Bewegende Bilder – Evita in Röttingen

“La con temperamento y pura raza.” Wurde auch früher mit diesem Spruch für ein prickelndes Getränkt geworben, so möchte man ihn jetzt für die ‚Evita‘-Premiere bei den Röttinger Festspielen benutzen.

Das von Sir Andrew Lloyd Webber geschriebene Musical mit den Texten von Tim Rice holt zu den heißen Temperaturen auch argentinisches Flair nach Franken. Der Burghof der Burg Brattenstein beheimatet für gewöhnlich Stücke von Johann Nestroy oder Kindertheater à la Ottfried Preußler. Mit ‚Evita‘ wagt man einen mutigen Schritt, und auch das Publikum erscheint mit einem mal verjüngt. Evita (Barbara Endl) und vor allem Georg M. Leskovich als Ché wurden gefeiert wie Rockstars.

Zunächst einmal hat die künstlerische Leiterin der Festspiele Renate Kastelik gemeinsam mit Reinwald Kranner (Regie & Choreographie) ein Stück auf die Beine gestellt, das mit einem kleinen Ensemble von „nur“ zwölf Personen swingt, tanzt, leidet und spielt, als gäbe es kein Morgen. Das Orchester spielt live auf und ist eigens in einem überdachten Raum an der Burg untergebracht. Gerade das zahlt sich aus. Es wirkt um einiges stimmungsvoller und harmonischer, wenn auf einer Freilichtbühne die Musiker tatsächlich vorhanden sind und nicht nur dem Playback gelauscht werden darf. Zuständig hierfür zeichnen Vladimir Kiradejiev und Byoung-Whie Chung.

Die Songs werden auf Deutsch gesungen, so dass keine Fragen offen bleiben. Dabei geht es einmal schnulzig zu, wenn Wolf Aurich den in die Jahre gekommenen Sänger Magaldi spielt. ’Diese Nacht ist so sternenklar’ kann kaum schmalztriefender präsentiert werden, als von ihm. Georg M. Leskovich hingegen sorgt als Erzähler für den rockigen, augenzwinkernden oder auch zynischen Part in der Rolle des Ché. Seine Bühnenpräsenz kann er nicht verleugnen. Ihm gelingt es, durch einen bissigen Kommentar oder ein freches Grinsen die gesamte Aufmerksamkeit immer wieder an sich zu reißen. Barbara Endl glänzt als Evita neben ihm aber nicht minder. Fast scheint es, als würden sich nicht nur Ché und Evita während des Stückes gegenseitig anstacheln, sondern es wirkt, als ob sie auch wechselseitig ihre Leistung noch steigern wollten. Und das, obwohl die Melodien in ‚Evita‘ alles andere als einfach zu singen und zu spielen sind und vor allem den Hauptdarstellern kaum eine Verschnaufpause gestatten.

Frau Endl spielt die zunächst naive, mit Träumen beladene Evita mit einer grandiosen Lebensfreude und lässt den Zuschauer an ihrem Wandel teilhaben. Während des Stückes wird aus der jungen Eva Perón eine machtgierige, eiskalte Persönlichkeit, die ihre eigenen Interessen mit weiblicher Raffinesse verfolgt. Diese Herausforderung nimmt die Darstellerin an und meistert sie mit Bravour.

Dritter, beziehungsweise vierter im Bunde ist Nikolaus Raspotnik, der das Staatsoberhaupt Juan Perón spielt. Seine sonore Stimme fügt sich absolut passend zu den Stimmfarben seiner Mitspieler. Selten sah man ein so kongeniales Ensemble.

Renate Kastelik schwirrt als biestige Pressesprecherin zusätzlich durch die Geschichte und hilft dem Zuschauer, auch die Kehrseite der argentinischen Medaille zu betrachten. Dabei hat die erfolgreiche Regisseurin Unterstützung von ihren Kostümbildnerinnen Andrea Menth und Ina Rehdal. Die beiden Schneiderinnen kleiden die Mitwirkenden als Bauern, Militaristen oder eben auch mit der von Evita so geschätzten Haute Couture ein. In beinahe jeder Szene wartet die argentinische Firstlady mit neuen Kleidern auf und manchmal bleibt durchaus die Frage, wie Barbara Endl diese schnellen Kostümwechsel meistert.

Wie auch immer, es gelingt, und auch wenn das Bühnenbild vor allem aus einem überdimensionalen Portrait von Evita besteht, so sorgt dieses doch immer wieder für Überraschungen: Etwa, wenn aus einem normalen Ehebett nach und nach immer mehr Liebhaber Evitas purzeln, oder die argentinischen Patrioten lustig die „Reise nach Jerusalem“ spielen. Für das Bühnenbild verantwortlich ist Helmut Mühlbacher.

Was unbedingt auch erwähnt werden muss, ist die glasklare Akustik auf dieser Freilichtbühne. Das diese im Freien nicht selbstverständlich ist, weiß jeder, der schon einmal eine solche Veranstaltung besucht hat. In Röttingen hat die Tontechnik von Albrecht Lionett aber keine Schwierigkeiten, die hervorragenden Stimmen der Sänger zu übertragen.

Die Geschichte hat keine Längen, kein unnötiges Schnickschnack, keine endlosen Balladen oder Monologe. Kurz und kompakt wird hier die Geschichte von Evita in bewegenden Bildern erzählt.

Apropos Bewegung. In Röttingen hat sich längst eine erfolgreiche Ballettschule etabliert. Diese stellt ausnahmslos die Tänzerinnen der diesjährigen Freilichtsaison. Die Festspielcompany des Ballettzentrums zeigt sich hier höchst professionell und tanzt sich fehlerfrei und stets motiviert durch die Szenenbilder.

Das Licht (Daniel Schühl und Martin Stumpf) und die gesamte Technik (Wolfgang Bauer und Udo Beil) funktionieren hier einwandfrei und lassen den Zuschauer von Beginn das Stückes, der mit dem Leichenzug für Eva Perón begleitet wird, bis zum Ende, an dem tatsächlich ein realer, weißer Sarg aufgefahren wird, in die Geschichte eintauchen.

Das Ende kommt für den Zuschauer – wie auch für Evita – viel zu früh. Doch die Darsteller lassen sich gerne um eine Zugabe bitten. Trotz der tropischen Temperaturen bekommt man dann ganz sicher eine Gänsehaut, wenn Barbara Endl Don´t Cry for Me Argentina intoniert und dabei nur noch vom Gitarristen begleitet wird.

Am Ende „fällt der Vorhang für Evita Perón“, die Zuschauer bleiben zurück und sind sich einig, dass auch die alt ehrwürdige Burg mehr braucht vom Musical.

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