Lebe im Hier und Jetzt!

»Rent« als Abschlussprojekt der Theaterakademie August Everding

Ein kompletter Studiengang Musical, eine staatlich zugelassene Musicalschule und ein privates Studio mit freien Kursen in allen Sparten des Fachs – München hat neben den üblichen Gesangslehrern und gemischten Tanzschulen mittlerweile einiges an Nachwuchs für das Musiktheater zu bieten. Und dieser kann sich sehen und hören lassen. Davon muss auch das Management des Deutschen Theaters überzeugt gewesen sein, das im April erstmals seine Bühne für die Neulinge des Musicalfachs öffnete. Als Kooperation mit dem Münchner Stammtheater für erstklassige Großproduktionen präsentierten die Absolventen und aktuell Studierenden der Theaterakademie August Everding das Musical »Rent« aus der Feder Jonathan Larsons.

La Vie Bohéme: aktuelles Ensemble vom 19.04.

La Vie Bohéme: aktuelles Ensemble vom 19.04. Foto: Deutsches Theater München/A.T. Schaefer

»Rent« ist ein von Schulleiterin Vicky Hall geschickt gewähltes Projekt, da die Vielzahl an Hauptpersonen im Stück die Absolventen gut in Szene zu setzt. Und auch die Themen des Musicals scheinen angelehnt an die aktuelle Situation der begabten Jungdarsteller: eine ungewisse Zukunft – beruflicher Erfolg, Visionen, das häufig brotlose Künstlerdasein, aber auch Selbstfindung, besonders als Schauspieler. Viele der im Stück behandelten Aspekte beschäftigen auch die Absolventen. Zusätzlich bewegt die Lebensgeschichte des Komponisten Jonathan Larson, der nach sieben Jahren der Stückentwicklung am Tag der hoch gefeierten Vorpremiere plötzlich verstarb und »Rent« so unfreiwillig noch ein Stück autobiographischer machte. Und noch etwas haben die jungen Darsteller in München, die Akteure der Broadway-Premiere und die Freunde Larsons, an die alle Charaktere in »Rent« angelehnt sind, gemeinsam: Sie alle sind Teil einer Gemeinschaft – einer zweiten Familie – geworden, wie sie im Stück sogar wortwörtlich als »Connection – in an isolated age« gepriesen wird. Die Verquickung des Stücks mit Larsons Biographie ist unbestritten, die junge Cast der Akademie setzt diesen Verbindungsstrang nahtlos fort.

Mimi (Nina Vlaovic). Foto: Deutsches Theater München/A.T. Schaefer

Mimi (Nina Vlaovic). Foto: Deutsches Theater München/A.T. Schaefer

Dass sich die einzelnen Akteure auch in ihrer jeweiligen Rolle wiederfinden, beweist ihre offensichtliche Spielfreude auf der Bühne. Überragend sticht Julian David in der Rolle des Transvestiten Angel heraus – die Partie scheint für den Verwandlungskünstler mit der Engelsstimme geschrieben zu sein. Sein sanftes ›Mit Liebe bedeck ich Dich (I´ll Cover You)‹ im Duett mit Florian Soyka in der Rolle des mitfühlenden Collins nimmt man beiden berührt ab. Thorsten Ritz zeigt Spielfreude und Gesangstalent als Nachwuchs-Regisseur Mark. Stephanie Marin und Marianne Curn füllen ihre Darstellung des lesbischen Paares Maureen und Joanne mit Bühnenpräsenz und kräftigen Mezzosopranen. Gesanglich sehr positiv fällt auch die angenehme Stimme Nina Vlaovics auf, die die verführerische Drogenabhängige Mimi überzeugend mit tiefem Jazz-Timbre interpretiert. Nicht zuletzt bringt Karsten Kenzel, der als Gitarrist Roger seine Lieblingsrolle spielt, dem Zuschauer mit einem wunderbar rockigen ›Find´ein Lied (One Song Glory)‹ die verzweifelten Träume vieler Kreativer nahe. Die hohen Anforderungen der Theaterakademie August Everding und die daraus resultierende Qualität der Darsteller ist bei jedem einzelnen Teilnehmer dieser Abschlussproduktion klar wahrzunehmen. Das Ensemble, bestehend aus weiteren Studierenden des 2., 3. und 4. Jahrgangs des Studiums, erschafft in Ein andermal (›Another Day‹) und Lass Dein Maß die Liebe sein (›Seasons of Love‹) die berührende Atmosphäre, für die »Rent« über das Stück hinaus bekannt und beliebt ist. Der Wohlklang der chorischen Stücke ist durchaus erwähnenswert. Gleichzeitig setzen die im Stil sehr variierenden Soli gekonnt Akzente. Alle Charaktere, alle Geschichten, alle Schicksale sowie alle Melodien in ihrer komplexen Verschiedenheit finden jedoch in der Grundaussage des Stückes wieder zusammen: Feiere das Leben und lebe im Hier und Jetzt. Selbst wenn Krankheiten, Sucht und Alltagskampf diesem entgegenstehen. Diese positive Einstellung transportieren die jungen Talente und ihre 5-köpfige Begleitband.

Roger (Karsten Kenzel) und Mark (Thorsten Ritz) bei ›One Song Glory‹. Foto: A.T. Schaefer

Roger (Karsten Kenzel) und Mark (Thorsten Ritz) bei ›One Song Glory‹. Foto: Deutsches Theater München/A.T. Schaefer

Ähnlich wie »Hair« strotzt »Rent« geradezu vor Handlungssträngen und zahlreichen verschiedenen Geschichten, was manchen Erstbesucher verwirren kann. Ein Einfinden in Story und Charaktere im Vorhinein, auch anhand der Musicalverfilmung, kann dabei gut helfen. In München werden die Pop-Klassiker des Stückes in englischer Sprache gesungen, während nur die gesprochenen Teile übersetzt wurden.

Dies ist sicher der größte Kritikpunkt der »Rent«-Interpretation im Deutschen Theater. Die deutschen Texte wirkten deplatziert, teils unmelodisch und gaben keinesfalls die ursprüngliche Bedeutung des englischen Originalsskripts wieder. Hier wäre die Übernahme der englischen Lieder wünschenswert gewesen, vor allem da die Lieder eher eine Szenen unterstützende Funktion haben und nur selten den Handlungsstrang verändern. Einige Ensemble-Nummern mit »Knaller«-Potenzial wie Uns fehlt für die Miete wirkten wenig spritzig inszeniert, wurden aber durch die gefühlvollen, perfekt gesungenen Gruppenballaden ausgeglichen. Wirklich zu bedauern war hingegen die Tonmischung, die sogar am fünften Spieltag nach der Premiere nicht sauber gelang und teils übersteuerte Solisten und zu leise Dialoge nach sich zog.

Die Theaterakademie August Everding besetzte ihr »Rent« ansonsten rollenaffin und mit stimmlich wie schauspielerisch talentierten Darstellern, auch wenn die Tiefgründigkeit der ausgefeilten Charaktere Larsons etwas kurz kam. Das Stück wird im Allgemeinen nicht mit Kostümen, Lichteffekten und Bühnentechnik ausgeschmückt, sondern setzt den Spot auf die Personen. Deren Geschichten sowie ihre ganz eigene Art, ihrem Schicksal samt Aids, Sucht, Liebe, Armut und Verzweiflung mit Würde und Lebensfreude zu begegnen, bestimmen das Stück. »Rent« wurde im Deutschen Theater zu einem unterhaltsamen Musical-Abend, dem trotz viel Potenzials der Darsteller die nötige Tiefe fehlte.

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