Mitten im Leben

Premiere von »Songs for a New World« in Stuttgart

»Songs for a New World«-Ensemble nach der Premiere. Foto: Sandra Reichel

»Songs for a New World«-Ensemble nach der Premiere. Foto: Sandra Reichel

Ein Moment entscheidet Dein Leben. Du hattest einen festen Lebensplan, warst auf Erfolgsspur oder Dir der Liebe Deines Partners sicher. Mit einem Mal wird Dein bisheriges Leben in Frage gestellt. In dieser Situation muss jeder entscheiden, welchen Weg er jetzt geht. Richtig und falsch gibt es im Musical »Songs for a New World« nicht, das am 13. Dezember 2009 im Stuttgarter Wilhelma Theater Premiere feierte.

Der instrumentale und gesanglich äußerst anspruchsvolle Reigen musikalischer Kurzgeschichten von Jason Robert Brown (»The Last Five Years«) wurde 1995 am Off-Broadway uraufgeführt und setzte neue Musical-Standards. In Stuttgart nun brachte das »New World Musical Ensemble« das Musical als erste eigene Produktion professionell auf die Bühne. Willemijn Verkaik (u. a. Premierenbesetzung der ‚Elphaba‘ in »Wicked – die Hexen von Oz«), David-Michael Johnson (u. a. Premierenbesetzung des ‚J.B.‘ in ‚We Will Rock You‘) und Hannes Schauz (derzeit Musikalischer Leiter bei »Wicked – Die Hexen von Oz« im Palladium Theater Stuttgart) gründeten das »New World Musical Ensemble« eigens, um musicalische Kostbarkeiten wie ‚Songs for a New World‘ dem Publikum näher zu bringen.

Aus der Feder von Autor und Komponist Jason Robert Brown stammen die 16 Songs, die Willemijn Verkaik, Dominique Aref (u.a. ‚Disneys Aida‘ in Essen), Mathias Edenborn (u. a. Premierenbesetzung des ‚Radames‘ in ‚Disneys Aida‘, derzeit als ‚Fiyero‘ bei ‚Wicked‘ in Stuttgart) und David-Michael Johnson/DMJ am 13. und 14. Dezember 2009 unter Regie von Leon van Leeuwenberg in der intimen Atmosphäre des Stuttgarter Wilhelma Theaters auf die Bühne brachten. Begleitet wurden sie von einer vierköpfigen Band (Rüdiger Nass / Gitarre, Alex Uhl / Bass, Eckhard Stromer / Schlagzeug und Percussion) unter Leitung von Hannes Schauz an Klavier und Keyboard.

v.l.: Willemijn Verkaik, David-Michael Johnson, Mathias Edenborn, Dominique Aref. Foto: Sandra Reichel

v.l.: Willemijn Verkaik, David-Michael Johnson, Mathias Edenborn, Dominique Aref. Foto: Sandra Reichel

Mit ausgesprochenem Sinn für die Situationskomik und Dramatik der verschiedenen Lebensläufe schlüpften die vier Darsteller in immer neue Rollen und ließen sich ganz auf die musikalischen und emotionalen Stilwechsel zwischen Swing, Rock, Blues und Gospel ein. Leon van Leeuwenberg inszenierte ohne große Requisiten: ein Stuhl, Barhocker und Blöcke verschiedener Höhe markierten einen Ort oder boten Platz für die Positionierung als Einzelner oder Gruppe. Notwendige Verwandlungen auf der Bühne geschahen offen, nur unter dem Schutz eines Blackouts. Gezielte Lichtwechsel (Spots) stellten den jeweiligen Akteur ins rechte Licht, einige charakteristische Hintergrundprojektionen halfen dem Zuschauer, Situationen besser einzuordnen oder schafften eine gewollte Stimmung.

Vergleichbar eines französischen Chansons von Jaques Brel oder einer Kurt-Weill-Ballade beleuchten die Songs ganz individuelle Lebensgeschichten an ihrem Wendepunkt. Am Anfang stand der große Opener mit dem ‚The New World‘-Motiv, der diese Situation als Chance auf einen Neubeginn darstellt. Auf der Suche nach einer neuen Welt, in der sie leben können, sind auch die vertriebenen spanischen Juden (‚On the Deck of a Spanish Sailing Ship 1492‘) auf dem Weg in den Orient. Auf das ergreifende Gospel folgte als bewusster Kontrast die bitter ironische Ansprache (‚Just One Step‘) einer reichen Frau, die ihrem Mann Murray droht, dass sie vom Balkon des Hochhauses springt und ihn und die drei gemeinsamen Kinder allein lässt. Die Regie positionierte Willemijn Verkaik auf einem meterhohen Block an der rechten Wand, während ihre Kollegen die Menge darstellten, die ganz unterschiedlich auf das, was sie sah, reagierte: Ein Filmteam hält die Sensation fest, Wetten entbrennen, ob die Lebensmüde wohl springt, die zum Beweis schon einmal ihre beiden kostbaren Pumps warf, obwohl sie augenscheinlich kaum wagte, hinab zu blicken. Die Trophäen wurden eilends eingesammelt. Mathias Edenborn, Dominique Aref und DMJ zeigten diese Reaktionen dem Publikum, das damit auf doppelte Weise Anteil am Geschehen nahm. Mit Bühnenpräsenz schlug Willemijn Verkaik die Zuschauer in ihren Bann, die nach ihrem etwa 25-sekündigen Halten des letzten Tons heftig applaudierten.

'Steam Train' - David-Michael Johnson. Foto: Sandra Reichel

‚Steam Train‘ – David-Michael Johnson. Foto: Sandra Reichel

Alle vier herausragenden Darsteller nahmen auch in den kommenden Songs das Publikum mit auf eine Achterbahn der Emotionen. Dass man sich keine Freunde damit macht, wenn man immer nur die Starke spielt, erfuhr Andrea (Domique Aref) in ‚I’m Not Afraid of Anything‘. Nach und nach wenden sich alle von ihr ab. Zurück bleibt ein zitternder, verletzter und einsamer Mensch, der sich nach Liebe sehnt. Mit ihrer vorgeblichen Selbstsicherheit hatte sie jedoch sogar ihren Freund in die Flucht geschlagen.

Mathias Edenborn und David-Michael Johnson spielten zwei Obdachlose, die ganz unterschiedliche Schicksale dorthin verschlagen hatten. Während Brooks (Mathias Edenborn) einst alles besaß und ihm das Geld durch die Finger geronnen ist, kennt Billy keinen Besitz, um den er nicht kämpfen musste. Er lernte früh: „The river won’t flow for me“ (‚The River Won’t Flow‘). Mit wellenförmigen Bewegungen unterstrich hier das Ensemble den Ausdruck des Refrains. Insgesamt unterstrichen die prägnanten Choreographien von Jon Smith die Aussagekraft der Songs.

Der Aufbruch in eine neue Welt ist nicht einfach. Wann ist man soweit, den Schritt zu gehen? (Reprise von ‚The New World‘). Nach dem Swingsong und der Reprise des ‚The New World‘-Motivs folgte die Blues-Ballade ‚Stars and the Moon‘, die für Jason Robert Brown den Kernsong seiner Komposition bildet. Männer legten Jessica ihr Leben und ihre Liebe zu Füßen, doch sie schlug alles aus, weil sie nach einem Leben in Sicherheit und Luxus verlangte. Sie heiratete einen Mann, der ihr genau das bieten konnte und hat erst jetzt erkannt, dass sie dafür eine wachsende lebendige Liebe und Träume vom Glück aufgab. Mal weich, mal hart transportierte Willemijn Verkaiks Stimme die Emotionen der Figur.

Da die Sängerin auf einem Barhocker saß, während sie ihre Geschichte dem Publikum erzählte, war leider ihre Mimik in den vorderen Reihen nur zu erahnen. Auf den Blues folgte eine rhythmisch vor allem durch das Klavier bestimmte Gerichtsszene. Eine stur tippende Protokollantin (Dominique Aref) begleitet die Verhandlung der Richterin (Willemijn Verkaik), die ihre Fragen an den Angeklagten (Mathias Edenborn) durch Hammerschläge auf ein Stück Holz anzeigt, während dieser erzählt, dass er nicht länger das Spielzeug ihrer Tränen sein wollte, ihr Weinen nicht mehr ertragen hat…Deswegen hat er dem Ganzen ein Ende bereitet.

'The New World' - Das Ensemble von »Songs for a New World«

‚The New World‘ – Das Ensemble von »Songs for a New World«

Alle 16 Kurzgeschichten wurden szenisch umgesetzt, wobei die vier Darsteller ohne große Hilfsmittel, allein durch wechselnde Stimmfarben und ausdrucksvolles Schauspiel die Personenkonstellationen zeichneten und das Geschehen auf der Bühne zum Leben erweckten: Magic Johnson hat „the new world“ erreicht, der berühmte Baseball-Spieler aus der Bronx ist nicht im Gefängnis gelandet und verkauft auch keine Donuts, er ist auf den Zug (‚Steam Train‘) aufgesprungen.

Fortgehen heißt aber auch, Bindungen zerschneiden. Das erfährt Brooks (Mathias Edenborn) in dem Flower Power-Song ‚The World Was Dancing‘. Für ihn gibt es kein Zurück mehr in die Welt des Vaters, wo Träume über Nacht starben. Bestimmend für ‚Songs for a New World‘ sind Stimmungskontraste, so folgte auf diesen Opener des zweiten Aktes mit ‚Surabaya-Santa‘ wie schon im ersten Teil (das schwarzhumorige Stück ‚Just One Step‘) ein großer Monolog in der Art von Songs wie ‚Seeräuber Jenny‘ (Kurt Weills ‚Dreigroschenoper‘), der mit sichtlicher Spielfreude und kabarettistischem Talent von Willemijn Verkaik in Szene gesetzt wurde; diesmal mit Hilfe von Accessoires, die zur Weihnachtszeit passten und das Publikum zu Lachsalven hinrissen: Erfolgreich ringt sich Santa Claus‘ Frau dazu durch, ihren Mann, der sie auf seinen vielen Reisen als Spielzeug mitgenommen hatte, aber nichts für sie empfindet, zu verlassen.

Ganz anders ist die individuelle Auseinandersetzung der jungen Frau mit ihrer Schwangerschaft in ‚Christmas Lullaby‘, bezaubernd gespielt und gesungen von Dominique Aref. In einer ganz anderen Rolle sieht sich DMJ als ‚King of the World‘. Die Szene ist durch Gitterprojektionen und den Auftritt der Gefängniswärter charakterisiert, die den politischen Gefangenen herein zerren und zu Boden stoßen. Allein durch extreme Körperspannung wirkten die ansonsten zivil gekleidete Willemijn Verkaik und ihr Partner Mathias Edenborn präsent. David-Michael Johnsons Darstellung des Revolutionärs, der gegen ein totalitäres Regime kämpft und doch am liebsten zurück zu seiner Familie möchte, war sehr authentisch.

An einem Wendepunkt des Lebens steht auch das junge Paar in dem emotionalen Pop-Song ‚I’d Give It All

'I'd Give It All For You' - Mathias Edenborn. Foto: Sandra Reichel

‚I’d Give It All For You‘ – Mathias Edenborn. Foto: Sandra Reichel

For You‘ – dargestellt von Willemijn Verkaik und Mathias Edenborn. Beide haben sich auf Zeit getrennt, um ihre Beziehung zu überdenken. Liebe darf doch nicht heißen, sich selbst zu verlieren. War es richtig, alles für den anderen aufzugeben? Am Ende kommen beide zu Einsicht: „There’s something between us that nobody else needs to see.“

Zwei historische Balladen finden sich in Jason Robert Browns Kurzgeschichten. Kurz vor dem Finale steht die Erzählung des Flagmakers, der 1775 die Flagge des unabhängigen Amerikas herstellt und mit jedem Streifen und Stern die Sehnsucht nach Ende des grausamen Blutvergießens in den Kolonien und nach Freiheit mit einwebt (‚The Flagmaker‘). Annehmen muss man auch den Tod, wie es in dem Gospel ‚Flying Home‘ geschieht. Chorgesang und die Silhouette einer großen Kirche verorteten das Lied.
A new world calls across the ocean

Mit ‚Hear My Song‘ schloss sich der Kreis der ‚Songs for a New World‘: Das Bild der neuen Welt hinterm Ozean aus Lied 2 kehrt in dem hoffnungsvollen Wiegenlied der Mutter, die ihrem Kind Zuversicht in schwerer Zeit geben möchte, wieder. Durch Wiederaufnahme der Motive Fluss, Wachstum und Geschenk eines neuen Morgens wird nicht nur das Schlusslied, sondern der gesamte Song-Zyklus zum Hoffnungsträger. Er beschönigt die Schwierigkeiten des Lebens nicht, sondern möchte dazu motivieren, durchzuhalten, sich Problemen zu stellen und Neues zu beginnen, auch wenn es schwer fällt.

Ganz ohne erhobenen Zeigefinger holte das ‚New World Ensemble‘ mit der Eigenproduktion der ‚Songs for a New World‘ sein Publikum mitten im Leben ab. Es bleibt zu wünschen, dass sich weitere Theater in der Größenordnung um 300 Plätze finden, die diese Produktion als Bereicherung ihres Spielplans betrachten. Der Applaus nach der mitreißenden und gleichzeitig nachdenklich stimmenden Darbietung wollte am Premierenabend nicht enden.

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