„Alle tanzten mit dem Tod, doch niemand wie Elisabeth“

Rezension der Premiere in der Alten Oper Frankfurt

Risse fressen sich durch die Decke von Schloss Schönbrunn, als der Tod auf Elisabeths Hochzeit Der letzte Tanz singt. Bei den Schluss-Tönen seines Liedes zerbricht die Decke in unzählige Scherben.

Der Totentanz ist das bestimmende Motiv in Michael Kunzes & Silvester Levays Musical ‚Elisabeth – Die wahre Geschichte der Sisi‘, das am 18. Dezember 2009 erstmals Premiere in der Frankfurter Alten Oper feierte und seitdem Standing Ovations empfängt und für ein volles Haus sorgt.

In Berlin wurde das Stück 2008 erstmals im deutschsprachigen Raum wieder von Harry Kupfer, dem Originalregisseur der Wiener Uraufführung (1992), inszeniert. Seit Oktober 2009 bereist die Produktion unter dem Label ‚Semmel Concerts‘ in Kooperation mit ‚Stage Entertainment‘ Deutschland und Österreich.

Das Bühnenbild von Hans Schavernoch beeindruckt durch eine Spiegel- und Projektionswand, die mit ihren Projektionen des Untergangs das Ende des Habsburger Reiches und das persönliche Schicksal der unglücklichen Kaiserin Elisabeth begleiten. In den Hintergrundbildern wird Bad Ischls Postkartenidylle mit baufälliger Architektur, der am Boden liegenden Hofburg und einem Kalvarienberg voller Totenköpfe kontrastiert.

Für die freiheitsliebende ‚Sisi‘ bedeutet das Leben in den Zwängen der Etikette des Wiener Hofes überdies, gefangen in einem goldenen Käfig zu sein.

In Szenen, in denen Erzherzogin Sophie, die Herrin der Hofburg, ihr die geringsten Freiheiten verwehrt, liegt auf den Projektionen ein Gitternetz. Insgesamt unterstreichen sie wirkungsvoll Charakter und Stimmung der Interaktionen auf der Bühne.

Neben wenigen Requisiten wie Stühlen, einem Bett und Spiegeln bestimmen einige prägnante Bühnenelemente das Bild: Über allem droht der Flügel des österreichischen Doppeladlers, an dem ein gekrönter Totenkopf prangt. Das Motiv des Doppeladlers kehrt auch in der Gondel des Riesenrades wieder, auf der erst der junge Kaiser, im zweiten Akt dann der Tod Elisabeth erwarten.

Die Brücke ins Totenreich, gestaltet als Mordinstrument Luigi Luchenis, der Elisabeth mit einer Feile ermordete, dominiert die Szene. Hinzu kommt die geflügelte Todesbarke, in die der Tod erst Elisabeth, dann ihren Sohn Rudolf einlädt.

Zusammen mit dem Lichtdesign von Hans Toelstede sowie Wolfgang Schünemann und der Video-Kunst von Thomas Reimer und Claire Walka ergibt sich ein sehr überzeugendes Gesamtbild, das der Aufführung ihren unverzichtbaren Rahmen gibt.

Michael Kunzes Stück beginnt im Totenreich, wo all die dahinvegetieren, die einst mit dem Tod tanzten. Luigi Luchenis Strafe besteht darin, dass er jede Nacht wie vor einem Jüngsten Gericht wegen seines Mordes an Kaiserin Elisabeth Rechenschaft ablegen muss.

Der Richter will ihm nicht abnehmen, dass Elisabeth den Tod liebte und er sie – dass sie in ihm einen Befreier und schließlich sogar Erlöser sah. Denn in der Figur des brutalen und zugleich verführerischen Todesengels personifiziert sich die reale Todessehnsucht der österreichischen Kaiserin.

In die Enge getrieben erzählt Lucheni erneut äußerst kritisch und voller Ironie von Elisabeths Heirat mit Kaiser Franz Joseph und ihren Kämpfen gegen ihn und die Schwiegermutter Sophie, die ihr die Erziehung der Kinder aus der Hand nahm – aber auch davon, dass Elisabeth, nachdem sie sich durchgesetzt hatte, ihre Kinder im Stich ließ, dem Hof den Rücken kehrte und ein rastloses Leben führte. Die Beziehung zwischen dem machtvollen Tod und der Frau, die so gar keine Heilige war, ist eine Liebe, die er überhaupt nicht versteht.

Hintergrund des Lebens der früh emanzipierten Frau ist der Untergang des Habsburger Reiches, das am Seperatismus der Balkanländer, den verhärteten monarchischen Strukturen und dem Deutsch-Nationalismus im eigenen Land zerbricht. Wie der Erzähler und Mörder Elisabeths es so treffend sagt: „Das 20. Jahrhundert schreitet aus.“

Der Tod ist im Musical ‚Elisabeth‘ untrennbar mit dem persönlichen Schicksal der Kaiserin und dem Untergang des Hauses Habsburg verbunden. Nachdem er Elisabeth mit seinem Tanz auf ihrer Hochzeit in den Bann gezogen hat, spielt er seine Macht über sie auch in Ungarn aus, während Elisabeth sich als ungarische Königin auf der Höhe ihres Triumphs wähnt. Er demonstriert ihr, wie kraft- und machtlos sie letztlich ist (Wenn ich tanzen will). Dennoch weist sie ihn zunächst in seine Schranken.

Wie ein verschmähter Liebhaber rächt er sich und baut eine Beziehung zum Kronprinzen Rudolf auf, der sich ganz ähnlich wie seine Mutter nach Geliebtwerden und Freiheit sehnt. Schließlich provoziert der Tod den Selbstmord des Kronprinzen, gibt ihm in der Handlung des Stückes sogar die Pistole in die Hand. Elisabeth erkennt, dass ihr Sohn sie gebraucht hätte und fleht in ihrer verzweifelten Trauer den Tod um Erlösung an. Doch der Tod lässt sich nicht bitten. Er will, dass sie sich für ihn entscheidet.

Am Ende wirft er Lucheni die Feile zu, mit der der italienische Anarchist die Kaiserin ersticht. Im Zwischenreich zwischen Tod und Leben erwartet er sie. Sie geht auf ihn zu und trifft dadurch die Entscheidung, auf die er so lange gewartet hat.

Bei der Premiere in Frankfurt am Main verkörperte Uwe Kröger, der den Tod in der Wiener Uraufführung kreierte und in Hessen 11 Gastspielshows gibt, die Rolle des tödlichen Verführers. Neben seinen zahlreichen Hauptrollen spielte er immer wieder seine Paraderolle, so in der deutschen Erstaufführung in Essen, dann erneut unter Harry Kupfer in Berlin. Uwe Kröger betonte in seiner Darstellung die brutale machtvolle Seite des Todes. „Mein Auftrag heißt zerstören, ich tu es kalt“.

Als starker Mime lehrte er auch seinen Handlanger Lucheni (Bruno Grassini) das Fürchten und wies ihm seinen Platz zu. Ganz gegen seinen Willen hat dieser Tod aber auch Gefühle für Elisabeth und nutzt all die Situationen aus, in denen Sie ihr bisheriges Leben verlassen will. Dann setzte Uwe Kröger die erotische Anziehungskraft dieses Wesens, das nicht von dieser Welt ist, mit großer Bühnenpräsenz in Szene und versuchte die junge wütende, verzweifelte Frau zu überzeugen, dass es Freiheit nur bei ihm gibt. Der gebürtige Westfale unterstrich seine Darstellung mit ausdrucksstarker, variabler Pop-Belt-Stimme.

Annemieke van Dam spielte die Titelrolle, in der sie bereits in Berlin, Zürich und nun seit München zu sehen ist. Überzeugend brachte sie die junge trotzige Elisabeth auf die Bühne, der sie eine ganz eigene charakteristische Prägung verlieh. Gegenüber der Ablehnung der Erzherzogin Sophie sucht sie in der Szene Eine Kaiserin muss glänzen Hilfe bei Ihrer Hofdame. Wie ein kleines Kind greift sie nach den Rockschößen der Gräfin Esterhazy (wunderbar menschlich gespielt von Esther Hehl) und hat hier einen ihrer berührendsten Spiel-Momente. Man nahm der jungen Niederländerin auch die Verzweiflung und Verbitterung der älteren Elisabeth ab. Stimmlich zeigte sie sich Bühnenpartner Uwe Kröger durchaus gewachsen.

Die Rolle von Elisabeths Mörder und zugleich die des kommentierenden Erzählers ihres Schicksals verkörperte Bruno Grassini, dem die zahlreichen italienischen Kommentare wie „stronzo“ oder „che bambino stupido“ schon deshalb so flüssig über die Zunge kommen, weil er selbst Italiener ist. Als Luigi Lucheni war der Darsteller bereits in Wien, Japan, Triest und Berlin zu sehen und brillierte durch sein ausdrucksstarkes Spiel mit zahlreichen Stimmfarben auch in Frankfurt.

Bruno Grassini gelingt es, seine Figur zu integrieren. Obwohl teils geradezu sarkastischer Kommentator des Geschehens, wurde er doch Teil der Geschichte. Als Handlanger des Todes nimmt er sich gegenüber Elisabeth Frechheiten heraus, die der Tod bis zu einem gewissen Grad duldet. Bruno Grassini und Uwe Kröger, die bereits in Berlin gemeinsam auf der Bühne standen, zeigten hier, welche Feinheiten die Interaktion zweier Darsteller, die aufeinander eingespielt sind, erreichen kann.

Markus Pol spielte den menschlichen Gegenpart des Todes, den österreichischen Kaiser Franz Joseph, als der er bereits in Japan, Berlin und Zürich zu sehen war. Mit starkem Spiel zeigte er den Monarchen hin und hergerissen zwischen seiner Pflicht als Soldat sowie oberster Beamter des Staates und seiner Zuneigung für Elisabeth. Nur in wenigen Momenten lässt dieser disziplinierte Mann Gefühle zu: In Elisabeth, mach auf mein Engel verlangt es ihn nach seiner Frau, die sich ihm entzieht und in der Reprise von Ich gehör‘ nur mir gibt er aus Furcht, seine Liebe zu verlieren, erstmals nach.

Ein letztes Mal zeigt er Emotionen, als er verzweifelt hören muss, dass der Tod Elisabeth mit einer Feile von ihrem Leben erlösen will. Kaiser und Tod liefern sich an dieser Stelle ein stimmstarkes Duell auf der ‚Feile‘. Mit seinem warmen Bariton harmonierte Markus Pol auch aufs Beste mit Annemieke van Dam.

Den Kronprinzen Rudolf brachte Thomas Hohler auf die Bühne, der diese Rolle bereits in Berlin coverte, bevor er im belgischen Antwerpen und nun seit München den Sohn von Elisabeth und Franz Joseph als Erstbesetzung gab und gibt. Als Sohn dieser beiden Charaktere spielte Thomas Hohler den Prinzen als sensiblen Mann voller Ideale, aber zur gleichen disziplinierten Soldatenhaltung erzogen wie sein Vater.

Als Journalist kritisiert er die Regierung des Vaters und lässt sich vom Tod zum Bruch mit der Tradition verführen. Mut und Verzweiflung lagen nah beieinander im Spiel des Darstellers, der im großen Duett dem Tod kraftvoll Paroli bot und in seinem Solo Wenn ich Dein Spiegel wär zutiefst berührte.

Das großartige Elisabeth-Ensemble zeigte bis in die kleineren Rollen, wie gut es aufeinander eingespielt ist und dass in einem Stück wie ‚Elisabeth‘ jeder einen wichtigen Part erfüllt. Zu Recht vom Publikum besonders honoriert wurde die Leistung des 10jährigen Darstellers des kleinen Rudolf. Valentin Teufel beeindruckte durch schöne Stimme, Deutlichkeit der Sprache, sichere Betonung und sein unbekümmertes Spiel. Selbst Tod-Darsteller Uwe Kröger musste schmunzeln, als der kleine Rudolf mit Schwung in die Kissen seiner Todesbarke sprang.

Das Elisabeth-Orchester bleibt in Frankfurt während der Show unsichtbar und besteht aus 16 Musikern unter ihrem musikalischen Leiter Daniel Behrens, die Sylvester Levays dramatische, lyrische und mitreißende Kompositionen am Premierenabend flüssig über die Rampe brachten. Die Techniker der Elisabeth-Produktion bauen an jeder Spielstätte für etwa einen Monat Dauer Drehbühne, Bühnenelemente und die gesamte Ton- und Lichttechnik neu auf. Sie müssen sich mit den räumlichen und technischen Gegebenheiten der jeweiligen Häuser auseinandersetzen, wofür vor der Premiere kaum Zeit bleibt, erst recht nicht für eine Tonprobe mit Publikum. Die endgültige Anpassung des Sounds ist aber nur mit Publikum möglich. Das muss man berücksichtigen, wenn man die Tonprobleme am Nachmittag des Premierentages erlebt hat, die schon bei der Premiere am Abend nahezu behoben waren. Einzig im linken vorderen Block und im Rang gab es noch Soundschwankungen. Durch den Aufbau des Elisabeth-Sets mit Drehbühne wurde die ohnehin hohe Bühne der Alten Oper noch angehoben, weshalb sich in den ersten vier Reihen Sichteinschränkungen ergeben und die vorderen Reihen daher nicht als PK1 verkauft werden sollten.

‚Elisabeth‘ wurde vom Premierenpublikum in der Frankfurter Alten Oper mit Standing Ovations gefeiert. Diese begeisterte Aufnahme zeigt, dass in einer Zeit, in der Compilation-Shows zur den verschiedensten Musikrichtungen aus dem Boden gestampft werden, eine gut erzählte Geschichte mit wahrhaftigen Charakteren, die zur Identifikation und Auseinandersetzung einladen, ein dankbares Publikum findet.

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