Freiheit und Verantwortung sind zwei Seiten derselben Medaille

Autor Michael Kunze im Interview

Michael Kunze. Foto: Alexander Christoph Wulz

Michael Kunze. Foto: Alexander Christoph Wulz

Am 17. Januar 2010 feiert sein und Dieter Falks (Musik) Musical »Die 10 Gebote« in der Dortmunder Westfalenhalle Uraufführung. Im Vorabinterview äußerte sich Michael Kunze zu seiner Bearbeitung des biblischen Themas

MC24/UM: Wie kamen Sie zu dem musikalischen Projekt »Die 10 Gebote« und welche Rolle spielte die Kirche bei Ihrer Arbeit als Autor?

Michael Kunze: Dieter Falk (Musik und Arrangements) rief mich an. Die Creative Kirche hatte ihn gebeten, eine zeitgemäße musikalische Umsetzung der »Zehn Gebote« zu schaffen. Er suchte jemanden, der den Text dafür verfasst. Ich sagte zu und mein fertiges Manuskript wurde akzeptiert. Dazwischen gab es keinerlei Input.

MC24/UM: Haben Sie sich bisher mit religiösen Themen beschäftigt? Und was reizte Sie an diesem biblischen Thema?

MK: Die Bibel ist für mich in erster Linie ein Kulturdenkmal. Es gibt keinen Geschichtenerzähler, der nicht unentwegt aus dem Bildervorrat der Bibel schöpft. Ich habe mich oft intensiv mit religiösen Themen beschäftigt, aber die Bibelgeschichten gehören nicht in erster Linie dazu.

MC24/UM: Wie sind Sie mit den verschiedenen Bibel-Übersetzungen umgegangen und wie haben Sie Ihre eigene Sprache gefunden?

MK: Ich habe vor allem die Luther-Übersetzung im Original verwendet. In meiner Bearbeitung erzählen zwei Kinder die Geschichte. Ich wählte Kinder als Erzähler, um mir einen ungekünstelten und unbefangenen Zugang zu der Geschichte zu ermöglichen. Dem entspricht die gewählte Ausdrucksweise.

»Die 10 Gebote« Logo

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MC24/UM: Inwiefern unterschied sich Ihre Arbeit von bisherigen Musical-Projekten? Oder ist das vielleicht gar nicht der Fall?

MK: Es handelt sich nicht um ein Musical, das szenische Umsetzung verlangt. Die Geschichte wird in einer Folge von Liedern erzählt. Natürlich fließt in die Erzählweise meine dramaturgische Erfahrung ein.

MC24/UM: »Die 10 Gebote« beschränken sich nicht auf den eigentlichen Gesetzestext des Dekalogs. Was ist für Sie der Inhalt der Geschichte?

MK: Es ist die Geschichte des Auszugs aus Ägypten und somit einer Suche nach Freiheit. Die tiefe Wahrheit darin ist, dass Freiheit ohne die Bejahung von Geboten unmöglich ist. Insofern sind die »Zehn Gebote« Antwort, Ziel und Zentrum des Geschehens.
Paradoxerweise kann nur frei sein, wer das Richtige zu tun bereit ist. In der biblischen Geschichte vom Auszug aus Ägypten erfahren wir, dass Israel keinen Weg aus der Wüste findet, solange es nicht Gottes Gebote als Gesetz akzeptiert. So gibt die Bibel Antwort auf die ewig aktuelle Frage, wie Freiheit möglich ist. Freiheit und Verantwortung sind zwei Seiten derselben Medaille. Darin liegt für mich die Weisheit der Erzählung von den »Zehn Geboten«.

MC24/UM: Charakteristisch an Ihren Stücken ist, wie Sie die Charaktere im Spannungsfeld Ihrer historischen Umwelt und Ihrer Bezugspersonen herausarbeiten. Was ist Moses für Sie für eine Figur? Welche Entwicklung macht er durch?

MK: Moses ist – ich folge Luthers Bibel – ein Tatmensch, der leicht die Kontrolle verliert. Er muss lernen, dass man nichts erzwingen kann, und insbesondere, dass Freiheit nicht etwas Äußerliches ist.

MC24/UM: Moses engste Bezugsperson ist seine Frau Zipporah. Welche Rolle spielt Sie im Stück und im Verhältnis zu Moses?

MK: Zipporah ist eigentlich die wichtigste Figur in meiner Bearbeitung. Sie bringt das weibliche Denken in die Geschichte, das letztlich auch Moses den richtigen Weg weist. Sie weiß zum Beispiel, warum die Kinder Israels nicht aus der Wüste herausfinden. Sie müssen ihr Denken ändern, bevor das möglich ist. Eine sehr zeitgemäße Erkenntnis, denke ich. Zipporah entdeckt in jedem Gebot dieselbe Grundforderung: Du sollst lieben. Wer liebt, tötet nicht, stiehlt nicht, neidet nicht, lügt nicht. Sie steht für die zentrale Aussage meiner Interpretation: Liebe ist das Gebot.

MC24/UM: Welche weiteren Personen bestimmen Moses Entwicklung und Handeln?

MK: Seine Inspiration ist Zipporah, sein Lehrer Gottes Engel.

MC24: Welche Bedeutung hat für Sie die Figur des Pharaos ?

MK: Der Pharao ist natürlich, wie in der Geschichte vorgegeben, der gnadenlose Antagonist. Mich hat die Frage gereizt, wie jemand damit fertig wird, ein Gott zu sein.

MC24/UM: Otto Sander ist die ‚Stimme Gottes‘? Ist seine Stimme aufgenommen (wie Mario Adorf bei ‚Elisabeth‘) oder steht er mit auf der Bühne?

MK: Es war meine Vorgabe, dass Gott niemals zu sehen ist. Wir hören nur seine Stimme. Sie wurde aufgenommen und wird zugespielt.

Foto: Alexander Christoph Wulz

Foto: Alexander Christoph Wulz

MC24/UM: Immer mehr Konzeptalben von Musicals erscheinen vor der Premiere. Wie sehen Sie das Erscheinen der CD vor der Uraufführung?

MK: Prinzipiell bin ich dafür, Musicals erst nach der Premiere in einer eingespielten Version aufzunehmen. Hier handelt es sich aber um einen Liederzyklus, den man auch als »Konzeptalbum« produzieren kann.

MC24: Zwischen der Produktion und der »Christoffel Blindenmission« besteht eine Partnerschaft. Welche Bedeutung hat für Sie gerade dieser Partner?

MK: In diesem Fall ideal: Es handelt sich um keine szenische, sondern eine erzählerische Darstellung. Mir wäre es lieb, sehende Menschen hörten sich das Album mit geschlossenen Augen an.

MC24: Können Sie sich nach der Beschäftigung mit diesem biblischen Thema vorstellen, ein Musiktheaterstück über eine biblische oder religiöse Figur zu schreiben? Welche Figurenkonstellationen würden Sie interessieren?

MK: Durchaus. Interessieren würden mich vor allem Gestalten aus dem Neuen Testament.

MC24/UM: Vielen Dank. Ihre Ausführungen machen neugierig auf die Uraufführung in Dortmund.

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