkennt und Tracy für ihren geraden Weg bewundert.

Erst als der Sänger erfährt, dass auch er nur ausgenutzt wurde, damit Amber gut aussieht, bekennt er sich zu seinen Gefühlen. Als in der Gefängnisszene wegen des Gewitters über Merzig kurzzeitig Dominik Hees‘ Headset ausfiel, brachte ein Techniker schnell ein Handmikrophon und Larkins Liebeserklärung an Tracy erhielt einen extra Touch Authentizität.

Links Gegenüber ist der afroamerikanische Seaweed, der Tracys Geradheit besitzt, aber auch das diplomatische Geschick seiner Mutter Motormouth Maybelle. Am Premierenabend in Merzig musste Maickel Leijenhorst, der diese Rolle bereits in Köln gecovert hatte, kurzfristig für den verletzten Eugene Boateng einspringen, und machte seine Sache sehr gut. Er überzeugte als großartiger Tänzer, ebenso gesanglich und zeigte, wie Seaweed Penny aus ihrem Schneckenhaus holt und sich auch gegenüber ihrer Mutter schützend vor sie stellt.

Marc Seitz erfüllt dier Rolle von Corny Collins, er überzeichnet genau mit dem richtigen Maß, mimt den Moderator der „Corny Collins Show“ mit viel Schwung und Stimme,

Comedian Tanja Schumann gibt nicht nur Pennys neurotische Mutter, Prudy Pingleton, sondern auch die „menschenfressende“ Gefängnisschließerin und die schräge Sportlehrerin mit Verve.

Ein herrlich komödiantisches Gespann sind auch Velma van Tussle, hier wunderbar schrill gespielt von Edda Petri, und ihre Tochter Amber van Tussle, welche Johanna Dost überzeugend als Mischung von Dummchen und Prinzessin auf der Erbse darstellt.

Im Gedächtnis bleibt auch Salka Weber, die derzeit am Wiener Konservatorium studiert und im Januar dieses Jahres dort die Mimi in ‚Rent‘ spielte, als Seaweeds kleine Schwester Inez. Sie zeigt bereits eine erstaunliche Bühnenpräsenz, singt und spielt ganz bezaubernd.

Obgleich ‚Hairspray‘ natürlich von seinen Charakteren geprägt ist, wird es doch auch in Merzig von dem tanz- und sangesstarken 15-köpfigen Ensemble getragen, dass von Tracys Erwachen an, aus den Szenen nicht mehr wegzudenken ist, und in Danny Costellos hinreißenden Choreographien über die Bühne wirbelt, dass es eine Freude ist.

Möge ‚Hairspray‘, diese mitreißende, intelligent humorvolle Komödie mit ihrer Botschaft von Toleranz und Herzlichkeit, die Mut macht, die eigenen Träume – auch gegen alle Widerstände – nicht aus den Augen zu verlieren, ihren positiven Beat über ganz Deutschland ausbreiten!

Ein extra Kompliment geht an Produzent Joachim Arnold von ‚Musik & Theater Saar‘ und all seine Mitarbeiter, die das Publikum im Zeltpalast mit ihrem Einsatz vergessen ließen, dass draußen ein höllisches Gewitter tobte.

Barbara Kern

unitedmusicals.de